Zurück zur Grundeinstellung
Einsteigen – schlüsseldrehen – losfahren, die grundlegenden Handgriffe und Tätigkeiten, um ein Auto bedienen zu können, sie entsprechen in meiner Wahrnehmung in etwa dem Stand des Autos zu Ende der 1970er-Jahre. Man könnte gar sagen: Einfach Auto. Dieses Auto verfügt über ein Zündschloss an der Lenksäule oder im Armaturenbrett, einen Handbremsgriff zwischen den Sitzen, es darf auch eine Fussfeststellbremse sein, das geht. Es liegen drei Pedale zu Füssen und ein Schalthebel auf dem Getriebetunnel oder, zur Not, auch an der Lenksäule – das Inboard-Entertainment. Es gibt Licht- und Blinkerschalter, Hupentasten, Schalter für den Scheibenwischer und einige Drehregler oder Schieber für die Heizung. Das alles ist – nichts Besonderes!
Was aber hier so lustlos tönt ist das genaue Gegenteil, denn es lässt Platz, um die wahren Eigenheiten eines Autos zu erfassen: Den Motorensound, das Ansprechverhalten auf Gasbewegungen, die Art wie die Kupplung zupackt, das mechanische Gefühl des Schalthebels, die Art der Rückmeldungen von der Lenkung und Aufhängung. Meine Sinne dienen hier primär als Mensch-Maschine-Interface und das Spiel von Input-Output kommt so herrlich zu Geltung. Ich brauche meine Aufmerksamkeit zum Fahren und nicht zur Bedienung des Autos.
In den 1970er- und 1980er-Jahren hat dieses Verhältnis eine Perfektion erreicht, von der die Autoindustrie wieder stückweise abgerückt ist – eben, von der Grundeinstellung des Phänomens «Auto» hin zu zahlreichen, immer wilderen Abwandlungen. Mittlerweile sind wir da angelangt, wo jeder Neuwagen eine neue Welt bezüglich seiner Bedienungsart und der Fülle an Funktionen darstellt. 1500 verschiedene Dinge liessen sich mit dem Touchscreen und den Sliderbars des Volkswagen ID.3 bedienen, so hiess es damals bei der Pressevorstellung in Wolfsburg. Der gigantische Hyperscreen des Mercedes EQS gibt sogar haptisch Feedback auf Befehle, die man ihm durch Berühren übermittelt. Ein Lucas-Kippschalter tat dies auch, rein mechanisch bedingt. Der Fiat 128 wie im Bild nennt ganze 21 Dinge, die sich am Armaturenbrett bedienen und kontrollieren lassen.
Man fühlt sich, nach bald 40 Jahren Fahrpraxis, in vielen Neuwagen jedes Mal wieder wie ein Fahranfänger. Gelegentlich frage ich mich, ob da nicht schon im Showroom eine Hürde errichtet wird, wenn ein potentieller Käufer nicht einmal mehr die elementaren Dinge ohne Einweisung bedienen kann. Wer nicht bemerkt hat, dass der Wählhebel bei Mercedes wieder an die Lenksäule gewandert ist, oder bei VW ein Teil des Instrumententrägers mittels Drehbewegung die entsprechende Fahrrichtung bestimmt, ist verloren.
Bei manchen Autos gilt es, den Wählhebel nach hinten zu ziehen, um vorwärts zu fahren – das war früher beim klassischen Automatik-Wählhebel schon so. Andere aber finden, es müsse umgekehrt sein, nach vorne für Vorwärts. Und N gibt's dann auf Knopfdruck, P sowieso. Ob man aber wirklich auf der entsprechenden Stufe liegt, weil der Schalter oder das Hebelchen immer wieder in die Ausgangslage zurückschnappt, verrät einem nur die Ganganzeige irgendwo auf dem TFT-Screen. Oder die Taste will beim besten Willen die Befehle nicht annehmen, weil der Finger zu kalt ist, das Auto gerade keine Lust hat oder die Müdigkeitserkennung meint, man brauche einen Kaffee – OK, das war nun etwas übertrieben, aber technisch wäre das möglich.
Wieso die 70er- und 80er-Jahre als Massstab? Der Grund ist einfach, damals waren dies die Autos meiner Kindheit und Jugend, ich habe Ende der 1980er das Autofahren gelernt. Gewiss, die Bedienung älterer Autos war und ist manchmal sehr wohl auch eine Herausforderung, aber eine lustvolle, eine mit Engagement. Das Meistern gar eines Vorkriegsautomobils sogar eine Genugtuung. Das sich-Durchkämpfen durch vier Menu-Ebenen in einem modernen Auto bis es einem gelingt, etwelche Warnhinweise und Piepsgeräusche zu eliminieren, oder die Sitzheizung wieder abzuschalten weil man die Innenraumtemperatur zu erhöhen gedacht hat, ist eine Beleidigung.
Allerdings will ich hier gar keinem Ärger Luft verschaffen, denn es gibt dagegen zwei Lösungen: Einen Klassiker fahren oder – die Sprachsteuerung nutzen. Denn was «hallo Mercedes» oder der entsprechende Tastendruck (!) und die darauf folgende Wortmeldung so alles schaffen, ist mitunter doch recht erstaunlich, aber irgendwie wäre das unnötig. Wir bevorzugen das Klassikerfahren.


























