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Sir Derek Bell erinnert sich an Jo Siffert

Thomas Suter
24.10.2021

Derek Bell 1983 in Monza (© Bruno von Rotz)

Es gibt Ereignisse, da steht die Zeit still. Und alle können sich später noch genau an den Moment erinnern. Der 24. Oktober 1971 war so ein Datum. Die (Schweizer-) Rennsportwelt hielt den Atem an und verstummte: Am Sonntag Nachmittag verunglückte Jo „Seppi“ Siffert  bei einem nicht zur WM zählenden Formel-1-Rennen in Brands Hatch tödlich – ausgerechnet auf jenem Kurs, auf dem er drei Jahre zuvor seinen ersten, ganz grossen Sieg feiern konnte. 

Auf zwischengas.com wurden bereits mehrere Berichte über Jo Siffert publiziert, die sein Leben und seine Leistungen umfangreich beleuchten:

Einer der erfolgreichsten Langstreckenpiloten (allein 5 Le-Mans-Siege) ist Derek Bell, Member of the British Empire (MBE), der am 31. Oktober 2021 80 Jahre alt wird. Vor 50 Jahren teilte er sich für eine Saison das Cockpit mit Jo Siffert – dies, nachdem das in den beiden Vorjahren höchst erfolgreiche Duo Siffert/Redmann mit 9 Siegen bei 19 Einsätzen mit dem plötzlichen Karriererücktritt Redmans auf das Saisonende 1970 auseinander­gerissen wurde. John Wyer holte Derek Bell als einen seiner Lieblingsfahrer als Sifferts-Co-Pilot ins Team.

Jo Siffert in Brands Hatch (© Faille)

Die Wege von Siffert und Bell kreuzten sich vor 1971 bei verschiedenen Formel-1- und Formel-2-Rennen, aber auch in der Markenweltmeisterschaft. Dabei waren Sie aber immer Konkurrenten. In Le Mans 1970 sass Bell neben Ronnie Peterson in einem Werks-Ferrari 512, Siffert in einem Porsche 917: „Richtig kennen gelernt habe ich Seppi eigentlich erst 1971, als ich sein Team-Partner im Porsche 917 und Porsche 908 wurde“. „Der Name „Siffert“ war mir natürlich schon lange bekannt“, erinnert sich Bell. Für ihn waren Siffert und Pedro Rodriguez grosse Vorbilder. Und er freute sich über die Verpflichtung von John Wyer, für die Saison 1971 das Cockpit mit Siffert bei den Langstrecken-Rennen um die Markenwelt­meisterschaft teilen zu können, war sich aber auch im Klaren, „dass ich sofort liefern musste“, schildert er, denn: „Ich wusste schon vorher, dass Seppi schnell ist, aber wie unglaublich schnell, realisierte ich erst, als wir uns das Volant teilten“. Ein Blick auf Sebring-Zeiten zeigen, dass sich Bell die Sorgen zu Recht machte: 1970 fuhr Siffert seine schnellste Runde in 2.38.3, Redmans schnellste Zeit war 2.37.9. Im darauffolgenden Jahr standen die Uhren bei Siffert bei 2.38.5 still, Bell benötigte 2.40.9!

Die beiden freundeten sich schnell an: „Wir hatten eine schöne Zeit miteinander, ich lernte aber auch viel von ihm“. Die Vorsaison begann für das Team Siffert / Bell in Daytona mit ausgiebigen Testfahrten – es war für den Engländer der Beginn seiner langjährigen Karriere im Langstrecken-Rennsport. „Jo hat mir gezeigt, wie es geht. Ich hatte grössten Respekt, denn sowohl Jo wie auch Pedro (Rodriguez) waren unvorstellbar schnell und ich hatte die Befürchtung, dass dieser Level für mich unerreichbar bleibt“, schildert er seinen Einstieg als Co-Pilot von Seppi Siffert.

Diese Sorgen waren dann aber umsonst. Ausgerechnet auf dem anspruchsvollen Rundkurs von Spa-Francorchamps (noch die „alte“, gefährliche Strecke mit 14’100 Meter Länge) hatte Bell seine Sternstunde. Das Training begann 1971 bereits am Donnerstag, denn die Formel-1-Piloten mussten am Freitag in Silverstone zum Training für das „Daily-Express-Rennen“ antreten, das am Samstag ausgetragen wurde, um dann sofort wieder nach Belgien zum 1000 km-Rennen zu dislozieren, das am Sonntag gefahren wurde.

Bell/Siffert in Spa 1971 im Porsche 917 KH (© Porsche AG)

Im Samstags-Training in Spa stellte Derek Bell den Wyer-Gulf-Porsche 917 mit 3‘16‘‘0 auf die Polepostion. „Da merkte ich, dass ich in diesem Sport angekommen bin und mit den Schnellsten mithalten kann“, blickt er mit Stolz zurück. Geadelt wurde er – zum Missfallen Sifferts am Sonntag – als Rodriguez zu ihm sagte: „Derek, ich denke, es ist an der Zeit, dass du jetzt mit mir fährst…!“. Diese Aussage sollte sich im Laufe des Rennens zuspitzen: Siffert setzte sich nach dem Start sofort an die Spitze. Rodriguez, dessen Co-Pilot den Porsche 917 „nur“ für die zweite Startreihe qualifiziert hatte, löste nach Runde 10 den Schweizer an der Spitze ab. Die beiden kämpften im Ein-Sekunden-Abstand (!) um die Führung, durchfuhren gar die berüchtigte „Eau Rouge“ nebeneinander und dies durchaus mit Berührungen ihrer Porsches (1985 bezahlte Stefan Belloff ein ähnliches Manöver mit dem Tod).

Siffert wusste, dass sein Co-Pilot Derek Bell viel schneller als Jackie Oliver, der Co-Driver von Rodriguez, war. Für ihn war klar, dass sie das Rennen gewinnen würden… Verblüfft stellte er kurz vor Schluss fest, dass Bell pro Runde plötzlich fünf, sechs Sekunden langsamer wurde und Oliver den 917er als erster über die Ziellinie steuerte!

Was Siffert nicht wusste, war die Instruktion, die Wyer-Teamchef David Yorke seinem Partner Derek Bell mit auf den Weg gab: Er verlangte unmissverständlich, dass Bell der Paarung Rodriguez/Oliver den Vortritt lassen musste! Gutgläubig meinte Bell, dieser Deal sei mit Siffert abgesprochen worden. Siffert tobte und war grenzenlos enttäuscht – sein neuer Rundenrekord mit 3‘14‘‘6 (notabene zwei Sekunden schneller als ausgerechnet Rodriguez im Vorjahr) war da nur ein schwacher Trost. Sifferts Rekord von Spa hat indes Bestand: 50 Jahre später ist diese Rennrunde mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von sagenhaften 260,842 km/h! noch immer die schnellste, die je auf einem Strassen- und Rundkurs gefahren wurde.

Das nächste Rennen nach Spa-Francorchamps liess Bell aus – er hatte zu grossen Respekt: „Ich war die Targa Florio auf Sizilien noch nie gefahren, eine Runde über 70 Kilometer! Wenn ich dies einigermassen anständig hätte erledigen sollen, wären im Vorfeld mindesten drei Wochen oder länger ein Trainingslager mit einem Porsche 914/6 oder ähnlichem angesagt gewesen. Und nicht mal dann wäre es sicher gewesen, dass ich auf konkurrenzfähige Zeiten gekommen wäre“, lacht er entschuldigend. John Wyer holte für dieses eine Rennen dann Brian Redman aus seinem Ruhestand in Südafrika zurück – der dann aber einen fürchterlichen Unfall mit dem Porsche 908/3 nur knapp überlebt…

Jo Siffert im Jahr 1969 in Monza (© Faille)

Damit Bell, der Ende der sechziger Jahre glücklos für Ferrari in der Formel-2-Europameister­schaft und einige wenige Formel-1-Rennen gefahren war, in seiner Monoposto-Karriere weiter vorwärts kam, riet ihm Siffert, wieder ein Formel-1-Cockpit zu entern.  „Nach einigen erfolglosen Versuchen mit schlechtem Material in unterfinanzierten Teams liess ich es bleiben und konzentrierte mich auf die Langstreckenrennen“, blickt Bell zurück. Gerne erinnert er sich an die Zeit zurück, als Steve McQueens Film „Le Mans“ gedreht wurde. „Seppi war sehr geschäftstüchtig und vermietete McQueen mehrere Autos für den Film. Trotz seiner vielen Rennen, die er fuhr, tauchte er wenn immer möglich in Le Mans auf, um alles zu überprüfen. Ich bewegte bei den Filmaufnahmen vorwiegend den Ferrari 512, den ich ja bereits gut kannte, Siffert und McQueen konzentrierten sich auf den Porsche 917. „Es blieb während der Drehpausen viel Zeit für einen Schwatz mit Seppi, mal losgelöst vom Stress, der normalerweise während eines Rennwochenendes herrscht“ schildert Bell. Er lernte auch die kommerzielle Seite des Sportes kennen: „Siffert dachte immer ans Geschäft. Er war ein Beispiel, wie sich im Rennsport Geld verdienen liess. Dank ihm lernte ich auch Jack Heuer kennen, mit dem sich über all die Jahre eine freundschaftliche Beziehung entwickelte“.

In der Langstreckensaison 1971 war nur gerade der Saisoneinstand des Duos Siffert/Bell erfolgreich. Sie siegten im 1000km-Rennen von Buenos Aires. Dann folgten aber nur noch einige wenige Podestplätze. Dies zeigte vor allem, dass die Stall-Gefährten Rodriguez/Oliver von Wyer bevorzugt wurden. Und Ende des Rennjahres musste Bell brutal feststellen: „Zu Saisonbeginn wurde ich als Nummer 4 im Team verpflichtet, Ende Saison war ich die Nummer 1! Rodriguez und Siffert starben auf der Rennstrecke, Oliver verliess das Team. Eine erschütternde Taufe in meiner ersten grossen Saison…“. Dass er mittlerweile auch mit den Schnellsten mithalten konnte, bewies Bell im letzten Langstreckenrennen des Jahres. Im Sechs-Stunden-Rennen von Watkins Glen fuhr er mit 1:08,297 = 205,967 km/h die schnellste Runde, eine halbe Sekunde über der Pole-Position-Zeit von Mark Donohue in seinem Ferrari 512.

Schockiert war Bell am 24. Oktober 1971. „Mit Jo Sifferts Unfalltod habe ich einen Freund verloren, der mir viel beibrachte“, zieht der Engländer ein Resumée nach nur einer gemeinsamen Saison. „Es war für mich Ehrensache, an Sifferts Beerdigung teilzunehmen. Und da erlebte ich, wie beliebt und bekannt der Schweizer Rennfahrer war – unglaublich die Menschenmassen am Strassenrand, die einen Spalier auf seinem letzten Weg bildeten“, erinnert er sich. „Schön ist auch, dass ich im Laufe der Jahre seinen Sohn Philipp kennen lernte und mich mit ihm über sei­nen Vater austauschen konnte“, lautet Bells Schlusswort.

Steckbrief Derek Bell

Am 31. Oktober 2021 feiert Sir Derek Bell seinen 80. Geburtstag. Er teilte 1971 gerade mal für eine Saison das Cockpit mit Jo Siffert in einem Porsche 917. Dieses Engagement bei John Wyer war der eigentliche Karrierebeschleuniger für den Engländer: Nach zwei unglücklichen Jahren bei Ferrari in der Formel-2-Europameisterschaft und bei zwei Grand-Prix’ stand er vor dem Nichts. Periodische Einsätze (Surtees-Formel 1, Sportwagenrennen mit einem Ferrari 512 und die Formel-2-EM in einem privaten Brabham) waren das einzige Wenige, das ihm für die Saison 1970 blieb, als sich ein Formel-1-Projekt mit John Surtees zerschlug. Mit der Fahrkarte als Co-Pilot von Jo Siffert machte Bell einen Karriere-Restart und entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem der weltbesten Sportwagenpiloten. Er holte zweimal den Titel als Langstreckenweltmeister (1985 und 1986). Bei 26 Starts in Le Mans siegte er fünf Mal, landete weitere vier Male auf dem Podium, das er mit vierten Plätzen zweimal knapp verpasste. Gemeinsam mit seinem Sohn Justin teilte er zweimal das Cockpit bei den 24 Stunden von Le Mans (1992 und 1995).  Heute lebt er in den USA.

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