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Schon vor fast 70 Jahren gab’s Klassikerverehrer

Bruno von Rotz - 30.12.2019

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Amilcar CGS von 1927 (© Daniel Reinhard)

Ja, es war das Jahr 1952, als Schreiberling Waldmar Uherig über seine Liebe zu einem kleinen Amilcar schrieb. Damals war das schlanke Cycle Car gerade einmal 25 Jahre alt, also im Prinzip nach heutiger Terminologie noch ein Youngtimer. Wir wollen unseren Lesern den Text aus dem Heft 3/1952 von “Auto Motor und Sport” , erschienen in der Reihe “Sportwagen-Biographien”, nicht vorenthalten, denn er beinhaltet manche Reminiszenz, über die man heute nur noch staunen kann:

"Er hätte wohl endgültig seiner Verschrottung entgegen gerostet — von vergangenen Fahrten träumend — wenn nicht... und damit beginnt unsere kleine Liebesgeschichte (die begeisterten Leser dieser Biographienfolge wollen mir das Wort Liebe, in diesem Zusammenhang gebraucht, nicht als Blasphemie auslegen), ja wenn nicht im Frühling 1950 in Zürich ein seltsamer Betrieb angehoben hätte. Eine Schar junger Autofans hatten sich gefunden, um nach amerikanischem Vorbild Rennen alter Wagen durchzuführen.

Mit viel Begeisterung und noch mehr Dilettantismus wurden die Vorbereitungen an Hand genommen. Dazu gehörte in erster Linie das Suchen nach geeigneten Objekten. Als alter Autonarr beteiligte sich der Schreiber dieser Zeilen an dieser erregenden Schatzsuche und traf dabei die Heldin dieser Geschichte, in einem alten Schuppen. Unter einer dicken Staubschicht, welche noch schwach die rote Rennfarbe durchschimmern ließ, erkannte man die schnittigen Formen eines zweisitzigen Sportwagen, der vor mehr als 25 Jahren die Jugend begeisterte. Schmalhüftig war die Karosserie, da ein ahnungsvoller Konstrukteur die Sitze nicht nebeneinander, sondern etwas gestaffelt anordnete, offenbar mit der Absicht, daß der Fahrer bei entsprechender Begleitung nicht zu sehr abgelenkt würde. Eine Anordnung übrigens, für deren Berechtigung wir später volles Verständnis aufbrachten.

Wir hatten unsere Begeisterung über den Fund wohl zu offenherzig gezeigt, denn der gerissene Verkäufer ließ sich nichts mehr abhandeln; so legten wir bare tausend Schweizerfranken auf den Tisch und sahen uns im Geiste bereits durch die Straßen stieben. Hätten wir damals allerdings geahnt, welch dornenvoller Weg uns noch bevorstand, bis wir den Zulassungsschein in den Händen hatten, nie wäre diese Geschichte geschrieben worden. Ersparen Sie mir, liebe Leser, eine Aufzählung aller Hindernisse, es genügt, wenn ich Ihnen verrate, daß wir für das ausgelegte Geld einen gebrauchten Volkswagen hätten erstehen können!

Endlich im Sommer 1951 war es soweit. Unternehmungslustig funkelte das putzige Gefährt in der Sonne, als wir uns zum Start zu einer längeren Probefahrt fertig machten. Ein kurzes Drehen mit der Handkurbel — ein Fressen für die zahlreichen Zuschauer, vorab die Jugend — und schon zittert das Wägelchen bei vollaufendem Motor in allen Fugen, gleich einem vollblütigen Rennpferd vor dem Start. Erster Gang rein, Gas, zweiter Gang, wundervoll, wie weich die Kupplung spielt, vor Begeisterung wären wir bald auf die gegenüberliegende Straßenseite gekommen, ach so, die direkt wirkende Steuerung läßt nicht mit sich spaßen. Endlich haben wir uns in den Fahrstrom dieser an Sonntagen so dicht befahrenen Ausfallstraße von Zürich nach Rapperswil eingeschert. Wir müssen wirkliches Aufsehen erregen, denn das Mienenspiel der fahrenden und flanierenden Menschen ist wirklich sehenswert. Vom fassungslosen Staunen bis zum bleckenden Hohnlächeln ist die ganze Skala menschlicher Gefühlsregungen vertreten. Der Leser möge sich aber bitte vorstellen, daß wir uns auf einer Straße befinden, wo der autofahrende Züricher mit Vorliebe seinen chromfunkelnden und -starrenden Lebensstandard in Form neuester Amerikanermodelle zur Schau stellt, das bedeutet an schönen Tagen eine nicht endenwollende Autoschlange.

Amilcar von ca. 1927 (© AMS)

Bald sind wir eingefahren und können langsam hohe Schule demonstrieren; da vorn eine kleine Stockung, bremsen, aber die Seilzugbremsen scheinen nicht sehr verläßlich, also mit achtzig Sachen auf dem Tacho runterschalten, ein Aufheulen vom Zwischengas, schon bremst der Motor wundervoll ab. Ich sehe ernsthafte Leserstirnen sich runzeln und vom Überdrehen des Motors murmeln — keine Angst, denn wir fahren mit einer in Bronzelager sich drehenden Kurbelwelle.

Vor uns wollen sich zwei Amerikaner überholen, aber in der kurvenreichen Strecke scheint es mit der Straßenhaltung zu hapern. Wir pirschen uns heran, Signal geben, runter in den zweiten geschaltet, in einer übersichtlichen Kurve ziehen wir elegant vorbei; auf Kühlerhöhe in den direkten geschaltet und unser Amilcar macht einen förmlichen Satz nach vorn und weg ist er. Ein Hupkonzert hinter uns zeigt, daß man dort sichtlich verschnupft ist. Eine lange Gerade läßt die Tachonadel gegen 110 spielen, der Tourenzähler zeigt 4200 Umdrehungen, unsere Freunde von vorhin holen langsam auf, da retten uns eine Reihe Kurven, die dem Wagen mit seinen starren Achsen sichtlich liegen. Eine kleine Bergstrecke auf dem Heimweg läßt uns sein respektables Steigvermögen erkennen, allerdings näherte sich die Temperatur des Kühlerwassers dem Siedepunkt, was aber beim Fehlen eines Ventilators begreiflich ist.

Soll ich Ihnen noch erzählen von unserem Urlaub im folgenden August, als wir unsere leichtfüßige Freundin über die meisten Alpenpässe jagten und während vier Wochen kreuz und quer durch die Schweiz viertausendfünfhundert Kilometer ohne nennenswerte Pannen zurücklegten? Seit dieser Zeit ist sie uns so richtig ans Herz gewachsen, und während diese Zeilen geschrieben werden, ruht sie wohlverwahrt, und Sie werden begreifen, daß wir uns schon sehr auf die neue Reisezeit freuen; wo unser Wägelchen seine Nase auch über die weißroten Grenzpfähle strecken soll.”

Ja, es war vor 70 Jahren nicht vieles anders als heute …

P.S. Ob der rote Amilcar von 1927 wohl überlebt hat? Das Foto (oben) aus dem Jahr 2017 stammt ja vermutlich nicht vom selben Auto …

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