Werkzeug in der Schrauberwerkstatt, eine Ei-Huhn-Frage?
Das Geräusch war erstmals bei hoher Last an einer Steigung zu hören, das metallische Klackern dabei unzweifelhaft zu orten. Ein Pleuellager! Das Auto mit diesem Gebrechen heisst Graham-Paige 619 und gehört seit vergangenem Jahr zu meinem Fuhrpark.
Es war zu erwarten – ein Auto, das von 1955 bis 2006 unbewegt in einem Schuppen abgestellt stand, kann allerlei Überraschungen bergen. Ich hingegen war ein Optimist, kaufte den Amerikaner von einem Freund und hoffte darauf, dass dessen Wiederinbetriebnahme nach allen Regeln der Kunst erfolgt war. Irgendwie habe ich es aber erwartet, einen fast 100-jährigen Motor nur zu spülen und dann mit frischem, Klassiker-tauglichen sprich gering legierten Öl zu befüllen, das ging in meinem Fall in die Hose. Obwohl ich mir nicht mal so sicher bin, dass es in jedem Fall hat schiefgehen müssen.
Tatsache ist, die drei Graham-Brüder haben sich 1928, als sie ihre Marke Graham-Paige auf den Markt brachten, nicht lumpen lassen. Der Motor meines Modells 619, ein 4.8-Liter 6-Zylinder mit siebenfach gelagerter Kurbelwelle und stehenden Ventilen, war damals eine recht moderne Konstruktion. So verfügt er bereits über eingesetzte Lagerschalen – besser als die damals üblichen gegossenen Lager wenn es gilt, diese zu erneuern.
Angesichts der vielen Druckguss-Teile, die sich rund um das Auto in seinem langen Leben aufgrund von Zinkpest aufgelöst haben, vermute ich aber keine mechanische Überbeanspruchung einer Lagerschale, sondern eher einen altersbedingten Zerfall derselben. Der Johnson-Vergaser ist deshalb wohl schon lange über den Jordan gegangen, vermutlich schon in den 1950er-Jahren. Der Zündverteiler ist mir geradezu kollabiert, ja selbst der Trico-Vakuum-Scheibenwischermotor pfiff aus allen Löchern aufgrund der chemischen Reaktion des Aluminiums mit Kupfer und geringen Mengen Magnesium, den Ingredienzien, die Zamak-Legierungen eigen sind. Vermutlich stecken auch Spuren von Blei darin, laut den Gründern des englischen Spielzeugautoherstellers Lesney sei dies ein Hauptgrund für Zinkpest. Auf ihrem Fabrikareal, wo einst die Matchbox-Autos hergestellt wurden, herrschte absolutes Blei-Verbot, dieses durfte nur in davon isolierten Gebäuden verarbeitet werden. Was in Lagerschalen alles drinsteckt – oder damals drinsteckte – weiss ich nicht, Tatsache ist, eine davon hat zu viel Luft und klappert.
Nun kommt der Motor raus und dazu brauche ich einen Werkstattkran. Obwohl ich ansonsten den Billigangeboten chinesischen Ursprungs eher abgeneigt bin, habe ich mich entschlossen, einen solchen 2-Tonnen-Helfer aus dem Reich der Mitte anzuschaffen. Angesichts des Preises inklusive eines Balancierers, der mir helfen wird, den gigantischen Gusseisenklotz aus dem Chassis zu heben und auf eine Palettte abzusetzen, konnte ich nicht widerstehen. Bei dem Vorkriegswagen sollte der Motorausbau keine allzu grossen Fragen aufwerfen, die gesamte Front samt Kühler lässt sich einfach abbauen. Danach werde ich das Hilfsmittel in eine Ecke rollen, um es erst wieder zu gebrauchen, wenn hoffnungsvollerweise die Maschine nächsten Frühling frisch revidiert wieder vom Motorenbauer zurückkommt. Was ich danach mit dem Kran machen werde, ist mir noch nicht klar, vermutlich in eine Ecke stellen. Dort wird er mir ein gutes Gefühl vermitteln, denn ich könnte ja, wenn ich wollte, sprich: Einen weiteren Motor ausbauen im Fall der Fälle. Das lässt mich darüber nachdenken, wie meine Werkzeuge sich im Verlaufe der Jahre angesammelt haben.
Manche, die selbst schrauben, werden es kennen: Packt man Dinge an, weil man das entsprechende Werkzeug dazu besitzt, oder fordert der eigene Tatendrang vielmehr die Anschaffung des entsprechenden Werkzeugs ein? Es ist eine Ei-Huhn-Frage.
Ich habe drei Kategorien von Werkzeugen. Die erste Sorte bildet den Grundstock, all jenes Material, das zu einer ordentlichen Werkstatt dazu gehört – etwa ein Steckschlüsselsatz oder ein Luftkompressor, vielleicht gar eine Schweissanlage. Die zweite Kategorie bilden die «guten Gelegenheiten», all das, was einst aus einer Werkstattauflösung, einer Teilemarktkiste oder einem Schnäppchenmarkt zu mir gefunden hat. Bei mir etwa ein Blechbiber zum Austrennen von Karosserieblechen oder ein Schlagschrauber – beides übrigens noch nie gebraucht. Die dritte Kategorie schliesslich sind jene Stücke, die ich aus der Not heraus, zum Teil vom Profibedarf mir zugelegt habe: Verschiedene Abzieher, Spezialzangen, Ausbauwerkzeuge für Dichtringe, die riesige Nuss samt Steckschlüssel für die zentralen Kronenmuttern der hinteren Bremstrommeln des VW-Transporters oder eine High-End Airbrushpistole samt Wasserabscheider für winzige Retouchearbeiten am Lack. All dies lagert zum Teil wild durcheinander in meiner Männerhöhle, sprich Werkstatt. Und jetzt kommt noch dieser Kran dazu. Ich bin nun auf alles vorbereitet…

































