Der lange Weg zum Abschied
Man stellt sich den Verkauf eines klassischen Autos ja immer so einfach vor: Inserat, Telefonat, Besichtigung, Preisverhandlung, Handschlag, Tschüss. So bekommt man es von den ganzen Gebrauchtwagenformaten auf DMAX, Nitro, Sport1 oder RTL II zumindest vorgegaukelt. Will man sein Auto aber nicht um jeden Preis loswerden und obendrein in guten Händen wissen, habe ich jüngst die Erfahrung gemacht: Das kann sich ziehen – und wird sich ziehen.
Nach zehn Jahren hatte ich beschlossen, mich von meinem Opel Rekord P zu trennen. Die Entscheidung war mir nicht leicht gefallen, schliesslich hat mich der schwarze Viertürer ein Drittel meines Lebens begleitet und ist mir entsprechend ans Herz gewachsen. Aber gegen ein '54er Studebaker-Coupé zieht jedes Auto den Kürzeren. Und beide zu behalten ist witzlos. Zu ähnlich sind sie sich im Charakter.
Mit einer eigenartigen Mischung aus vorgetäuschtem gefühlskalten Pflichtbewusstsein und ehrlichem schlechten Gewissen habe ich den Opel schliesslich inseriert. Und fortan zogen jede Nacht Bilder des Grauens vor meinem geistigen Auge vorbei: Blumenvasen, Radzierringe, Sonnenschuten, schlecht imitierte Ascona-Zweifarblackierungen oder – am allerschlimmsten – Plüschwürfel am Innenspiegel.
Was wird der nächste Besitzer mit ihm anstellen? Wird er ihn so gut behandeln wie ich? Möglicherweise habe ich den Preis deshalb etwas höher angesetzt. Meine Hoffnung, dass sich dadurch nicht jeder Schrotthändler und Spachtelpfuscher meldet, hat sich jedenfalls nur zum Teil erfüllt. Denn gemeldet hat sich gar keiner. Vielleicht war das ja ein Zeichen. Doch behalten? Die letzte Chance des Schicksals, es mir noch einmal zu überlegen?
Die Monate gingen ins Land; die Online-Inserate liefen ab. Ich habe die Zeit genutzt, um einen letzten technischen Mangel beseitigen zu lassen. Und dann noch einen. Und noch einen. "Aber wenn das gemacht ist, inseriere ich ihn nochmal." Doch dazu sollte es nicht mehr kommen. Eines Tages klingelte im Büro das Telefon. Ein Herr war dran. Er habe meinen Opel bei einer Werkstatt stehen sehen mit einem Verkaufszettel im Fenster.
Mist, den hatte ich ganz vergessen. Er hätte schon mit dem Werkstattmeister gesprochen. Ob er den Rekord denn einmal probefahren dürfte. Verflucht, wie komme ich aus der Nummer raus? Selbstverständlich dürfe er. Was rede ich denn da? Wir verabreden uns für das nächste Wochenende. Am Besichtigungstag klingelt das Telefon wieder. Hoffentlich eine Absage. Nein, er käme nur eine Stunde später.
Das Gespräch ist nett. Der Herr weiss, wovon er spricht. Er weiss auch, was er tut. Denn er bedient den P1 mit einer routinierten Selbstverständlichkeit, als hätte er auf ihm fahren gelernt. Und Plüschwürfel mag er auch nicht. Dann geht es schnell: Preisverhandlung, Handschlag, Tschüss. Mein Rekord kommt in gute Hände. Und mit dieser Gewissheit fällt mir der Abschied gar nicht mehr so schwer.

























