Die Zehnerjahre - Rückblick auf das zweite Klassiker-Jahrzehnt (2011-2020)

Bruno von Rotz
31.12.2020

Klassiker-Gegensätze im zweiten Jahrzent (© Bruno von Rotz / Aston Martin)

Es scheint, man ist sich bei der Definition des Jahrzehnts nicht ganz einig. Reden wir nun von 2010 bis 2019 oder 2011 bis 2020? Nun, beim jetzt ablaufenden Jahrzehnt, und wir übernehmen nun die breiter angewandte Form 2011 bis 2020, macht es gar keinen so grossen Unterschied, denn das Jahr 2020 scheint ja irgendwie gar nicht stattgefunden zu haben. Wer an grosse Anlässe, Concours oder Rallyes zurückdenkt, an denen er teilgenommen hat, muss oft bis ins Jahr 2019 zurückgehen. Die Corona-Pandemie hat zumindest teilweise das Jahr 2020 ausradiert.

Heute Nacht aber erfolgt der Übertritt ins nächste Jahrzehnt, wenn das Jahr 2021 beginnt. Ein guter Zeitpunkt, die letzten zehn Jahre noch einmal unter die Lupe zu nehmen, zumal das ziemlich genau der Zeithorizont ist, den zwischengas.com mit über 11’000 Berichten/Artikel/Beiträgen eng verfolgt hat.

Beginnen wir mit den modernen Autos, denn diese sind es ja, die in 20 oder 30 Jahren zu Youngtimern und Oldtimern werden sollen. Zudem prägen die Regulierungen der modernen Mobilität immer auch den Umgang mit dem historischen Kulturgut.

Schneller Wandel

Die grossen Themen der letzten Jahre waren sicherlich die CO2-Problematik und die Elektromobilität. Kaum je zuvor wurde der Übergang von einer Technologie zur anderen mit derartig viel politischem Druck ausgelöst. Die Autohersteller sind gezwungen, von bewährten Antriebskonzepten Abstand zu nehmen und auf Elektro- oder Wasserstoffautos zu setzen. Die Feinstaub-Problematik (inkl. “Diesel-Gate”) machte dem Diesel den Garaus. Unabhängig von der Antriebstechnik werden moderne Autos immer mehr zu fahrenden Computern, Assistenzsysteme machen sich breit und sind oder werden sogar Pflichtausrüstung. Der herkömmliche Zündschlüsel verschwindet genauso wie das von Hand geschaltete Vier-, Fünf- oder Sechsganggetriebe.

Sicherheitsanforderungen machen die Autos immer schwerer, grösser, aber auch unübersichtlicher. Das “Sport Utility Vehicle” (SUV) wird zur meistverkauften Fahrzeugkategorie.

Gleichzeitig überbieten sich die Hypercars mit immer monströseren Motorleistungen, waren anfangs der Zehnerjahre 1000 PS noch ein Spitzenwert, so müssen heute 2000 und mehr PS aufgerufen werden, um die Quartettspieler, sollte es noch solche geben, zu beeindrucken.
Die Individualmotorisierung nimmt auch am Ende der Zehnerjahre immer noch zu, aber die Regulierungsdichte und zunehmende Staus, machen es immer schwieriger, schnell von A nach B zu kommen.

Leere Strassen während des Corona-Lockdowns 2020 (© Daniel Reinhard)

Im Corona-Jahr 2020 mussten viele Leute zuhause bleiben, die CO2-Belastung durch den rollen Verkehr nahm ab, dafür nahm die Geräuschempfindlichkeit zu. Nie zuvor gab es soviele Klagen wegen “Posern” und lauten Motorrädern.

Obwohl das Automobil gemäss jüngsten Untersuchungen auch bei jüngeren Menschen immer noch einen hohen Stellenwert hat, nimmt die Bedeutung des Fahrzeugbesitzes ab. Die “Sharing Economy”, also das Teilen von Mobilitätskapazitäten tritt mit Fahrrädern, Rollern und auch Autos immer stärker in unser Leben.

Blättern wir kurz zurück ins Jahr 2011, da gab es den Tesla Roadster, das erste Modell des amerikanischen “Shooting Stars” gerade seit drei Jahren und das Modell S existierte erst als Prototyp. Elektroautos waren eine absolute Nische. Wer ökologisch erscheinen wollte, fuhr einen Toyota Prius. Oder das Konkurrenzprodukt von Honda. Viel mehr gab’s gar nicht. Über zehn Jahre hat sich dies komplett geändert, denn am Ende des Jahrzehnts werden bald mehr Elektroautos vorgestellt als herkömmlich, sprich mit Benzin- oder Dieselmotoren angetriebene Fahrzeuge. Und immer mehr Staaten wollen den Verkauf von Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren schon in naher Zukunft, also in weniger als 10 Jahren, verbieten.

Keine gute Ausgangslage für unser geliebtes historisches Kulturgut. Aber was lief eigentlich im Umfeld der Klassiker zwischen 2011 und 2020?

Klassiker-Jahrzehnt der Gegensätze

Der Gegensatz zwischen der Baillot-Versteigerung vom 6. Februar 2015 und dem Trend zum fabrikgebauten Neu-Oldtimer könnte kaum grösser sein, aber genau solche Gegensätze prägten das Jahrzehnt 2011-2020. In Paris wurden für teilweise kaum restaurierbare Originale Rekordpreise bezahlt. Aston Martin, Chevron, Jaguar und Lister begannen, neben anderen Herstellern, ihre alten Autos neu zu bauen. Ab Werk konnte man einen nagelneuen Aston Martin DB4 GT Zagato, aber auch einen brandneuen Jaguar XKSS bestellen. Das Geschäft mit der Vergangenheit hat damit eine neue Dimension erhalten. Auch Werksrestaurierungen gehörten plötzlich zu den interessanten Geschäftsfeldern, egal, ob es nun darum ging, alte Land Rover wieder neu zu erschaffen, oder Lamborghini- und Ferrari-Sportwagen in zertifizierter Originalität zu erhalten.

Generell bescherten die 2010-er-Jahre dem Oldtimer einen enormen Boom. Noch nie gab es so viele alte Autos, noch nie so viele Enthusiasten, die einen haben wollten. Dies wirkte sich in stetig steigenden Preisen aus. Gesuchte Klassiker konnten innert eines Jahres in zweistelligen Prozentsätzen an Wert gewinnen. Ab 2015/2016 etwa erfolgte langsam eine Wende, trotzdem ist das Gros der alten Autos im Jahr 2020 deutlich mehr wert als zehn Jahre zuvor.

Ferrari 250 GTO von 1962 - versteigert im Jahr 2018 in Monterey durch RM/Sotheby's (© RM/Sotheby's)

Es hagelte Rekorde, kaum ein Jahr verging, in dem nicht Hunderte von Rekorden gebrochen wurden. Am 25. August 2018 verkaufte Rm/Sotheby’s einen Ferrari 250 GTO von 1962 für USD 48’405’000, womit der Auktionsrekord der Zehnerjahre geschrieben wurde. Selbst der billigste Wagen der Top-20 wechselte noch für USD 17,6 Millionen die Hand. Und auch im Jahr 2020 gab es neue Rekorde, auch wenn dies seltener der Fall war.

Jahr für Jahr wechselten Klassiker im Wert von Hunderten von Milliarden die Hand, ein Geschäft von beträchtlichen Volumen und Anziehungskraft. Dass es in der Folge auch zu einigen Betrügereien kam und der eine oder andere Porsche Carrera RS 2.7 gleich in mehrfacher Ausführung mit derselben Fahrgestellnummer an die Öffentlichkeit trat, musste niemanden überraschen.

Mit der Corona-Pandemie werden Auktionshäuser gezwungen, stärker online zu denken. Gleichzeitig wachsen neue Internet-Versteigerungsfirmen fast schon wöchentlich aus dem Boden.

Rétromobile 2020 (© Daniel Reinhard)

Nicht nur das Auktionswesen profitierte vom Oldtimer- und Youngtimer-Boom. Das Angebot an Veranstaltungen wurde Jahr für Jahr immer grösser, der Kampf um die Teilnehmer wuchs. Selbst das Messeangebot nahm zu und gleichzeitig feierten die grossen Publikumsmessen in Paris, Essen, Stuttgart oder Padua immer neue Besuchsrekorde. Umso abrupter fühlte sich dann der plötzliche Stillstand im Corona-Jahr 2020 an.

Steigende Bedeutung von Originalität und Geschichte

Waren vor wenigen Jahrzehnten noch perfekt restaurierte Klassiker, vornehmlich aus den Vorkriegsjahren, die Stars der grossen Concours, so wurde die Nachfrage nach Originalität und unveränderten Oldtimern in den Zehnerjahren immer grösser. Womit wir wieder bei der Baillon-Sammlung wären, aus den neben vielen Ruinen eben auch zwei fast unberührte Klassiker von Maserati und Ferrari versteigert wurden. Beim Ferrari handelte es sich um einen 250 GT Spyder California, einst gefahren von Alain Delon und an der Auktion im Februar 2015 schliesslich für USD 18,6 Millionen verkauft. Selbst toprestaurierte Exemplare mit deutlich spannender Geschichte haben das nicht geschafft.

Ferrari 250 GT California Spider 1961 (© Bruno von Rotz)

Noch nie wurde soviel geforscht und dokumentiert, um Klassikern ihre Identität zu geben und ihre Historie zu bewahren. Gefragt sind in diesem Zusammenhang natürlich auch Online-Medien, wie es zwischengas.com ist, was sicherlich einen Teil unseres Wachstums erklärt.

Der Aufstieg des jungen Klassikers

In den Zehnerjahren wurden die Klassiker immer jünger, es entstand die neue Kategorie der Neo-Klassiker, die es nicht nur in die Auktionen der grossen Anbieter schafften, sondern sogar an den Concours-Veranstaltungen auftauchten. Und plötzlich tauchten Lamborghini, Pagani oder Koenigsegg in den Listen der Versteigerungsrekorde  auf.

Stehen oder fahren?

Mit immer stärker werdendem Verkehr und im Alltag kaum noch zu bewegenden Super- und Hyper-Sportwagen im Neoklassikersegment, wird das eigentlich Fahren des alten Autos auf öffentlichen Strassen immer unwichtiger. An Bedeutung gewannen dagegen Trackdays und historische Rennveranstaltungen. Doch für manchen Klassiker sind selbst abgesicherte Umgebungen zu risikoreich, das Fahrzeug wird zum Standzeug, zum Investitionsvehikel. Mitte der Zehnerjahre erfreuten sich Funds und Investment-Clubs rund um das historische Fahrzeug grosser Beliebtheit, kein Wunder bei jährlichen Gewinnen von 10 oder 20 %. Die Euphorie legte sich allerdings ab 2017 wieder.

Generationenfrage

Die Frage, wer die Oldtimerliebhaber von morgen sind, war eine der meistdiskutierten. Vielen Enthusiasten fehlt der Nachwuchs, kein Wunder kamen umfangreiche Olditmer-Sammlungen unter den Hammer. Werden die Jungen von heute in Zukunft überhaupt noch alte Autos fahren oder lieben? Eine endgültige Antwort konnte in den Zehnerjahren nicht gegeben werden. Ein Rezept, die Autobegeisterung wieder zu steigern wurde leider nicht gefunden.

Drohende Fahrverbote

Im Sog der Feinstaubdebatten und der Klimabewegung ging es auch dem alten Auto an den Kragen. Manche Stadt, darunter immerhin auch Paris, verhängte Fahrverbote, schloss z.B. die Youngtimer vom Verkehr aus. Zwar konnte für die “richtigen” Oldtimer vielerorts eine Ausnahmeregelung erwirkt werden, aber wie lange das hält, ist unklar.

Zurückblickend kann man sagen, dass jetzt ablaufenden Zehnerjahre das Jahrzehnt des automobilen Klassikers waren. Wäre ein Oldtimer-Enthusiast aus den Achtzigerjahren mit einer Zeitmaschine ins Jahr 2015 gereist, er hätte seinen Augen nicht getraut. Auktionen mit Hunderten von Millionen Umsatz an einem Abend, Klassikertreffen mit mehr als tausend Teilnehmerautos, historische Veranstaltungen mit Startgeldern in fünfstelliger Höhe, all dies wäre 1985 wohl undenkbar gewesen.

Aber was meinen Sie? Haben wir die wesentlichen Entwicklungen der Zehnerjahre richtig zusammengefasst? Fehlt etwas Wichtiges? Kommentieren Sie, ergänzen Sie! Dafür genau haben wir zwischengas.com geschaffen, jetzt sind Sie dran!

Archivierte Einträge:

von or******
05.01.2021 (11:51)
Antworten
Vielen Dank für den wunderbaren Artikel! Leider sehe ich die Situation nicht so rosig: Vor ca. 30 Jahren habe ich als 20-Jähriger auf Oldtimer Messen oder Oldtimerausfahrten auch viele junge Leute gesehen; das ist heute nicht mehr der Fall. Vielmehr nehme ich nur alte Männer auf den Messen oder in den Clubs wahr. Die Jugend, und da beziehe ich meine Kinder mit ein, begeistern sich eher für einen Tesla als für das gute alte Eisen. Daher habe ich große Sorgen, was den Nachwuchs wie auch die Preise unserer Lieblinge in Zukunft betrifft.
von ga******
06.01.2021 (10:44)
Antworten
Ja, leider haben die Preise so angezogen, dass es für junge Einsteiger sehr schwer wird. Auch die Kompexität der "neueren" Fahrzeuge erleichtert ein selber Schrauben nicht gerade. Da kann es nicht verwundern, wenn die Szene langsam "überaltert".
von la******
06.01.2021 (17:38)
Antworten
Als ich mit der Oldtimerei Anfang der 90er begann wollte man mit dem Alteisen fahren und verbesserte somit auch die Fahrzeuge durch zB. bessere Bremsen, 5-Ganggetriebe usw..
Obwohl dies der Sicherheit und Verbrauchsreduktion dient, greift heute ein Orginalitätsfanatismus um sich der einige unserer Fahrzeuge zu stehenden Skulpturen degradiert.
Wenn man die Automobilgeschichte ansieht waren Bestrebungen die Autos mit neuerer Technik zu verbessern durchaus üblich.
Höhepunkt ist wohl der Kult um mumifizierte patinierte Automobilleichen mit einer Mischung aus Rost, Originallackfragmenten und entsorgungswürdigen Innenaustattungen.
Unseren Nachkommen wird wohl auch die Lust vergehen ihre Freizeit in sektenartigen Klubs mit Fahrzeugen zu verbringen, die im heutigen Verkehr nicht mehr tauglich sind.
Fazit: Augenmerk auf Abgasverbesserung und Verbesserung der Bremsfähigkeit unserer
Fahrzeuge um noch etwas länger geduldet zu werden.
Antwort von is******
06.01.2021 (19:46)
Ich bin nicht gleicher Meinung, möglichst original und verkehrsgerecht eingesetzt ist das Richtige. Die ganze Aura würde mir fehlen wenn irgend ein Auto mit einer modernen Bremsanlage herkommt. Gruss Robi
von la******
06.01.2021 (23:36)
Antworten
Ein Bremskraftverstärker, Bremssättel mit mehr als nur einem Kolben, Scheibenbremsen bei einem zB. für seine Trommelbremsen viel zu schnellen Jaguar XK 140 können trotzdem speziell in den Bergen von Vorteil sein wenn das elegante Hinterteil eines ABS gebremsten Vehikels unliebsam rasch näher kommt!
Trotz vorausschauender Fahrweise ist der Unterschied von 50 und mehr Jahren technischen Fortschritts nicht immer zu kompensieren.
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