So war es vor 60 Jahren - mit dem Messerschmitt auf Weltrekordjagd

Karl Eisele
02.09.2015

Karl Eisele mit 82 Jahren (© SWR)

Mein Name ist Karl Eisele. Ich bin der letzte noch lebende Fahrer, die 1955 mit Messerschmitt beo den Weltrekordfahrten dabei waren. Der SWR hat zur Erinnerungen an diesen Anlass einen Beitrag im Fernsehen gebracht, aufgenommen in Hockenheim und Umgebung.

Wie es zu meiner Beteiligung bei den Weltrekordfahrten kam? Lassen Sie mich erzählen:

Da ich in meiner Lehrzeit bei der damaligen NSU in Neckarsulm, mangels Kleingeld statt mit dem Zug mit einem zusammengekratzten Fahrrad die täglichen 20 Kilometer gefahren bin, kam ich schon nach vier Wochen zu meinem ersten Fahrradrennen (erster Schritt) und schaffte den überraschenden zweiten Platz hinter einem 22-jährigen Regionalamateur. Und dies “nur deshalb”, weil ich im Endspurt vom Pedal rutschte, da ich ja weder Rennhacken noch Rennlenker und Schaltung hatte.

Später, bei meinem ersten Bahnrennen mit meiner zusammengesparten Strassenmaschine und dem ersten Fliegerrennen mit Sondergenehmigung vom BDR, weil es bei uns noch keine Jugendfahrer gab, kam ich bis in den Endlauf zusammen mit den Fahrern Spiegel und Sonntag (spätere 6-Tage-Rennen-Paarung) und dem amtierenden deutschen Fliegermeister Schertle aus Stuttgart in den Endlauf.

Die Experten unterhielten sich ganz locker hinter mir und nahmen mich natürlich absolut nicht ernst. Da packte mich nach der ersten Runde die Wut und ich fuhr, was das Zeug hielt. Bis die Konkurrenten das kapiert hatten, verfügte ich schon eine halbe Runde Vorsprung. Da merkte ich plötzlich am Anfang der Zielkurve, dass meine Gegner außen an mir vorbeiziehen wollten. Ich beschleunigte also auf der festeren Innenbahn einfach
mit, bis es die drei Kontrahenten aussen vom Rad knallte und so gewann ich mit gerade 16 Jahren mein erstes Fliegerrennen. Dies nur vorab.

Leider litt meine Gesundheit zu jener Zeit. Ich bekam eine Lungenentzündung, was mich  für ein halbes Jahr stilllegte. Da beschaffte mir mein Vater bei DKW, bei denen er einen Händlervertrag hatte, eine DKW 175 Sportvertragsmaschine mit der ich auf 12 Wechsel 12 größere Geländefahrten fahren durfte. Für jede Goldmedaille wurde ein Wechsel gestrichen, nach 12 Klassensiegen war die 175 abbezahlt.

Die nächste Stufe war eine Adler 250 M, bei der ich mit meiner Bonsaigröße am besten auf den Boden kam mit meinen kurzen Beinen. Nach acht Platzierungen  unter den ersten Fünf hätte ich zum Lizenzfahrer aufsteigen sollen, aber die Adler Werksmaschine war mit DM 12’000 zu teuer. Also übernahm mein Vater die Messerschmitt-Vertretung und ich fuhr zunächst mit dem KR 175 Zuverlässigkeitsfahrten. u.a. die Wintersternfahrt Oberstdorf mit Klassensieg und anschliessend Garmisch mit Klassensieg.

Dazwischen gewann ich die württembergische Meisterschaft für Roller aller Klassen und mein Freund Fritz Fend, dem Mann hinter Messerschmitt, lud mich 1955 zu den Rekordfahrten auf den Hockenheimring ein.

Von den Messerschmitt-Weltrekordfahrten 1955 (© SWR)

Da musste ich unter anderem  morgens um 3:00 Uhr starten und sah nach einer Stunde plötzlich eine weisse Nebeldecke herunterkommen. Da ich ja außer dem Drehzahlmesser keinerlei Orientierung hatte, begann ich von der Stadtkurve bis zur Ostkurve auf 125 zu zählen, bis zur Krabbenspitze waren es 120, die ich zählte. Als aber der Nebel die Sicht auf knapp 10 Meter reduzierte, ging ich dazu über, so schnell wie möglich entlang der weissen Rekordlinie zu fahren und zählen, aber an der Krabbenspitze war ich plötzlich in der Wiese.

Nach meinen Rufen bei Start und Ziel wurde dann vor den Kurven Feuer angezündet, aber ich sah irgendwann nur noch große weisse Geister auf mich zukommen. Schliesslich hielt ich kurz vor unserem Wechselplatz wo sie mich praktisch blind aus dem Rollermobil zogen. Trotz Nebels hatte ich den Schnitt bei über 106 km/h halten können.

Nach einer weiteren Stunde mussten wir damals wegen abgescherter Schwungmagnetnieten die Rekordfahrten beenden. Ja, so war’s.

Später bin ich mit Fiat und Steyr-Puch auch noch am Berg, auf der Rundstrecke sowie bei Langstreckenrennen auf der Nordschleife und auf dem Hockenheimring gefahren, aber das ist eine andere Geschichte.

Den Beitrag auf SWR zum 60. Jubiläum der Weltrekordfahrten aber sollte man nicht verpassen ...

Drei Nachbauten der Weltrekord-Messerschmitt (© SWR)

Anmerkung der Redaktion. Die Weltrekordfahrten fanden am 29./30. August 1955 auf dem damaligen Hockenheimring auf weitgehend serienmässigen Messerschmitt KR 200 Modellen mit aerodynamisch modifizierter Karosserie statt. Sechs Fahrer lösten sich während der geplanten 24 Stunden ab und stellten dabei mehrere Rekorde über 1000 Meilen, 2000 Kilometer usw. auf. Über 24 Stunden wurde ein Schnitt von deutlich über 100 km/h erzielt.

Archivierte Einträge:

von tg******
04.09.2015 (08:16)
Antworten
Hallo, es waren 25 Weltrekorde und die Fahrt fand am 29+30 August 1955 statt.

mfg
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