Der britische Nachkriegs-Volkswagen, an den sich niemand mehr erinnert

Bruno von Rotz
03.10.2020

Prototyp Kendall-Beaumont von 1945

Wir hätten daraus eine fast unlösbare Autokenner-Quizfrage machen können, dieses Auto hätte aber auch gut in den Beitrag “Technik im Gespräch - Schnapsideen” gepasst. Der Kendall-Beaumont wurde 1945 auch in der hiesigen Presse breit diskutiert, war er doch das erste britische Nachkriegsprojekt mit dem Ziel, einen “Volkswagen” zu bauen, also ein Auto für die Massenmotorisierung.

Die Automobil Revue widmete dem Neuankömmling bereits in der Nummer 2/1945 fast eine ganze Seite. 100’000 Autos pro Jahr sollten gemäss den Vorstellungen der Grantham Productions Ltd. gebaut werden.

Der Sternmotor des Kendall-Beaumont von 1945

Der Wagen war selbsttragend konstruiert, aber das Ungewöhnlichste war sicherlich der Dreizylinder-Sternmotor im Heck, der via ein Dreiganggetriebe die Hinterachse antrieb. 30 PS sollte der 600 cm3 grosse Zweitakter bei 6000 Umdrehungen erreichen, ziemlich eindrückliche Werte für das Jahr 1945. Während die vier Einzelradaufhängungen zukunftsweisend waren, erstaunte die Idee eines Kickstarters für den Motorstart.

Ein halbes Jahr später berichtete die Automobil Revue in der Nummer 25/1945 im Rahmen einer Betrachtung der britischen Autoindustrie erneut vom kleinen Kendall. Die kurze Charakterisierung können wir hier wiedergeben:
“Dieser englische «Volkswagen», der für ca. 100 Pfund Sterling auf den Markt kommen soll, befindet sich noch immer im Versuchsstadium. Immerhin wurden verschiedene Fortschritte gemacht. Der Dreizylindermotor von ca. 600 cm leistet in normaler Ausführung ca. 18 PS, während er als etwas forciertes Modell bis zu 25 PS an der Bremse abgeben soll. Die Auspuffturbine, die mit dem Schwungrad verbunden wird, soll dabei eine Mehrleistung von ca. 4 % erzielen.
Neben der vierplätzigen Limousine steht zur Zeit auch ein Kleinfraktor im Versuch, der den gleichen Motor sowie ein Zusatzgetriebe, insgesamt also sechs Gänge, besitzt. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 40 km/h, die kleinste Geschwindigkeit ca. 3 km/h. Ferner ist eine Zapfwelle für eine Drehzahl von 800 Touren/min vorgesehen. Die Dimensionen dieses landwirtschaftlichen Kleinfahrzeugs sind: Radstand 1,5.m, Länge 2,4 m, Gewicht 600 kg, kleinster Drehkreis 4,2 m."

Heckansicht des Prototyps Kendall-Beaumont von 1945

Im September 1945 erschienen dann Fotos des britischen “Volkswagens” in der Automobil Revue 38/1945. Es sei nun endlich das erste Exemplar des englischen “Kendall-Beaumont”-Kleinwagens fertiggestellt worden. Der Wagen werde von der britischen Presse eher kühl empfangen, stand da zu lesen.

Und das wars dann. Offensichtlich konnte sich der Wagen am Markt nicht durchsetzen. Dabei hätten wir doch so gerne einmal ein Auto mit Sternmotor gefahren ….

Archivierte Einträge:

von st******
07.10.2020 (15:34)
Antworten
Die Stößelstangen, Nockenwellen, etc. deuten aber eher auf einen Viertaktmotor hin. Ebenfalls die hohe Nenndrehzahl von 6000 U/min.
von 219w105
06.10.2020 (21:00)
Antworten
"Dabei hätten wir doch so gerne einmal ein Auto mit Sternmotor gefahren..."
Ich auch, zumal die kleine und leichte Konstruktion bestimmt nicht nur laufruhig sondern mit 25PS für damalige Verhältnisse auch relativ flott unterwegs gewesen sein sollte!
Üblicherweise bevorzuge ich ja Reihensechszylindermotoren oder ein ganzzahliges Mehrfaches davon, aber ein Dreizylinder-Sternmotor wäre wirklich einmal interessant!
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