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Der besondere Blick zurück ins Jahr 2021 – Papa, was ist Zwischengas?

Marcel Pelletier
30.12.2021

Fahranfänger Bruno im Triumph TR6 (© Marcel Pelletier)

Die Herbstsonne strahlte vom Himmel und ein entspannter Sonntagnachmittag bildete den perfekten Rahmen für eine kleine Ausfahrt mit meinem 18-jährigen Sohn Bruno. Er durfte (erstmals) meinen 1974er TR6 fahren; und es geschahen überraschende Dinge – bei ihm, wie auch bei mir...

Bruno hatte erst vor wenigen Wochen in Berlin den Führerschein erworben, wohlgemerkt auf einem dieser anspruchslosen, trendig-hochbeinigen Familien-Lastesel der Neuzeit, einem Seat Azteca. Er hat also Fahren gelernt mit Parksensoren und -kamera, elektronischer Handbremse, Berganfahrhilfe und – da musste ich wirklich lachen - Einparkautomatik. Ja, da reicht es bereits, kurz Gas zu geben, um erfolgreich rückwärts einzuparken; das Lenken übernimmt das Fahrschulauto. Zum Glück diente dies auch dem Fahrlehrer nur zur eigenen Entlastung bei der repetitiven „best practice“-Demonstration vor seinen Schülern.

Aber derart gut ausgestattete Wagen erklären vielleicht, warum sich die Kosten des Führerscheinerwerbs schon ein wenig von der allgemeinen Preisentwicklung abgekoppelt haben. Fein, aber müsste man dann nicht auch mit der Hälfte der Fahrstunden hinkommen? Es sind noch viel mehr Stunden geworden als früher. Denn auch Fahrlehrer wissen, dass der erste eigene Wagen als Schüler, Lernender oder Student kein neuer Mercedes mit jeglichen Assistenzsystemen wird – obwohl die Marketingstrategen dieser Marke mit den beliebten Seniorenmodellen A- und B-Klasse ursprünglich aus voller Überzeugung auf eine Käuferschaft unter 30 Jahren geschielt haben. Weil das aber nicht klappte, hat man wohl später verstärkt Leasing-Schnäppchen angeboten – also quasi AMG-Posing auf Raten für Jungfahrer, die zur Finanzierung aber weiter bei Mutti wohnen müssen.

Immerhin durfte Bruno noch lernen, wie man schaltet und kuppelt. Denn sogar das können Unwillige mancherorts mit dem „Automatik-Führerschein“ bereits abwählen. Vielleicht als Nächstes dann auch das lästige Erlernen von witterungsbedingten Besonderheiten beim Autofahren? „Das macht doch sowieso alles der Autopilot“, könnten smartphone-fixierte Jungfahrer einwenden. „Also, wenn man so einen Tesla kauft“. Aber vielleicht auch erst in 15 Jahren, wenn alle Rechtsstreitigkeiten rund um die vielen kommenden Tesla-Unfälle in der beginnenden „Trial & Error“-Phase aufgeklärt worden sind. „Will man solange Bus fahren?“ frage ich.

Fahranfänger Bruno im Triumph TR6 (© Marcel Pelletier)

Vor der ersten kleinen Oldtimerausfahrt als Führerschein-Neuling mussten schnell ein paar Besonderheiten gelernt werden, die ein SEAT Azteca nicht bieten kann: Abklemmen des Batterieladegeräts, „was ist ein Choke und was macht man damit“ und „mit welcher Gaspedalstellung startet man einen Vergasermotor? Wie bremst ein Auto ohne ABS und was bedeutet das für einen gesunden Abstand zum Wagen voraus? Warum gab es 1974 noch so eine schwergängige Lenkung und nur diese umherbaumelnden Gurte, dafür aber weder ein Abstandsradar, noch ein keyless-go?“ Klar, das war ein Scherz, aber mir lag die Antwort auf der Zunge: „Weil sowas damals nur bei StarTrek vorstellbar war, genauso, wie dein iPhone.

„Also Grosser, hier ist der Schlüssel, los geht’s!“ Er: „Und wo?“.

Ich: „Auweia! Soll ich lieber fahren?“ Schlüssel drehen hat dann geklappt. Sogar so lange, bis der Motor längst lief, um nach dem Beenden des Startvorgangs gleich wieder auszugehen. Fragender Blick eines Teenagers. „Na ja, wie war das mit dem Gaspedal beim Start? Ist sicher anders als beim Seat, oder?“

Erfreulich zu sehen, dass sich auch sportlich fitte und junge Menschen noch etwas abmühen müssen beim Ausparken und Rangieren. Dank Choke-Einsatz gelang ihm das sogar ohne das Abwürgen des Motors.

Und endlich fuhren wir, von der Seestrasse hoch auf den Pfannenstiel, jedenfalls zunächst einmal im ersten Gang. „Papa, der zweite Gang geht nicht rein!“ Ich hatte darauf gewartet. „Doch, tut er, mit Gefühl. Und etwas Zwischengas, weil er noch kalt ist.“

„Hä? Was ist Zwischengas?“ Glücklicherweise stand er ja noch auf der Kupplung und beantwortet sich manche Fragen auch selbst, durch Nachdenken und kombinieren. So wie man es von einem Abiturienten auch erwarten sollte. Und mit Gefühl ging es dann auch gleich weiter im zweiten Gang – und diesem Sound, der dem Bruno ein breites Grinsen ins Gesicht zauberte.

Als es langsam bergauf ging und wir gelegentlich halten mussten an Abzweigungen, da spürte ich seine Konzentration und das Bemühen, alles richtig zu machen und das Material zu schonen. Das gelang nicht sofort, also roch ich zum ersten mal die Kupplung dieses Wagens. Für ihn Neuland und nach einem ehrlichen „oh oh“ kam immerhin nicht der Satz: „Ja Papa, der hat eben keine Berganfahrhilfe“ sondern die Frage nach der richtigen Dosierung und der perfekten Dauer des Auskuppelns – das Problem wurde also erkannt.

Was mich als Vater gefreut hat: Er hatte Respekt und spürte die Geschwindigkeit offenbar weit stärker als in jedem modernen Wagen. Er fuhr viel bewusster,  achtsamer bezogen auf den Strassenverlauf, die Antizipation des optimalen Bremspunktes und Gangwechsels und des Verkehrsgeschehens, als mit unserem Alltags-BMW. Und das ist gut so, wenn das Material Fahrfehler weniger verzeiht und Unfälle schmerzhaft enden können.

Wichtig war schliesslich sein Ausruf, der von Herzen kam während der Beschleunigung aus einem Waldstück heraus in die Abendsonne hinein, sich orange auf dem Zürichsee spiegelnd: „Ist das geil!“

Ein einstündiger Kurzausflug schien also viel mehr „Autofahren“ zu sein, mehr Abenteuer und Emotion, mehr Gefühl für Technik und mehr Freude an ihr, als in den 15 Fahrstunden vor der Prüfung. Oder, als in all den modernen Autos, die er seither in seinem jungen Autofahrerleben dank ihrer mutigen Eigner bereits kennenlernen durfte. Ein neuer Baustein in dem Bemühen, meine Kinder Julia (mit 15) und Bruno vom Zauber alter Autos zu begeistern, schien gut gelungen zu sein. Zuvor gab es kleine Schnupperausflüge etwa zu Mille-Miglia-Abfahrten morgens um 6.00 Uhr in Bologna oder in Parma.

Heute, kurz vor dem Abitur, jobbt Bruno an einer Berliner Tankstelle und will einen BMW 5er der Jahrtausendwende (E39) suchen – immerhin ein sehr solider, veritabler Youngtimer und eine gute wie bezahlbare Basis, um mit Freunden Europa zu entdecken. Dies im Übrigen viel freier und eindrucksvoller, als mit dem Zug und - je nach Besetzung - sogar ökologisch weit weniger bedenklich, als Greta Thunberg dieser Generation zu vermitteln versucht. Man muss also nicht einmal zur Landbevölkerung gehören, um Autofahren und auch den Besitz eines eigenen Wagens mit 18 Jahren heutzutage noch attraktiv und begehrenswert zu finden.

Mein Fazit: Individualverkehr wird uns wohl erhalten bleiben. Künftig vielleicht neu definiert, aber immer auch mit dem gelegentlichen Bewegen von Fahrzeugen, die das Fahren auf ewig zu einem Erlebnis werden lassen. Dabei spielt es keine Rolle, wie einfach oder wertvoll sie sind: Das spüren auch 18-Jährige sofort und der Nachwuchs ist (hoffentlich) gesichert.

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