Die Bilanz der Elektroautos damals

Bruno von Rotz
11.01.2021

BMW 1600-2 Elektro von 1972 (© BMW AG)

Es ist kaum zu glauben, aber vor fast 50 Jahren stand das Elektroauto schon einmal relativ hoch im Kurs! Clauspeter Becker fasste im Jahr 1972 für “auto motor und sport” die Bilanz des Elektroautos auf über 10 Seiten zusammen, denn er wollte herausfinden, “welche Chancen der leise und abgasfreie Elektromotor im Auto hat”. Schon damals gab es nämlich Stimmen, die anlässlich der zunehmenden Luftverschmutzung eine Rückkehr zum Elektromobil als ideale Lösung des Abgasproblems sahen. Rückkehr deshalb, weil bereits 1890 die ersten Elektroautos in den Handel kamen und um 1910 fast gleich viele Wagen mit Strom- und Benzinmotor herumfuhren.

Moretti Elektroauto 1967

Allerdings, so führt Becker aus, glichen sich die Probleme von 1910 und 1972 fast aufs Haar. Um 50 Kilowattstunden zu speichern, waren entweder 15 kg Benzin oder 1500 kg Gewicht nötig. Die Reichweiten hatten sich von 1910 (Lohner-Porsche) bis 1972 kaum vergrössert.

Der oben abgebildete BMW 1600-2 Elektrowagen, der anlässlich der olympischen Spiele die Marathonläufer emissionsfrei begleitete, kam mit einer Batterieladung 72 Kilometer weit, ein Elektrotansporter von Volkswagen kam immerhin 85 km weit, der Mercedes-Benz LE 306 sogar 100 km.

Mercedes-Benz LE 306 von 1972 (© Daimler AG)

Schnell fahren war dabei allerdings nicht drin und zugunsten der Langlebigkeit durften die Batterien nicht zu sehr gefordert werden. Immerhin waren die Batterien zwischen 1897 und 1960 doch etwas besser geworden, pro Kilogramm Batteriegewicht konnten anstatt 8 nun 30 Wattstunden gespeichert werden. Man hoffte auf die Nickel-Cadmium-Batterie, die es dann auf 50 Wattstunden schaffen würde und dabei sogar noch haltbar sein würde. Alles andere, auch die heutige meist gebräuchlichen Lithium-Ionen-Batterien waren reine Zukunftsmusik oder noch nicht einmal Forschungsgegenstand damals. Ähnlich war es mit der Brennstoffzelle, doch auch der Technologie gab man damals wenig Chancen, weil sie weder klein genug war noch den typischen Belastungen in einem Kraftfahrzeug standhalten konnte.

Auch der Elektromotor war noch nicht ausgereift genug, denn ein Gleichstrommotor, wie er im BMW Elektro-1600-2 1972 verwendet wurde, leistete 43,5 PS und wog ganze 85 kg. Mit Nebenaggregaten wurde er fast so schwer wie ein deutlich stärkerer Benzin-Vierzylinder. Zudem konnte die Maximalleistung wegen Überhitzungsgefahr nur für kurze Zeit abgerufen werden.

Trotzdem gab es Optimisten, das RWE (Rheinisch-Westfälische Elektrizitätswerk) gehört dazu und schätzte, dass bis ins Jahr 2000 rund eine Million Elektroautos auf deutschen Strassen herumkurven würden.

Elektroauto für die Stadt aus den Niederlande im Jahr 1970

Ihr Einsatz sollte vor allem im innerstädtischen Verkehr sein, wo man Reichweitenprobleme und Leistungsfähigkeit weniger als Problem sah. Allerdings hoffte man dafür auf substantielle staatliche Unterstützung.

Einiges, was Becker vor fast 50 Jahren dokumentierte, kommt einem auch heute noch sehr bekannt vor, obschon die Batterietechnik enorme Fortschritte gemacht hat (heute können in Lithium-Ionen-Akkus bis 265 Wattstunden pro kg gespeichert werden) und die Motoren um ein Vielfaches leistungsfähiger wurden. Auch bezüglich Motorsteuerung sind die Verbesserungen enorm, gleichzeitig hat man allerdings mit immer höheren Sicherheitsanforderungen auch die Fahrzeuge deutlich schwerer werden lassen.

Insgesamt sind die Fortschritte, die in den letzten 10 oder 15 Jahren gemacht wurden, wohl deutlich grösser als jene zwischen 1896/1910 und 1972. Entsprechend kann man auch erwarten, dass sich mit dem aktuell gegebenen Investitionsniveau und dem politischen Druck noch deutlich mehr erreichen lässt.

Aber wie sagte doch Bill Gates schon vor vielen Jahren schon? “Wir überschätzen, was in zwei Jahren möglich ist, und wir unterschätzten was in zehn Jahren passieren kann …”

von 11******
12.01.2021 (09:13)
Antworten
...kann meinem Vorredner nur zustimmen. Zwei Ergänzungen meinerseits: die angegebenen 265 Wh/Kg sind reine Utopie. Sie stellen das Zellgewicht und nicht das gesamte Batteriegewicht dar. Aktuell liegen die Batteriegewichte bei flüssiggekühlten ZB-Batterien bei 650-700 Kg/100KWh, also bei 150Wh/Kg. Zum Vergleich: ca.11Liter Diesel haben ebenfalls 100KWh Energiegehalt und wiegen nicht mal 10Kg! Ganz abgesehen von der viel schnelleren Ladefähigkeit von chemisch gespeicherten Energieträgern. Wenn man dann noch die enormen CO2-Mengen bei der Produktion der Batterien bedenkt (zwischen 10-20Tonnen/100 KWh), dann wird deutlich, dass ein rascher Umstieg zumindest für einige Jahre zu erheblich mehr CO2 führen würde als der Status Quo!
von he******
11.01.2021 (10:01)
Antworten
Interessanter Bericht, ist wohl den wenigsten bekannt wie lange es die E-Mobilität schon gibt.
Aber es sollte auch jedem klar sein, das E-Auto würde sich auch heutzutage nicht durchsetzen wenn es nicht politisch und medial so stark gefördert und subventioniert würde.
Schlussendlich geht es wie meistens nur um das Geld und Profit für die Firmen, aus Umweltschutzgründen macht ein E-Auto keine Sinn.
Letzte Woche habe ich erfahren, dass in Norwegen über 1000 junge Elektroautos verschrottet werden. Da bei diesen Autos der Akkus durch Unfall oder anderen Ursachen beschädigt wurden. Durch die hohen Kosten eines neuen Akkus werden die Autos verschrottet, da dies für die Versicherungen günstiger ist als eine Reparatur. Tolle grüne Welt...
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