Der dampfende Rolls-Royce
"Das Beste ist nicht gut genug" – Diesen Wahlspruch hätte man einst mit Rolls-Royce oder Bugatti in Verbindung bringen können. Die moderne "Mercedes-Benz Group" schreibt ihn sich in leicht abgewandelter Form und massloser Selbstüberschätzung gar selbst zu. Tatsächlich war er aber das Motto der 1920 von den Brüdern Warren, John, William und Abner Doble in San Francisco gegründeten "Doble Steam Motor Company", in der Abner die Rolle des Chefkonstrukteurs inne hatte.
Tatsächlich war sein Qualitätsanspruch dem eines Henry Royce oder Ettore Bugatti mindestens ebenbürtig. Die Entwicklung des ersten Autos dauerte vier Jahre. Und selbst danach verbesserte er stetig seine Konstruktionen während der laufenden "Serien"produktion, sodass kaum ein Auto mit dem anderen konstruktiv identisch war. Allen gemein war ein geschlossener Wasserkreislauf, sodass die Doble-Wagen im Gegensatz zu Stanley und Mitbewerbern keine Dampfschwaden wie Lokomotiven hinter sich herzogen. Mit einer Wasserkesselfüllung von 75 Litern soll so eine Reichweite von 500 km möglich gewesen sein.
Auch der Kaltstart war im Vergleich zu herkömmlichen Dampfwagen wesentlich beschleunigt worden. Statt mehrerer Minuten des Anheizens vergingen im Doble nur 20 bis 25 Sekunden bis Fahrtantritt. Mancher 50 Jahre jüngere Diesel musste noch länger vorglühen. Das Geheimnis lag im selbstentwickelten Dampferzeuger, auf den Doble eine Garantie von 100'000 Meilen gab. Rund 140 km/h Spitze wurden für einen frühen Doble Model E angegeben (später sogar über 150), ebenso eine Steigfähigkeit von 35 % – wohlgemerkt bei Reisegeschwindigkeit, nicht im voll ausgelasteten ersten Gang.
Sogar die Ergonomie der Lenkräder soll ausgiebig erprobt worden sein. Der Preis für so viel Perfektion in Handarbeit: abartige 12'000 Dollar. Zum Vergleich: ein massenweise vom Fliessband purzelnder Ford Modell T kostete 1924 keine 300 Dollar. Trotzdem rechnete man in San Francisco aus, dass man schon ab 20 Autos pro Monat rentabel produzieren würde. Doch selbst diese vergleichsweise geringe Zahl wurde nicht annähernd erreicht. Bis 1932 baute Doble nur 42 Autos – allerdings Autos, mit deren Antritt von über 1300 Nm Drehmoment sich noch 20 Jahre später Oldsmobile-Rocket-Fahrer abhängen liessen...
Die ausführliche Geschichte von Abner Doble und seinen Dampfwagen hat Griffith Borgenson, Chefredaktor der amerikanischen Zeitschrift "Motor Trend", bereits 1951 erzählt. Eine deutsche Übersetzung davon hat "Das Auto – Motor und Sport" in Ausgabe 3/1952 gedruckt. Der Fernsehmoderator und bekennende Autonarr Jay Leno hat den Doble von Howard Hughes revidiert und technisch optimiert (ja, das war anscheinend noch möglich). Wer das 2,5 Tonnen schwere und dennoch flüsterleise Gefährt in Aktion sehen und (nicht) hören will, sollte sich den entsprechenden Videobeitrag der Serie "Jay Leno's Garage" ansehen:
























