Die Vernunftautos von Bertone

Roger Gloor
10.10.2020

Bertone 128 Coupé 4 Posti

Im Inhaltsverzeichnis des Buches “Bertone – Pioniere des Autodesigns” sind 320 von dieser Autodesignfirma in Turin entworfene und teils auch vor Ort hergestellte Automodelle aufgeführt. Zu ihnen zählen 66 “Traumwagen”, Konzeptstudien, die für eine mögliche Produktion in der Zukunft gedacht waren. Natürlich brillierten diese Einzelstücke durch futuristische und aerodynamische Formen, und auf den internationalen Automessen dienten sie als unübersehbarer Blickfang. Doch die Carrozzeria Bertone entwickelte auch betont nüchtern und gleichwohl elegant gestaltete Automobile, die vordergründig auf reine Zweckmässigkeit ausgerichtet waren.

NSU Sport Prinz 1965

Für den deutsche Kleinautohersteller NSU in Neckarsulm entwarf und baute Bertone ab 1959 den Sport-Prinz, ein wunderhübsches Kleincoupé. Man entwarf in Turin aber auch einen ebenso eleganten familientauglichen Viersitzer. Allerdings zog man es bei NSU vor, eine von eigenen Designern entworfene Karosserie zu bauen, deren Linien vom amerikanischen Chevrolet Corvair inspiriert war.

Auch viertürige Familienlimousinen der Mittelklasse fanden bei Bertone ihre elegante wie zweckbetonte Form; so der Mazda Luce 1500 und der Simca 1301/1501, beide aus dem Jahr 1964. Und Bertone arbeitete auch für BMW an viertürigen Mittelklassewagen, dies nachdem im Turiner Karosseriewerk von 1961 bis 1965 bereits einige Hundert Coupés des Typs BMW 3200 CS entstanden waren.

Als ein Meisterstück an Formvollendung zeigte sich der Fiat 128 Coupé 4 Posti von 1969 (Bild ganz oben). Bertone veranschaulichte mit diesem Viersitzer, wie sich ein kleines Familienauto ebenso formvollendet wie zukunftsgerichtet gestalteten lieβ..., dies sogar mit einem in den Kofferraum einfahrbaren Einkaufswägelchen bzw. Caddy.

Bertone 128 Coupé 4 Posti mit Caddy

Als der englische Mini unter Lizenz auch bei Innocenti in Italien hergestellt wurde, entwarf Bertone eine moderne, formschöner gehaltene Alternative. Weil sie 8,5 cm breiter war, konnte sie zudem als Fünfsitzer zugelassen werden. Sie wurde von 1975 bis 1992 unter der Bezeichnung Innocenti Mini und später Mille sowie Small weitergebaut.

Innocenti Mille von 1981

Ein wegweisender Bertone-Vorschlag war der “kompakte Hochdachkombi”: 1996 brachte Citroën das Modell Berlingo auf den Markt. Er ersetzte nicht nur die vorangegangenen Lieferwagen der Marke, sondern war ein Grossraumkombi im Kleinformat.

Citroën Berlingo 1996

Er war bei Bertone entworfen und mitentwickelt worden. Citroën wollte ihn mit üblichen hinteren Seitentüren ausstatten, doch Bertone setzte sich für Schiebetüren ein... Heute bieten praktisch alle Automobilkonzerne vielseitig einsetzbare «Vernunftmodelle» in der Art des Berlingo an.

Bertone Opel Filo 2001

Von purer Vernunft geprägt war auch die Konzeptstudie Bertone Filo aus dem Jahr 2001. Sie war ein Kompaktvan auf der Basis des Opel Zafira. Die Entwicklung erfolgte gemeinsam mit dem schwedischen Industriekonzern SKF. Der Forschungsprototyp Filo stand unter dem Zeichen des “Drive-by-wire”, also einer nicht mehr von mechanischer Übertragung abhängigen Steuerung. Die gesamte Lenk- und Bedienungseinheit liess sich von einer Mittelposition zwischen den Vordersitzen wahlweise vor den linken oder den rechten vorderen Insassen schwenken, und Drehgriffe statt Pedale gemahnten an das Motorradfahren.

Archivierte Einträge:

von Volker aus Ratingen
13.10.2020 (18:04)
Antworten
ich erkenne im ersten Bild den Ritmo, wer noch ?
von sw******
10.10.2020 (10:22)
Antworten
Laut AR 11/1963 hatte der Simca 1300/1500 seine Premiere am Genfer Salon 1963, die überarbeiteten Modelle 1301/1501 gab es erst ab Herbst 1966 (vgl. AR 38/1966).
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