Winterarbeiten
Nein, das ist keine Anleitung, wie man seinen Klassiker über den Winter einlagert oder ihn gar so weit einbalsamiert, dass er unbeschadet durch Schnee, Eis und Salz kommt. Es geht darum, dass es einem nicht langweilig wird über die kalte Jahreszeit.
In meinem Fall wird es das nur schon darum nicht, weil meine ungeheizte Schrauberbude mich davon abhalten würde, untätig in einer Ecke zu sitzen und Däumchen zu drehen. Gewiss, ich könnte mich auch auf dem Sofa in der warmen Stube langweilen. Doch dazu fehlt die Zeit. Denn ich bin ein Optimist. Der Optimismus manifestiert sich darin, dass ich voller Freude es mit Hilfe eines Freundes geschafft habe, den Motor meines Graham-Paige 619 auszubauen. Ein tickendes Geräusch unter Last und Weissmetall-Rückstände im Motorenöl haben es ratsam erscheinen lassen, den 4.8-Liter 6-Zylinder in eine Revision zu senden. Recherchen zu Folge hat die Maschine seit Menschengedenken keine solche Überholung erfahren. Allerdings gilt zu sagen, dass bis heute bei kaltem Öl und auf geringen Distanzen weg vom «Heimathafen», eben solchen, die man sich mit einem Uraltauto von unbekannter Zuverlässigkeit zutraut, der Wagen unauffällig war. Es ist also gut möglich, dass es bis in diesem Sommer keinerlei Grund gab, das Auto nach seiner Wiederentdeckung 2006 grösser zu zerlegen und zu inspizieren.
Ich aber will damit fahren, auch längere Distanzen, und da sind Klappergeräusche natürlich höchst unwillkommen, besonders welche, die nach sich anbahnenden Motorschaden tönen. Was mich davon überzeugt hat, dass es technisch möglich ist, liegt in der Geschichte des Siegers der Rallye Monte Carlo 1929. Der holländische Bergbauingenieur Jacques Johan Sprenger van Eijk war zusammen mit drei Begleitern von Holland aus in Richtung Norden gefahren, um den Wettbewerb von Schweden aus in Angriff zu nehmen. In dieser schneereichen und von Unwettern geprägten Ausgabe würde er als einziger Teilnehmer mit diesem Startort ins Fürstentum am Mittelmeer gelangen. Bei vielen scheiterte bereits die Anreise zum Startort, so beispielsweise auch für Rudolph Carracciola. Sprenger van Ejiks Auto war ein Graham-Paige 619 Five-Passenger-Sedan den er sich vom damaligen Importeur für die Niederlande, Nefkens in Utrecht besorgt hatte. Ein genau gleicher Wagen hatte die Paige Automobile AG in Zürich, eine Firma der Franz AG, 1929 dem Weinimporteur und Schnapsbrenner Arnold Dettling in Brunnen geliefert – mein Auto.
Nun ist der Motor also raus und im Nachgang erschien dies wie ein Kinderspiel. Einzige Feststellung ist, dass in der Regel all jene Teile, die man bei einer ersten Begutachtung des Motorraums als zum Ausbau nötig befindet, tatsächlich auch ausgebaut werden müssen – also beispielsweise auch die Hupe. Hängt der Motor erst am Kran, wird das eine knifflige Arbeit.
In zwei Sessions haben wir es also geschafft, den Motor aus seinem Fahrgestell zu heben. Wie schwer das von oben bis unten gusseiserne Teil ist – ein 4.8-Liter Sechszylinder mit stehenden Ventilen – , bleibt im Dunkeln. Ich aber vermute, es ist eine ganze Menge. Was den Ausbau wesentlich erleichtert hat, ist der Umstand, dass ein 1920er-Jahre-Auto US-Amerikanischer Provenienz einem kaum je auf die Probe stellt. Alles ist leicht zugänglich, wo fünf Schrauben zu sehen sind, die beispielsweise den Lenkstock halten, dann sind es genau diese Schrauben, die das tun – und nichts anderes.
Die gesamte Wagenfront liess sich in rund 30 Minuten demontieren. Im Prinzip waren dies vier Elemente: Kühler, zwei Scheinwerfer und die Stossstange.
Also, der Motor ist draussen, er wird nun zerlegt, inspiziert – nicht von mir, sondern vom Profi – und dann die nötigen Massnahmen definiert. Das Ziel ist es, den Motor im Frühling wieder ins Chassis heben zu können. Bis es so weit ist, werde ich seine «Umgebung» aufbereiten. Dabei soll keine Farbe zum Einsatz kommen, nur etwas Rostwandler und eine hauchdünne Schicht Wachs, am liebsten ein vollständig transparentes Produkt. Damit sind meine Aufgaben definiert: Recherchen, viel «Elbow-Grease» wie die Briten zu sagen pflegen – zum Putzen, Polieren und Pinseln – und manches Telefonat mit dem Mechaniker und Motorenbauer, gelegentliche Besuche zum Stand der Dinge und wohl auch Hilfe bei der Teilesuche. Gut ist, zum Graham gibt es den kompletten Teilekatalog und für amerikanische Autos gibt es einen Index, der die Teile aller Modelle auflistet und dazu vermerkt, wo überall dasselbe eingebaut war, so etwa bei den Lagerschalen. Ich bin also erstmal zuversichtlich. Wenn es so weitergeht wie bisher, dann kommt's gut!


























