Blick ins (Oldtimer-/Youngtimer-) Jahr 2051

Bruno von Rotz
14.02.2021

Blick in das Jahr 2051

Im Jahr 2051 werde ich 89 Jahre alt oder tot sein, mein Sohn wird auf 55 Lebensjahre zurückblicken können und das Gros der heutigen Zwischengas-Leser darf im Mittel den 80. bis 90. Geburtstag feiern. Hoffentlich ist bis dahin auch noch eine jüngere Leserschaft nachgerutscht.

Wie aber wird die Welt alter Autos in 30 Jahren aussehen, wenn ein VW ID3 just zum Oldtimer geworden ist und die frühesten Tesla Roadster bereits 43 Jahre alt sind? Wagen wir einen Blick in die Kristallkugel!

Das Gros der Autos im Jahr 2051 fährt batterieelektrisch, bereits vor 2030 setzte, gefördert durch die Politik und begünstigt durch die immer billiger und gleichzeitig ökologisch werdenden Akkus, ein regelrechter E-Mobil-Boom ein, was innert weniger Jahre fast zum kompletten Austausch der bis dahin dominierenden Benzin- und Dieselfahrzeugen geführt hat. Wichtig für diese Entwicklung war auch, dass man einerseits bessere Alternativen zur Lithium-Ionen-Batterie fand, die nicht nur weniger gefährlich, sondern auch besser abbaubar waren, andererseits die stetig sinkenden kWh-Kosten. Im Jahr 2050 ist man bei deutlich weniger als 10 USD pro kWh angekommen, womit ein Akku für gegen 1000 km Reichweite noch etwa 800 bis 1000 USD kostet. Deshalb konnten Elektroautos ab 2035 auch deutlich günstiger angeboten werden. Die komplexeren Verbrenner und Hybridautos waren da preislich einfach nicht mehr in der Lage zu konkurrieren.

Gleichzeitig machte die Technik für autonomes Fahren zwar langsam, aber doch stetig Fortschritte, weshalb im Jahr 2035 fast alle regulatorischen Barrieren fielen und sich im Jahr 2050 über drei Viertel aller Autos komplett autonom fortbewegen können.

Entsprechend sind neue Märkte entstanden und bestehende haben sich verändert. Aus öffentlichem Verkehr und Taxidienstleistungen sind Mischformen entstanden, nur noch auf wichtigen Verbindungsrouten sind Flugobjekte sowie schienen- oder strassengebundene Massentransportmittel mit grosser Passagierkapazität unterwegs. Selbst im Logistikbereich haben fahrerlose Fahrzeuge einen grossen Marktanteil.

In der Folge mussten auch die Strassenverbindungen neu strukturiert werden. Aus zweispurigen Autobahnen wurden dreispurige Transportrouten, für nicht-autonom fahrende Fahrzeuge wird jeweils eine separate Spur eingerichtet, die aber auf eigenes Risiko auch von autonom fahrenden Wagen mitbenutzt werden darf. Dazu muss man wissen, dass die Sicherheitsfortschritten bei selbstfahrenden Autos stetig gesenkt werden konnten, da Unfälle nur noch in äusserst seltenen Fällen auftreten, weil schliesslich der ganze Strassenverkehr vernetzt ist.

Kaum jemand besitzt mehr selber ein modernes Auto, entweder hat er ein Abonnement, das ihm jederzeit einen Wagen sichert oder er mietet das Transportmittel, wenn es gerade benötigt wird.

Der Strassenlärm ist längst kein Thema mehr, denn einerseits regen sich die Leute im Jahr 2050 deutlich mehr über das ständige Schwirren in der Luft wegen der Transport- und Passagier-Dronen auf, anderseits sind die Strassenverkehrsmittel natürlich auch deutlich leiser geworden durch die Elektrifizierung und geräuschdämmende Fortschritte bei der Reifen- und Fahrbahntechnologie.

Ganz ausgestorben ist der Verbrennungsmotor allerdings nicht. Betrieben wird er aber seit bald 30 Jahren fast ausschliesslich mit ökologisch hergestellten synthetischen Kraftstoffen (während der Einführungszeit nannte man sie e-Fuels). Selbst 150-jährige Automobile lassen sich dank Optimierung der Treibstoffe noch fahren, allerdings sind auf den grossen Strassen und wichtigen Verbindungstransportlinien alte Autos nur noch zugelassen, wenn sie zumindest rudimentäre Sensoren und Verkehrskommunikationsmittel an Bord haben. Da man ein solches Modul aber für geringes Geld kaufen und einbauen kann, sind viele alte Autos damit ausgerüstet.

Die Freude am alten Auto ist denn auch nicht verloren gegangen, obwohl die Generationen, die nach 2000 geboren sind, immer weniger Bezug zur einst omnipräsenten Automobil-Euphorie haben. Durch Netflix-Serien und Hollywood-Filme aber hat sich auch ein Teil der nachfolgenden Generationen von den einst dominierenden Verbrennerautomobilen mit fühl- und hörbarer Technik begeistern lassen. Weil der Nachschub an neuen Autos, die sich zum finanzierbaren Oldtimer oder Youngtimer eignen, wegen der zunehmend komplexeren Technologie und sozusagen eingebauten Alterung ab der Zehnerjahre stetig verringert hat, müssen Oldtimer-Enhusiasten weitgehend auf Autos mit Jahrgang vor 2000 zurückgreifen. Nur wenige später gebaute Autos, darunter teure Sportwagen und Luxusfahrzeuge, sind überhaupt noch wartbar und am Leben zu halten. Die erste Generation der Lithium-Ionen-Elektroautos ist komplett ausgestorben, die wollte einfach niemand behalten.

Um die Autos davor hat aber eine lebendige Szene überlebt und sich weiterentwickelt. Programmierbare und anpassbare Ersatzelektronikmoduln ersetzen und simulieren defekte Bausteine von einst, die Mechanik lässt sich mit überschaubarem Einsatz unterhalten. Förderlich für das Fortbestehen der Oldtimerleidenschaft ist auch, dass Park- und Garagenraum sehr günstig ist, weil kaum jemand noch ein Alltagsauto zuhause aufbewahren muss.

Riesige Neunzigerjahre-Autos-Treffen haben sich etabliert und ein Audi TT, ein BMW Z3 oder ein Subaru SVX stehen da im Zentrum des Interesses. Viele Veranstaltungen mit gesperrten Strassen abseits der grossen Verkehrsströme erlauben gefahrloses und gemütliches Touren mit alten Autos. Neue Veranstaltungsformen und Fahrerlebnisse motivieren die Besitzer alter Autos, den Wagen immer wieder aus der Garage zu holen.

Die Oldtimerszene hat also überlebt und sie ist mindestens so bedeutend wie die Anhängerschaft von mechanischen Uhren, Vinylschallplatten, Doppeldeckerflugzeugen oder Dampflokomotiven zusammen. Sorgen macht den Enthusiasten allerdings das stetig zunehmende Alter ihrer Schützlinge. Es geht nicht mehr lange, dann werden die ältesten Oldtimer 150 oder sogar 200 Jahre alt. Und selbst einst populäre Klassiker wie ein MG TD oder ein Mercedes-Benz 190 SL gehen auf die 100 Jahre zu. Versicherungskosten werden zwar im Jahr 2050 abhängig von der Nutzungssituation verrechnet, aber damit schlagen sie sich auch auf jeden Kilometer Fahrt nieder, während der Treibstoff, den man meist an Elektrotankhubs oder im Baumarkt im Kanister kauft, eher günstiger geworden ist über die Jahrzehnte.

Lassen wir uns überraschen …

P.S. Feedback in Form von Kommentaren ist wie immer willkommen!

von 24******
16.02.2021 (16:48)
Antworten
Im Jahr 2051 werde ich 99 oder tot sein.....

In den 60ern und 70ern gabs ständig solche "Zukunfts-Kurzgeschichten" und Novellen. In Zeitschriften und Büchern.
Das meiste ist nicht eingetroffen, manches ist um ein Vielfaches getoppt worden.
Im "Neuen Universum" wurde 1960 eine Nachttischlampe, betrieben mit einer Brennstoffzelle, vorgestellt.
Es sind kurzweilige Gedankenspielereien.
Jules Verne und Hans Dominick für Autofans.
von phantom
14.02.2021 (09:14)
Antworten
Bruno von Rotz als Jules Verne :-). Sehr gut. Danke.
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...

Jetzt kostenlos anmelden und profitieren: mehr lesen und mehr sehen!

Wenn Sie sich mit Ihrem persönlichen Passwort anmelden oder neu registrieren, haben Sie mehr von Zwischengas! Vorteile: weniger Werbung und
andere.
Die Anmeldung ist kostenlos.