Die Kunst ein Auto einzufahren

Bruno von Rotz
02.12.2013

Ausschnitt aus dem Ferrari-365-GTC/4-Handbuch

Moderne Fahrzeughandbücher verlieren kaum ein Wort mehr dazu, aber früher waren die Einfahr-Regeln ein wichtiger Teil der Instruktionen.

Zitieren wir hier einmal aus dem Handbuch des Ferrari 365 GTC/4 von 1971-1972:
“Ein neuer Wagen muss über mindestens 5000 km eingefahren werden. Während dieser Periode sollten die empfohlenen Drehzahlen nicht überschritten werden.”

In der abgedruckten Tabelle waren dann für die ersten 1000 km 4500 Umdrehungen und für die nächsten 2000 km 5500 Umdrehungen als Drehzahl-Limit angegeben und dies bei einem Wagen, dessen höchste Leistung erst bei 6800 Umdrehungen anstand.

Zudem wurde auch gebeten, auf kurze Vollgasperioden während der Einfahrzeit zu verzichten und auch Vollbremsungen sollten während der ersten paar hundert Kilometer unterlassen werden.

Werbung für den NSU TT

Ein paar Jahre vorher schrieb die Firma NSU in schöner deutscher Prosa in das Handbuch des NSU TT :

“Sollen Sie Ihr neues Auto behutsam einfahren? Oder sollen Sie gleich loslegen, was das Zeug hält? Sie werden merken, daß beide Methoden ihre Verfechter haben. Und gute Argumente obendrein.

«Man muß das Auto vorsichtig einfahren», sagen die einen, «weil sonst die noch nicht ganz aufeinander eingespielten Teile überbeansprucht werden, klemmen können und den Motor ruinieren.»

«Wenn man einen Motor von Anfang an schnell und temperamentvoll fährt, wird er am schnellsten ‘frei’ und leistungsfähig!» behaupten die anderen.

Es ist wie so oft im Leben: Beide haben recht, aber um das Einfahren kommen alle beide nicht herum. Kolben und Zylinder, Zahnräder und Lager sollen sich im Lauf der ersten paar tausend Kilometer aufeinander einspielen. Wenn man während dieser Zeit nicht achtsam mit ihnen umgeht, so reiben sie sich aneinander, erhitzen sich dabei und bringen sich schließlich gegenseitig um. Man kennt das ja. Nur gibt es eben alte Autohasen, gefuchste Einfahrer, die es sich leisten können, den Motor schon nach wenigen hundert Kilometern schnell und schneidig zu fahren. Sie wissen genau, wo die Belastungsgrenze des neuen Motors liegt. (Hier werden auch sie vorsichtig.)

Für normale Einfahrer wäre dieses Einfahr-Rezept aber zu riskant. Halten auch Sie sich deshalb an folgende Einfahr-Regeln:

a) Geben Sie am Berg nicht mehr als zwei Drittel Gas!

b) Im Zusammenhang damit: Schalten Sie eifrig, damit der Motor immer im richtigen Gang „zieht", nicht im zu kleinen Gang überdreht wird, aber auch nicht im zu großen Gang zu langsam läuft, rüttelt und bockt.

c) Öl braucht der Motor wie Sie das tägliche Brot. In der Einfahrzeit mehr als danach. Darum kontrollieren Sie den Olstand in der ersten Zeit in kürzeren Abständen.

Und das alles befolgen Sie während der ersten 1000 Kilometer sehr aufmerksam. Und während der darauffolgenden 3000 Kilometer denken Sie bitte auch noch daran! Nur sollten Sie dann schon immer mal eine kurze Vollgasstrecke einlegen, damit der Motor auch merkt, daß Sie allmählich etwas von  ihm verlangen.

Im Stadtverkehr kann man solche Regeln kaum beherzigen. Gewitzte Fahrer benutzen deshalb ihr neues Auto gleich für eine größere, gemütliche überlandtour. Das halten auch wir für die beste Einfahrmethode.”

Ja, das Einfahren war keine Sache, die man auf die leichte Schulter nehmen konnte, und je kleiner der Wagen war, umso grösser waren die damit verbundenen Einschränkungen und Entbehrungen. Trotzdem hielt man sich an die Regeln, denn man wollte dem Auto ja ein langes und reparaturarmes Leben ermöglichen.

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