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Mario Cortesi erinnert sich an Jo Siffert

Thomas Suter
24.10.2021

Mario Cortesi mit Jo Siffert

Es gibt Ereignisse, da steht die Zeit still. Und alle können sich später noch genau an den Moment erinnern. Der 24. Oktober 1971 war so ein Datum. Die (Schweizer-) Rennsportwelt hielt den Atem an und verstummte: Am Sonntag Nachmittag verunglückte Jo „Seppi“ Siffert  bei einem nicht zur WM zählenden Formel-1-Rennen in Brands Hatch tödlich – ausgerechnet auf jenem Kurs, auf dem er drei Jahre zuvor seinen ersten, ganz grossen Sieg feiern konnte. 

Auf zwischengas.com wurden bereits mehrere Berichte über Jo Siffert publiziert, die sein Leben und seine Leistungen umfangreich beleuchten:

Mario Cortesi, vielfach ausgezeichneter Preisträger für seine Filme und Medienbeiträge, heute immer noch als Journalist und Verleger tätig, ist Jo Siffert bereits anfangs der Sechzigerjahre aufgefallen. «Seine Fahrweise an einem Bergrennen in der Schweiz liess erahnen, dass da ein junger, motivierter Mann am Werk ist, der wohl seinen Weg machen wird. Ich hatte das Gefühl, es sitze da einer am Lenkrad, der genau weiss, was er will», erinnert er sich.

Der Bieler drehte zwei Dokumentarfilme über Siffert und hatte etwas näheren Kontakt mit ihm. Er charakterisiert ihn als «bescheiden, nie fordernd, sofort zur Zusammenarbeit bereit, kurzum, richtig geerdet». Cortesi kann es beurteilen. In seiner Karriere hatte er unzählige Begegnungen mit arrivierten Stars, sei es mit Gene Hackman, Robert de Niro, Steve McQueen, Martin Scorsese oder dem kürzliche verstorbenen Jean-Paul Belmondo und vielen anderen. «Siffert stach hier in positivem Sinne heraus», hält er fest und fährt weiter: «Auf dem Rennplatz war er meist mit Jean Tinguely zusammen, immer in Gespräche mit dem Künstler vertieft. Wenn wir etwas von Siffert brauchten oder absprechen wollten, liess er sich problemlos unterbrechen, sicherte uns die volle Aufmerksamkeit und war immer bereit, darauf einzugehen. Angenehm war, dass er nie an unseren Einstellungen zweifelte oder andere Ideen einbringen wollte. Alles in allem war es immer eine sehr aufbauende Zusammenarbeit mit ihm».
Ein klein bisschen anders hat er Interviews mit dem Rennfahrer in Erinnerung. «Siffert war kein begnadeter Redner, die Worte sprudelten nicht gerade aus ihm heraus, wir mussten sie ihm vielmehr, wie man sagt, ‘aus der Nase ziehen’», schmunzelt er.

Mario Cortesi

Der zweite Dokumentarfilm über den Schweizer Rennfahrer führte Mario Cortesi 1971 auch zum 24-Stunden-Rennen von Le Mans. Er begleitete dabei nicht nur filmisch Siffert – seine Beziehungen ins Filmbusiness führten auch dazu, dass er mit Steve McQueen zum Mittagessen ging. McQueen versuchte vergeblich, am 24-Stunden-Rennen teilzunehmen, nutzte Le Mans aber als Beobachter und für Inputs für seinen Film «Le Mans». «Leider schied Siffert aus, obwohl er hoffte, hier endlich mal als Erster die Ziellinie zu kreuzen», blickt Cortesi zurück und meint weiter: «Er war ja sonst ein sehr erfolgreicher Sportwagen- und Langstreckenpilot, der viele Rennen gewonnen hat». 

Jo Siffert im BRM mit installierter Arriflex

Siffert selbst sorgte aber auch dafür, dass Cortesi zu spektakulären Bildern kam. Der Bieler Filmemacher hatte 1971 während des Formel-1-Grand-Prix von Oesterreich die Idee, Fahraufnahmen sowohl in Fahrtrichtung als auch zurückblickend zu machen. Er wollte seine Arriflex-16mm-Kamera an Sifferts BRM am Überrollbügel befestigen. «Der Rennveranstalter war, vornehm ausgedrückt, ‘not amused’ und wir befürchteten schon, dass nichts aus dieser Idee wird. Wir hatten nicht mit der Beharrlichkeit Sifferts gerechnet, der persönlich beim Veranstalter vorsprach und erreichte, dass zumindest in den Trainingssessions unsere ‘fahrende Kamera’ eingesetzt werden konnte. Wir befestigten die Kamera mit einem Wust an Klebebändern am Überrollbügel», erklärt Cortesi, stutzt einen Moment, lächelt und meint: «Heute absolut unvorstellbar – wir würden niemals mehr eine Genehmigung dafür kriegen. Aber damals waren noch etwas andere Zeiten…!». Siffert gewann das Rennen mit einem Start-Ziel-Sieg und strahlte anschliessend in Cortesis Kamera: «Tolles Gefühl, den Weltmeister Jackie Stewart im Rückspiegel zu sehen, wie er immer kleiner wird…!».

Nur gerade neun Wochen nach seinem letzten Treffen mit Siffert am Österreichring verunglückte der Fribourger in Brands Hatch. Den fertigen Dokumentarfilm über sich erlebte er nicht mehr. «Die Nachricht von seinem Tod bedrückte mich», äussert sich Cortesi, zeigt sich auch heute noch beeindruckt von Siffert’s Beerdigung. «Es war unglaublich. 50'000 Menschen säumten den Weg zur Kirche. Ich glaube nicht, dass es in der Schweiz jemals einen grösseren Menschenaufmarsch an einer Beerdigung gegeben hat», ist er sich fast sicher.

Steckbrief Mario Cortesi

Mario Cortesi, Jahrgang 1940, ist ein vielfach ausgezeichneter Filmregisseur und Journalist aus Biel. Mit 25 Jahren gründete er das erste Medienbüro der Schweiz, das «Büro Cortesi Biel». Gemeinsam mit Cortesi sprangen später namhafte Journalisten wie Frank A. Meyer oder Peter Rothenbühler (und andere) ins kalte Wasser. Heute produziert das Büro Cortesi hauptsächlich die grösste zweisprachige Gratiszeitung der Schweiz «Biel-Bienne» und den lokalen TV-Sender «TeleBilingue», ebenfalls in Biel.

Cortesi war immer schon auto-affin. Sein erstes Auto war ein Lancia Aprilia, «den ich zu Tode gefahren habe und anschliessend in ein handliches Format pressen liess», wie er lächelnd erklärt. In den Sechzigerjahren hatte er in seinem Fuhrpark gleichzeitig einen Aston Martin DB5 und einen Bizzarrini. «1980 war meine autofahrerische Sturm- und Drangzeit vorüber. Ich verkaufte beide Sportwagen und begnüge mich seither mit kleineren und ökologischeren Autos», hält er fest und fährt weiter: «Mein Aktionsra­dius mit dem Auto ist klein geworden». Aktuell befördert ihn «ein kleiner Mercedes», wie er sagt.

Einem breiten Publikum wurde Cortesi als Filmkritiker des (Deutsch-) Schweizer-Fern­sehens bekannt. Der Film war das Medium, das Cortesi schon als Kind begeisterte. Die Fe­rien, die er als Kind und Jugendlicher in Parma verbrachte, nutzte er, «um jeweils Dutzende von Filmen anzuschauen», wie er in seinen Erinnerungen kramt. 1964 erhielt er für die Expo 64 seinen ersten Profifilm-Auftrag, nachdem er im gleichen Jahr für seinen Amateurspielfilm «Geh mit der Zeit» mit dem Preis des Bundesrates für den besten Amateurfilm ausgezeichnet wurde.

In den Sechziger- und anfangs der Siebzigerjahre drehte er nebst vielen anderen auch Dokumentarfilme über die Formel-1- und Rennsport-Szene (Die Rennfahrer / Le Mans / Clay Regazzoni / Jo Siffert). Bis heute ist Cortesi in seinem Büro und auf seinem TV-Sender aktiv.

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