Sein erstes Mal vor 100 Jahren
Rennfahrer, Freunde, Konkurrenten, sie gaben ihm viele Namen: Der dicke Alfred, Don Alfredo, Friedl oder einfach nur „Der Dicke“. Die Rede ist von Alfred Neubauer (1891-1980), geboren unweit der Nesselsdorfer Autowerke, heute als Tatra bekannt.
Bei Austro-Daimler in der k.u.k.-Monarchie begann seine Karriere als Automobiloffizier und dort setzte er sie nach dem Weltkrieg fort – als Rennfahrer. 1923 folgte er Ferdinand Porsche zur Daimler-Motoren-Gesellschaft, wurde Abteilungsleiter für die sogenannten Einfahrer, die als Qualitätstester viele Kilometer mit neuen Fahrzeugen zurücklegen mussten.
Am 12. September 1926 stand Neubauer dann zum ersten Mal als Rennleiter an der Strecke beim Solitude-Rennen – heute vor 100 Jahren. Die Organisatoren protestierten dagegen, aber er sagte nur: „Ich bin der Rennleiter vom Mercedes-Team. Ich muß hier stehen, um meinen Leuten Zeichen geben zu können.“ Mit dieser Szene begann seine einzigartige Karriere als erster Rennleiter bei Daimler-Benz, die ihn durch drei Motorsport-Epochen führt.
Zuerst begleitete er die Kompressor-Tourenwagen der S-Reihe, dann folgte seine erfolgreichste Zeit mit der Silberpfeil-Ära in den 1930er-Jahren. Zu seinen großen Verdiensten gehörte damals die Entwicklung einer Kommunikations- und Signaltechnik zwischen Box und Fahrern, zuerst mit Fahnen, später mit Tafeln.
Nach dem Krieg führte er Mercedes-Benz 1952 auf die Rennstrecke zurück und erlebte das tragische Ende 1955: Ein 300 SLR flog in Le Mans unverschuldet von der Strecke und tötete 84 Menschen. Doch das Ende der Mercedes-Rennaktivitäten war unabhängig vom Unfall, es war bereits vorher beschlossen worden. Neubauer ging danach in den Ruhestand, der Rennfahrer Karl Kling wurde sein Nachfolger.
1958/59 veröffentlichte Neubauer seine Memoiren in den viel zitierten Büchern „Männer, Frauen und Motoren“ sowie „Herr über 1000 PS“. Lange Zeit wurde über seinen Aussage gestritten, man habe für die 750-Kilo-Rennformel den weissen Lack von den Rennwagen abkratzen müssen, um Gewicht zu sparen. So seien die Silberpfeile entstanden. Heute gilt nach dem Fund alter Fotografien als wahrscheinlich, dass genau dies passiert sein muss, trotz bestehender Ungereimtheiten.
Mit der Entwicklung der Silberpfeile hatte er neben dem Rennwagenleiter Rudolf Uhlenhaut nur indirekt zu tun. Doch ein Nutzfahrzeug geht massgeblich auf seine Anregung zurück – das „Blaue Wunder“. Der ungewöhnliche und fast schon skulpturale Frontlenker basiert auf dem Fahrgestell eines 300 S und wird angetrieben von einem 220 PS starken Reihensechser aus dem 300 SL.
Rennsport-DNA mit Nutzwert: Einzelradaufhängung, Cockpit im Rennwagen-Stil und integrierte Aluminium-Laderampen machen den Renntransporter einzigartig. Selbst voll beladen erreichte er eine Spitzengeschwindigkeit von mehr als 170 km/h, um an einem Wochenende in kurzer Zeit ein Fahrzeug zwischen dem Werk und der Rennstrecke hin- und herzubefördern. Das Unikat wurde 1967 verschrottet, im Mercedes-Museum steht seit 2001 eine originalgetreuer Nachbau.
















