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Die Elektrifizierung eines Oldtimers wird die Welt nicht retten, im Gegenteil

Bruno von Rotz - 22.05.2020

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Corvette C1 Dinora (1962) (© Marton)

Wir sind grunsätzlich der Ansicht, dass jeder mit seinem eigenen Fahrzeug tun kann, was er will. Wenn jemand seinen Klassiker mit neuzeitlichen Alufelgen oder moderner Technik "verbessern" will, so gibt es daran nichts aussetzen, wenn das Ergebnis nicht als Klassiker und Originalfahrzeug gelten soll. Natürlich geht bei solchen Anpassungen einiges an historischem Kulturgut verloren, aber meist sind es ja keine Einzelstücke, die so zum alt-neuen Hybriden mutieren, sondern (hoffentlich) Massenprodukte, von denen viele andere bis heute (mehr oder weniger) original überlebt haben.

Titelblatt Migros-Magazin 21 vom 18.5.2020

Wo wir dann allerdings hellhörig werden, ist, wenn wir auf einem Titelblatt einer Zeitschrift mit 1,55 Millionen gedruckten Exemplaren (beglaubigt) eine elektrifizierte Chevrolet Corvette C1 erblicken mit dem Titel “Ein zweiter Frühling”. Der dreieinhalbseitige Artikel suggeriert, dass hier ein umweltfreundlicher (und geräuscharmer) Oldtimer neuauferstanden ist. Hinter dem Auto steht bekanntlich die Manufaktur Marton, die sicherlich an dieser grossräumigen Werbung für ihr kleines Unternehmen Freude hat. Wir haben selber auch einmal kurz über die Corvette C1 berichtet vor einiger Zeit.

Immerhin wird im Artikel auch dokumentiert, dass die Elektro-Corvette nicht nur auf positive Reaktionen stösst. Aber offensichtlich sind bereits andere Autos im Umbauprozess, etwa ein Jaguar der XK-Serie oder ein Citroën DS. Die hohen Umbaukosten werden verhindern, dass Tausende von Klassikern ihren Verbrenner-Antriebsstrang verlieren werden, aber so richtig wohl ist es einem nicht, wenn mehr und mehr dieser “Teslas" in alter Schalte entstehen.

Jetzt sollte aber doch noch etwas zum Thema “umweltfreundlicher Oldtimer” gesagt werden, denn umweltfreundlich wird ein altes Auto durch Einbau einer grossen Batterie und eines oder mehrerer Elektromotoren natürlich nicht, im Gegenteil. Damit der elektrifizierte alte Wagen CO2-technisch ähnlich günstig wie ein unverändertes Modell abschneiden würde, müsste er wohl zigtausend Kilometer, wenn nicht über 100’000 km weit fahren, bis die Emissionen, die für die Produktion von Batterie und Antrieb nötig waren, wieder kompensiert wären, selbst wenn der Strom komplett CO2-neutral hergestellt werden könnte (was natürlich unmöglich ist, denn selbst Solarstrom basiert auf energetisch aufwändig und nicht komlett sauber produzierten Solarzellen, Windkraft genauso, usw.).

Aber auch mit Elektroantrieb ist eine alte Corvette natürlich immer noch ein Wagen mit Technik aus den Sechzigerjahren und damit wird kaum jemand derartig grosse Strecken über eine lange Periode zurücklegen. Die Problematik, dass für die Herstellung der Batterien auch noch viele rare Rohstoffe abgebaut werden mussten, lassen wir hier einfach mal beiseite.

Für uns ist die Sache klar. Zu einem alten Auto gehört ein Antriebsstrang aus der Zeit, sonst ist es kein Klassiker und schon gar kein historisches Kulturgut mehr. Und zu einem alten Auto gehören eben neben den schönen Formen auch seine Lautäusserungen und halt auch die vielleicht heute mancherorts unerwünschten Emissionen. Wenn man aber bedenkt, dass die meisten alten Autos gehätschelt und nur selten bewegt werden, dann sollte doch Originalitätsnähe höher gewichtet werden als ein Zeitgeist-Antriebsstrang.

Alle Kommentare

 
 
he******:
22.05.2020 (09:18)
Besten Dank für diesen Artikel, da bin ich ganz eurer Meinung.
Ich finde es sehr fragwürdig, einen Oldtimer auf Elektroantrieb umzubauen.
Wieso wird so etwas überhaupt zugelassen ? Wenn ich ein Auto umbaue oder die Leitung deutlich erhöhen, ist es in der Regel nicht mehr möglich eine Strassenzulassung zu bekommen. Da gelten anscheinen für E-Antriebe andere Regeln, was unfair ist.
Zur Ökobilanz solcher fragwürdigen E-Autos zu beachten ist, ist die Entsorgung der Akkus. Bis auf weiters werden diese nämlich verbrannt weil es noch kein gutes Verfahren gibt um diese zu recyclen. Das wird in einigen Jahren für ein böses Erwaschen sorgen...
Antwort von ajf*****
23.05.2020 (17:48)
Wenn man Ihren Kommentar liest, könnte man meinen, die Akku kämen in eine spezielle "Verbrennungsanlage" und das wäre es dann. Die belgische Firma Umicore verbrennt die Hochvoltbatterien. Dabei werden Kobalt, Nickel und Kupfer wiedergewonnen. Das deutsche Chemieunternehmen Duesenfeld schreddert die Batterien unter Stickstoffeinschluss (damit sich das Lithium nicht entzündet) und gewinnt die Materialien Lithium, Kobalt, Mangan, Nickel und Graphit zurück.
Dann gibt es noch weitere Verfahren wie die elektrohydraulische Zerkleinerung der Hochvoltbatterien. Ausserdem ist die Lebensdauer der Hochvoltbatterien bereits heute viel länger als bisher angenommen!!
Damit ist nicht gesagt, dass Oldtimer auf Elektroantrieb umgebaut werden sollen, aber etwas zur anscheinend fragwürdigen Ökobilanz-Wahrnehmung solcher E-Autos.
al******:
22.05.2020 (10:30)
Den Antrieb und die Batterien verunfallter Teslas in ein altes Auto einzubauen, dem ohnehin die Mechanik fehlt, ist sehr wohl ein erfreulicher Beitrag zum Recycling. Und es ist sicher ökologisch sinnvoller, einen solchermassen transformierten Oldtimer im Alltag einzusetzen als ein Neufahrzeug. Die Ökobilanz ist mit Sicherheit einiges besser. Man braucht Originalität" nicht zu vergöttern, es gibt gewiss genug alte Autos, anhand deren die Geschichte des Automobils erzählt werden kann. Dazu braucht es beispielsweise keine 10 000 originale Opel Kadett, einer genügt eigentlich. Lasst es euch von einem alten Petrolhead sagen: Der Elektroantrieb ist dem Verbrennungsmotor dermassen überlegen, dass es weh tut, wenn man daran denkt, was das Geld, das in den letzten hundert Jahren in die Entwicklung von Ölmotoren gesteckt wurde, hätte bewirken können, wenn es stattdessen in die Entwicklung des Elektroantriebs investiert worden wäre.
Antwort von st******
22.05.2020 (23:30)
In den Achtzigern hatte ich so eine Digitaluhr. Sie war billig, genau und konnte alles besser als eine mechanische Uhr. Seit vielen Jahren trage ich eine mechanische IWC, die ich gelegentlich aufziehen muss, vielleicht nicht so genau geht wie eine Digitaluhr, aber hundertmal mehr Charakter hat. Ähnlich verhält es sich doch mit einem mechanischen Kunstwerk wie einem 12-Zylinder, einem Reihensechszylinder etc. Natürlich kann der Elektroantrieb alles besser. Aber einen wahren Petrolhead langweilt er.
7c******:
22.05.2020 (12:48)
Macht mi grad hässig!
Dümmer als die Umbauer sind nur noch die Leute, die so etwas kaufen.
Antwort von de******
22.05.2020 (20:07)
Bravo!! :)
er******:
23.05.2020 (15:10)
So ein Unsinn...
ajf*****:
23.05.2020 (18:01)
Zwischengas würdigt die Migroszeitung!!! Bravo. Vielleicht erhalten wir auch bald noch Einkauftipps :-)))

Zuerst dachte ich, die (von Zwischengas) sind halt noch nie ein Elektroauto gefahren. Doch falsch gedacht!!! Die haben Angst um ihre wirtschaftliche Basis, gerade weil sie bereits Elektroauto gefahren sind - und das Erlebnis derart gut war! Rainer Werner Fassbinder: "Angst essen Seele auf." Oder einfacher, die Angst, dass das was man gut findet, vielleicht doch nicht so gut ist!
Ich fahre mit Freude meine alten Autos und Motorräder, doch zum Einkaufen (auch in die Migros :-) fahre ich elektrisch.
Antwort vom Zwischengas Team (Chefredaktor)
23.05.2020 (18:28)
Jedes Automobil hat seine Berechtigung aus der Zeit heraus, in der es geschaffen wurde. Und so sehen wir auch die klassischen Automobile. Wir schätzen, was damals gebaut wurde und sind froh, wenn es möglichst originalgetreu erhalten ist. Das gilt für einen Detroit Electric (inzwischen über 100-jähriges Elektroauto) genauso wie für einen Lamborghini Miura. Wir schreiben ja fast ausschliesslich über alte Automobile und falls es uns in 20 Jahren noch gibt, was wir hoffen, dann werden auch Elektroautos von heute vermehrt in unserer Berichterstattung auftauchen, genauso wie wir bereits über Elektroautos der Sechziger- oder Siebzigerjahre berichtet haben. Wir lieben die Vielfalt der Technik und haben keinesfalls Angst davor ...
Antwort von cr******
26.05.2020 (08:41)
>>Die haben Angst um ihre wirtschaftliche Basis<<

Interessant, dass der Autor hier vollständig frei von rationalen Argumenten oder Belegen diese These aufstellt. Auch der Bezug zu Fassbinders Film ist zusammenhanglos an den Haaren herbei gezerrt.

Ob solche "Tesla-Oldtimer-Konzepte" erfolgreich sein werden, wird stumpf der Markt zeigen. Denn der lügt nicht.
Meines Erachtens wird der Indikator jedoch nicht die Preise beim Erstverkauf nach der Elektrifizierung sein, sondern die Autkionspreise solcher Fahrzeuge nach einigen Jahren.

Ich prophezeihe mal folgendes Szenario:
- Die Originalteile wurden beim Erstverkauf des Möchtegern-Teslas nicht mitgeliefert...
- Die Micro-Firma, die damals den Umbau gemacht hat gibt es nicht mehr...
- Der in die Jahre gekommene Akku verliert nach und nach seine Leistung, insb. dann, wenn das Fahrzeug wenig genutzt wurde !
- Ein Umrüsten auf den original Verbrennungsmotor wird wg. Mangels Teile und strengerer EU/CH-Regularien nicht mehr möglich sein.

Fazit:
In einigen Jahren kann so ein elektrifizierter Oldtimer nur noch als Teilespender für einen echten Oldtimer herhalten, und selbst dies nur sehr begrenzt auf Karosserie- und Interieurteile.
Ein wirtschaftlicher Totalverlust...!
ks******:
26.05.2020 (07:14)
Unsinn ist ein Umbau eines Oldtimers auf Elektroantrieb. So ein Umbau nimmt dem Oldtimer die Seele.
Jo******:
26.05.2020 (15:58)
Es ist nur zu hoffen, dass die neuen, strengeren Vorschriften für die Zulassung von Oldtimern (es wurde an dieser Stelle darüber berichtet) solchen Unfug künftig stoppen werden. Als Oldtimer sollen die Fahrzeuge weitgehend dem Originalzustand entsprechen. Wenn nicht (wie hier im vorliegenden Fall), muss ein solches Auto wie ein Neuwagen mit den entsprechenden Sicherheitsvorschriften geprüft werden.
pi******:
26.05.2020 (17:43)
Eine Schande ist das!
Die nehmen dem Oldtimer nicht nur die Seele, sondern auch das Herz! Da wünscht man sich direkt, dass sie bald auf einen Verwandten von "Christine Plymouth" treffen.
hr******:
27.05.2020 (23:16)
"Elektrifizierung" eines Oldtimers ist Barbarei. Es ist ein verherendes Verfahren gegen Kulturgutes. Als Nächstes ist die "Elektrifizirung" der Dampflokomotive oder, noch besser, eines Dampfschiffes.
co******:
29.05.2020 (09:29)
Ja, der Wagen verliert sicher ein wenig seiner Seele. Aber was ist denn z.B. mit den zahllosen Amerikanerwagen, welche ein modernes Chassis mit neuen
Antribebseinheiten bekommen oder all den Kisten, die nur noch als Teileträger taugen? Vielleicht möchte man sich ja nur an den alten eleganten oder kitschigen Formen gegeüber dem heutigen Einerlei erfreuen. Der Einbau eines Elektroanriebs ist doch ein relativ schonender Eingriff und mann könnte sich ja den alten "fuel to nois converter" in die gute Stube stellen. Wer weiss, vielleicht dürfen wir unsere Lieblinge in zehn bis fünfzehn Jahren mit den Verbrennern eh gar nicht mehr auf öffentlichen Strassen bewegen. Wäre doch schade wenn wir unser fahrendes Kulturgut nur noch in den Museen bewundern könnten. Und was hat Wertsteigerung überhaupt mit Kulturgut zu tun? Darum, danke den mutigen und innovativen "Mikrofirmen" - die tun was!
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