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Brian Redman erinnert sich an Jo Siffert

Thomas Suter
24.10.2021

Jo Siffert mit Brian Redman

Es gibt Ereignisse, da steht die Zeit still. Und alle können sich später noch genau an den Moment erinnern. Der 24. Oktober 1971 war so ein Datum. Die (Schweizer-) Rennsportwelt hielt den Atem an und verstummte: Am Sonntag Nachmittag verunglückte Jo „Seppi“ Siffert  bei einem nicht zur WM zählenden Formel-1-Rennen in Brands Hatch tödlich – ausgerechnet auf jenem Kurs, auf dem er drei Jahre zuvor seinen ersten, ganz grossen Sieg feiern konnte. 

Auf zwischengas.com wurden bereits mehrere Berichte über Jo Siffert publiziert, die sein Leben und seine Leistungen umfangreich beleuchten:

Daytona 1969, erster Lauf zur Markenweltmeisterschaft: Am Morgen nach dem Rennen, das für die Stuttgarter in einem mittelprächtigen Desaster endete, fragte Porsche-Rennleiter Rico Steinemann bei Brian Redman nach, ob er künftig lieber als Nummer 1 im eigenen Auto fahren und seinen Beifahrer selbst auswählen oder als Co-Pilot ins Team von Jo Siffert wechseln wolle. “Ich wusste natürlich, dass ich als Nummer 2 nicht die Meriten wie als Nummer 1 abholen konnte, andererseits war es vielsprechend, sich mit dem Schnellsten der Porsche-Crew zusammen zu tun. Ich habe mich für Seppi entschieden, weil ich dachte, wir würden mehr Rennen gewinnen. Wir holten dann gemeinsam in 10 Rennen 5 Siege. Siffert gewann zusammen mit Kurt Ahrens noch die 1000km auf dem Österreichring”, blickt Redmann auf eine höchste erfolgreiche Saison zurück, die im erstmaligen Gewinn der Markenweltmeisterschaft für Porsche gipfelte. Das Glück dauerte für Siffert / Redman nur gerade zwei Saisons.

Siffert/Redman - Spa 1000 km 1970 (© Faille)

Für 1971 gab Porsche die Zügel aus der Hand, John Wyer Automotive Engineering war für die Einsätze der Porsche 917 und Porsche 908 verantwortlich. “Seppi und ich wurden von Porsche bezahlt und Rodriguez/Kin­nunen, die von John Wyer als Mitgift im Team waren, von JWAE”, hält Redman fest. Diese Konstellation zeigte sich auch in den Resultaten. Es lässt sich unschwer feststellen, dass Rodriguez der bevorzugte Pilot von Wyer war, sehr zum Missfallen des Schweizers. Siffert / Redman kreuzten 1970 dreimal als Erste die Ziellinie, Rodriguez / Kinnunen vier Mal. Und es herrschte eine grosse, interne Rivalität zwischen den beiden Teams.

Kennen gelernt hatten sich Siffert und Redman 1968 beim Grand Prix von Südafrika, dem ersten Lauf zur Formel-1-Fahrer-Weltmeisterschaft. Redman war für das Cooper-Maserati-Werksteam am Start, Siffert ebenfalls in einem Cooper-Maserati für den englischen Privatrennstall von Rob Walker.  “Von Seppi wusste ich nur, dass er sehr schnell war, egal, in welchem Auto er gerade sass”, erinnert sich der Brite. Wie recht er hatte, zeigen die Trainingszeiten von Kyalami: Siffert brummte Redman eine um eineinhalb Sekunden schlechtere Rundenzeit auf.

Die Kontakte der beiden beschränkte sich hauptsächlich auf den Rennplatz. “Er war immer sehr ‘busy’, auch auf dem Rennplatz. Und praktisch an jedem Wochenende fuhr er irgendwo ein Rennen. Dazu kam die Führung seiner Garage in Fribourg. Ich glaube, es war ihm nie langweilig…”, schildert der Brite und fährt fort: “Er war wirklich sehr geschäftstüchtig. Ich habe gehört, dass Porsche ihm nach seinen Gesprächen mit Ferrari in Maranello eine beträchtliche Summe angeboten hat, falls er weiterhin bei den Stuttgartern bleiben würde. Zweifellos war es viel mehr als meine bescheidenen 1000 Dollar für Le Mans, Daytona und Sebring, dann 750 Dollar pro Rennen für alle anderen. Seppi war sicher der geschäftstüchtigste unter den Werksfahrern”. Redman macht dies auch am Deal mit Steve McQueen fest: “Der berühmte Schauspieler erkundigte sich beim Schweizer Piloten, ob er wisse, wie er zu Rennwagen für seinen Film ‘Le Mans’ kommen könne. Kein Problem, meinte Siffert, organisierte die Rennwagen und vermietete sie für eine horrende Stange Geld an die Filmproduktion”.

Jo Siffert auf Kalenderblatt

Ab und zu rief Redman den Schweizer an, um etwas zum Rennwagen zu besprechen: “Im März 1969 erhielt ich einen Anruf von Porsche. Sie wollten, dass ich den brandneuen 917er teste. Damals waren wir 10 Werksfahrer, sechs Deutsche, drei Engländer und ein Schweizer. Ich fragte mich, warum sie gerade mich wollten, wenn doch nicht allzu weit weg sechs deutsche Fahrer wohnten! Ich sagte, ich würde mich in 30 Minuten wieder melden, rief Seppi an und fragte, ob er den neuen 917 schon getestet habe. Er antwortete ‘nein, nein Brian – wir lassen erst die anderen herausfinden, was alles kaputt geht’ – ich sagte Porsche also ab und habe mir eine Menge Ärger erspart...”.

Sifferts Vorahnung war richtig: Die Tests fuhr dann unter anderem Kurt Ahrens, der einen Horror-Crash in Ehra-Lessien wie durch ein Wunder überlebte. John Woolfe kam bei einem Unfall mit dem 917er beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans 1969 gar ums Leben. Der Durchbruch dieses Modells gelang erst auf die Saison 1970 hin, als John Wyer Automotive Engineering mit Modifikationen an der Heckverkleidung dem Porsche rennsporttaugliche Manieren beibringen konnte.

Zu den Rennen reisten Siffert und Redman meist getrennt an. Für die Jahre 1969 und 1970 stellte Porsche den Werksfahrern einen 911er zur Verfügung. Redman erinnert sich: “Wir sollten zu allen europäischen Langstrecken-Rennen auf Achse anreisen – selbst zur Targa Florio nach Sizilien, obwohl das sehr weit von England entfernt liegt. Mit einer Ausnahme sind Seppi und ich auch nie gemeinsam zu einem Rennen geflogen. Am JFK-Flughafen in New York trafen wir uns, um in einem Mietwagen von Audi zusammen nach Watkins Glen zu fahren. Siffert setzte sich ans Steuer, mit über 100 mph brausten wir über den Motorway und wurden sauber von einer Polizeistreife angehalten. Seppi gab vor, kein Englisch zu sprechen und zu verstehen, mein Pass wurde glücklicherweise nicht kontrolliert. Nach längerem hin und her liess uns die Polizei schliesslich mit einer Verwarnung ziehen”, lacht Redman.

Jo Siffert in Spa 1970 (© Faille)

Der Engländer erlebte Siffert nur einmal in Rage, dies in der Saison 1970 beim 1000km-Rennen von Spa-Francorchamps. Im «powerslide» vom Juni 1970 sind die Eindrücke vom Training so formuliert: «In einem von allen Piloten voll genommenen Knick auf der (Masta-) Geraden tauchte ein blau-oranger Porsche 917 auf, machte einen vom Fahrer sicherlich nicht vorgesehenen Sprung zur Seite und blieb nach endlosen Schlingerbewegungen am linken Streckenrand stehen. Dem Wagen entstieg ein aus verständlichen Gründen um die Nase etwas blasser Jo Siffert, denn auch ein Weltklassepilot erlebt nicht alle Tage einen Reifenschaden…». Mit Unterstützung von Leo Kinnunen, einem Journalisten und einem Fotografen wurde Sifferts 917 wieder flottgemacht. Er kehrt an die Boxen zurück, liess alle vier Räder wechseln und ging zurück auf die Strecke. Und wieder hatte er einen Platten. Dasselbe Prozedere nochmals, nun löste Redman den Schweizer ab. «Ich protestierte, die Boxen-Crew versicherte mir aber, dass alles in Ordnung sei», erzählt der Brite mit gerunzelter Stirn. Längst überfällig, kam er aus seiner Trainingsrunde endlich wieder an die Box zurück, Siffert schaute ihn an und begann zu lachen. Ein verständnislos dreinblickender Redman fragte aufgebracht, was es denn da noch zu lachen geben würde. Siffert: «Du hast die Farbe Deines Overalls im Gesicht!». Kein Wunder – auf der Gegengerade, als Redman mit 180 km/h in die schnelle Rechtskurve einbog, löste sich erneut der linke Hinterreifen von der Felge! Das Rennen gewannen Siffert / Redman mit einer neuen Rekordgeschwindigkeit von über 245 km/h, obwohl die John-Wyer-Boxencrew mit (offensichtlich?) vermurksten Boxenstopps bei Siffert / Redman versuchte, Rodriguez / Kinnunen an der Spitze zu halten. Nach 45 von 71 Runden strichen diese jedoch mit einem Getriebeschaden die Segel.

Für Brian Redman war dann 1971 eine denkwürdige Saison. Im Frühjahr – für ein Rennen als Ersatz des Stamm-Co-Piloten Derek Bell zu Siffert ins Porsche-Werksteam zurückgekehrt – verunglückte er bei der Targa Florio: Sein Porsche 908/3 überschlug sich. Er konnte sich knapp aus dem brennenden Rennwagen retten und kam mit schweren Brandwunden im Gesicht und im Nacken davon. “Der Arzt verordnete mir acht Wochen Rennpause – dies gleich zum Beginn der eigentlichen Renn-Saison! Ich kaufte mir einen Wohnwagen und dislozierte zusammen mit meiner Frau nach Südfrankreich. An einem Montagmorgen im Juli war ich im Waschraum, um mir die Zähne zu putzen und als ich zurück zum Wohnwagen ging, hielt mich ein englischer Camper an, der wusste, dass ich mich für Motorsport interessiere und fragte, ob ich den Fahrer, der am Vortag starb, kannte. Als ich nach dem Namen fragte, antwortete er ‘Rud irgendwas’ und als ich sagte ‘Rodriguez’ antwortete er ‘genau der’. Zurück im Wohnwagen fragte mich Marion, weshalb ich so traurig sei und ich erzählte ihr, dass Pedro tot sei.

Zuhause in Colne, Lancashire, schaute ich mir am 24. Oktober das Formel-1-Rennen in Brands Hatch im Fernsehen an und musste miterleben, wie Seppi tödlich verunglückte”, kramt Redman in seinen schrecklichen Erinnerungen. Und wie ging er damit um? «Damals starben so viele Rennfahrer, dass man es nicht auf sich wirken lassen durfte. Man verdrängte es und hoffte, davon zu kommen», beschreibt er den Mechanismus. «Ich war nicht auf der Beerdigung von Seppi – ich fuhr in Riverside mit einem Porsche 917/10 ein CanAm-Rennen – quasi als Ablenkung", schildert er.   

Steckbrief Brian Redman

Der im kommenden März 85 Jahre alt werdende Brite teilte ab 1969 für zwei Jahre das Cockpit mit Jo Siffert in einem Porsche 908 und 917. Seinen Einstieg in die Formel 1 feierte Redman 1968 im GP Spanien gleich mit einem dritten Platz. Im Grand Prix von Belgien in Spa-Francorchamps flog Redmans Cooper-BRM nach einem Aufhängungsbruch von der Strecke, prallte in ein parkiertes Auto (!) und fing Feuer. Der Engländer benötigte nahezu ein Jahr, um sich von den Verletzungen zu erholen. Trotz dieser langen Verletzungspause holte ihn Porsche für die Saison 1969 ins Werksteam. Zwischen 1968 und 1974 bestritt er 12 Formel-1-Rennen, konzentrierte sich dann erfolgreich 20 Jahre mit unzähligen Siegen und Podestplätzen auf Langstreckenrennen. Acht seiner insgesamt 18 Siege holte er zusammen mit Jo Siffert. Sein Talent in dieser Kategorie wurde ge­schätzt: Alfa Romeo, Aston Martin, BMW, Ferrari, Ford, Jaguar und Porsche verpflichteten ihn als Werksfahrer. Heute lebt er in Florida (USA).

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