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Jacques Deschenaux erinnert sich an Jo Siffert

Thomas Suter
24.10.2021

Jacques Deschenaux mit Jo Siffert

Es gibt Ereignisse, da steht die Zeit still. Und alle können sich später noch genau an den Moment erinnern. Der 24. Oktober 1971 war so ein Datum. Die (Schweizer-) Rennsportwelt hielt den Atem an und verstummte: Am Sonntag Nachmittag verunglückte Jo „Seppi“ Siffert  bei einem nicht zur WM zählenden Formel-1-Rennen in Brands Hatch tödlich – ausgerechnet auf jenem Kurs, auf dem er drei Jahre zuvor seinen ersten, ganz grossen Sieg feiern konnte. 

Auf zwischengas.com wurden bereits mehrere Berichte über Jo Siffert publiziert, die sein Leben und seine Leistungen umfangreich beleuchten:

Jacques Deschenaux ist der 24. Oktober 1971 immer noch omnipräsent, wie wenn es erst gestern gewesen wäre, obwohl es nun bereits 50 Jahre her ist: „Ich erfuhr von Seppis Tod im Fribourger Bahn­­hof, wo ich eben aus Bern zurückkehrte. Ich glaube, es war nach dem Tod meiner Mutter der schlimmste und traurigste Moment in meinem Leben“.

Sein erster Kontakt zu Joseph Siffert geht auf das Jahr 1963 zurück. „Ich war 17 1/2 Jahre alt, Gymnasiast in Fribourg und fragte Jo Siffert, den ich einige Male gesehen hatte, aber nicht wirklich kannte, ob ich ihn zum Bergrennen Ollon-Villars begleiten dürfe. Zu meiner Überraschung hat er zugesagt. In Villars hatten ihn die Organisatoren im Hotel Palace untergebracht, ich schlief bei einem Freund. Am Montag sind wir wieder nach Fribourg zurückgekehrt“, erinnert sich Deschenaux. Es war der Beginn einer jahrelangen Freundschaft. Trotz des grossen Engagements im Umfeld von Siffert absolvierte Deschenaux seine Matura, studierte anschliessend Jura und schloss sein Studium 1970 ab. „Wir verstanden uns von Anfang an ausgezeichnet. Er hat seine Leidenschaft für den Motorsport an mich weitergegeben. Ich bewunderte seinen Mut und seine Entschlossenheit. Ihm gefiel wahrscheinlich mein enthusiastisches Verhalten“, schildert Deschenaux den Umgang der beiden.

Im Laufe der Jahre übernahm Deschenaux immer mehr Aufgaben für das Team von Seppi Siffert. „Ich habe angefangen, für verschiedene Zeitungen zu schreiben, darunter für die Lokalzeitung ‚La Liberté‘. Dort erschien nach jedem Rennen eine Kolumne ‚Siffert erzählt uns‘, die ich jeweils schrieb“, erinnert er sich. Die Beliebtheit Sifferts, zuerst lokal in der Fribourger-Region, dann mit einer riesigen, gesamtschweizerischen Ausstrahlung, führt Deschenaux auf zwei, drei wichtige Eigenschaften zurück.  „Die Leute schätzten Seppis Freundlichkeit und Einfachheit. Die Tatsache, dass er so hart arbeitete, um seine Leidenschaft zu finanzieren, liess sie nicht gleichgültig. Sie empfanden auch einen gewissen Stolz, einen Fribourger und einen Schweizer so erfolgreich im Motorsport aktiv zu sehen. Es erinnerte viele auch an die Zeit von Toulo de Graffenried und Benoît Musy“, erklärt Deschenaux.

Zuerst nur sporadisch, dann ab 1969 in grossem Ausmass, begleitete Deschenaux den Fribourger Rennfahrer zu den Rennen. „Wir sind meist gemeinsam im Auto hingefahren oder waren mit dem Flieger unterwegs, haben aber selten im selben Hotel übernachtet.

Rob Walker mit Jo Siffert

Sein Zimmer wurde von Porsche, Rob Walker oder BRM gebucht, die ihn gleich auch mit Terminen vor Ort eindeckten“, kramt er in seinen Erinnerungen. „In den Boxen und im Fahrerlager habe ich verschiedene Dinge für ihn erledigt. Auf dem Rennplatz habe ich auch Kleber / Sticker auf seine Autos geklebt, Sandwichs zubereitet, ein Signet „Biostrath“ auf seinen Overall genäht oder sogar sein Regenvisier in seinem Hotel während des GP von Monaco im Jahre 1969 geholt. Abends haben wir uns immer zum gemeinsamen Essen getroffen. Manchmal liess er mich bei der Rückfahrt sogar ans Steuer. Ein kleines Detail am Rande: Beim GP in England 1970 in Brands-Hatch hat er mich gebeten, mich um einen jungen Blick-Journalisten zu kümmern, der zum ersten Mal einen GP besuchte, und der Roger Benoit hiess! Drei Wochen vor seinem Tod, waren wir zusammen in Watkins Glen für den USA-GP. Siffert wurde Zweiter hinter François Cevert. Ich hatte T-Shirts mit seinem Abbild dabei - nach dem Rennen habe ich innert 10 Minuten alles verkauft. Im Lauf der Jahre entwickelte sich meine Tätigkeit in Richtung Pressesprecher. Es war eine schnelle und sehr tolle Zeit mit Siffert“, hält er fest.

In Fribourg führte Siffert zuerst eine Alfa-Romeo-Vertretung, zu der mit seinem Status als Werksfahrer noch eine Porsche-Vertretung hinzu kam. Und hier kann sich Deschenaux ein Schmunzeln nicht verkneifen: „Wenn ich mich richtig erinnere, war Sifferts Porsche-Niederlassung nach der grossen Porsche-Agentur in Zürich die umsatzstärkste der ganzen Schweiz! Er war ein harter Verhandlungspartner, aber die Leute standen richtiggehend Schlange, um bei ihm ein Auto zu kaufen“. In Sifferts Garage kümmerte sich Deschenaux „eigentlich um vieles oder alles“, wie er meint:  “Ich kümmerte mich darum, die Briefe seiner Fans zu beantworten. Manchmal begleitete ich ihn in die Werke nach Stuttgart oder München, wo jeder von uns einen Porsche oder einen BMW abholte. Eines Tages, im Jahre 1969, schickte er mich von Stuttgart nach England, um bei Rob Walker einen Jensen „4 Radantrieb“ abzuholen, und zu Porsche nach Stuttgart zu bringen. Dort wurde alles auseinandergenommen, um die Funktionen zu studieren. Die Idee dahinter: Einen Rennwagen mit Vierradantrieb  wie Lotus, Ford oder Matra zu konstruieren, allenfalls auch ein Strassenauto“.

Die Anwesenheit von Deschenaux auf dem Rennplatz war nicht immer schmerzfrei. Er hält fest, „dass Siffert immer gewinnen wollte. Dies war sein Antrieb“. Das epische Duell mit Pedro Rodriguez beim 1000km-Rennen in Spa-Francorchamps 1971 hat er immer noch in Erinnerung: „Seppi kämpfte mit dem Mexikaner rundenlang an der Spitze, die beiden Porsche 917 berührten sich mehrmals, nebeneinander querten sie, wie bereits im Jahr zuvor, die Kurve von Eau Rouge – etwas, das eigentlich gar nicht funktionieren kann! Keiner wollte nachgeben. David York, Rennleiter im Team von John Wyer, griff zur Stallregie, liess an Stelle von Siffert den Co-Piloten Derek Bell das Rennen zu Ende fahren und Rodriguez / Kinnunen gewinnen. Seppi schäumte in den Boxen vor Wut, er war ausser sich und überzeugt davon, dass ihm der Sieg gestohlen wurde. Im Nachhinein begreift man, dass Yorks Entscheid wahrscheinlich richtig war, die brandgefährliche Situation zwischen den beiden Piloten zu beenden – leider zu Ungunsten von Siffert“, schildert Deschenaux.

Jo Siffert im Porsche 908 KH 1969

In den verschiedenen Racing-Teams, für die er fuhr, wurde Siffert geachtet. „Sein Engagement für einen reibungslosen Ablauf war total. Was er nicht ertragen konnte, war, wenn jemand seinen Job nicht gut machte. Sein Ärger war dann aber bald wieder verflogen. Im Team respektierte er alle Leute, mit denen er zusammenarbeitete. Er war ein Leader, der umgekehrt auch von allen respektiert und geschätzt wurde“, charakterisiert Deschenaux und fährt weiter: „In Sponsor-Verhandlungen war er hart, aber fair. Und ihm ist zu verdanken, dass Marlboro und Heuer in den Motorsport kamen“.

Ab Ende der Sechzigerjahre füllte sich Sifferts Rennkalender. Bis 40 Rennen standen auf dem Programm, oftmals gar zwei Rennen an einem Wochenende und nur zu realisieren mit Shuttle-Flügen. Im Juni 1971 flog er nach dem ersten Training zum 1000-Kilometer-Rennen von Spa-Francor­champs am Donnerstag sofort nach Silverstone, qualifizierte am Freitag seinen Formel-1-March-Ford, fuhr dort am Samstag das Rennen und kehrte pünktlich nach Belgien zurück, um im Porsche 917 am Sonntag den Start zum Langstreckenrennen zu fahren…!

Kam Siffert in dieser Hektik überhaupt aus seiner „Blase“ heraus und fand Zeit für völlig konträre Dinge? Auch darauf hat Jacques Deschenaux eine Antwort: „Er führte zwar ein verrücktes und schnelles Leben, war aber sehr gut organisiert und litt nicht allzu sehr unter der Zeitverschiebung (Jetlag). Seine Schwester Marguerite war seine Sekretärin, Paul Blancpain und andere, denen ich angehörte, waren immer bereit, ihn zu unterstützen, wenn er uns brauchte. Wir waren alle stolz und glücklich, seine Leidenschaft und seinen Enthusiasmus zu teilen. Ich wurde Zeuge seiner Freundschaft zum Künstler Jean Tinguely. Sicher standen auch dort Technik und Motoren im Zentrum, aber sie konnten ganz gut auch über andere Dinge diskutieren. Und dann fand er auch noch genügend Zeit für seine Familie“.

Alles fand am Nachmittag des 24. Oktobers 1971 ein abruptes Ende. Bei einem Kehrausrennen, das zu Ehren des Formel-1-Weltmeisters Jackie Stewart in Brands Hatch ausgetragen wurde, fand Jo ‚Seppi‘ Siffert nach einem Unfall den Tod. Und grausame Ironie des Schicksals: Dieses Rennen fand nur statt, weil der Grand-Prix von Mexiko nach dem Tod von Sifferts Erzrivalen Pedro Rodriguez abgesagt wurde…

Nochmals Jacques Deschenaux: „Am Mittwoch vor diesem Rennen hatte Siffert mir gesagt, dass er mich ganztägig anstellen werde und gebeten, seine Biographie zu schreiben. Ich schrieb dieses Werk, das auf Französisch (Paris), Englisch (London) und Deutsch (Motorbuch Verlag in Stuttgart) erschien und eigentlich ein Nachruf geworden ist. Dann wurde ich als Journalist bei TSR angestellt. Auf indirekte Weise verdanke ich Jo Siffert meine Journalisten-Aktivität am Fernsehen und als Fomel-1-Kommentator, und ich habe fast ein schlechtes Gewissen beim Gedanken, dass er sterben musste, damit ich meine eigene Karriere machen konnte. Ausser meiner Familie ist Siffert zweifelsohne die Person, die in meinem Leben am wichtigsten war“.

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