Faszination Oldtimer aus der Sicht der Gen Z

Simon Kwasny
06.11.2020

Alfa Romeo Giulia (© Daniel Reinhard)

Dass sich Menschen in meinem Alter für Autos interessieren, ist zwar nicht mehr ganz so verbreitet wie einst, doch noch lange keine Seltenheit. Das Automobil fasziniert noch immer. Kein Wunder, denn die modernen Wagen sind Material, aus dem auch heute noch Bubenträume entstehen. Leistungen jenseits von 1000 PS, Beschleunigungszeiten unter drei Sekunden (teils schon in Limousinen!) und Höchstgeschwindigkeiten jenseits der 400 km/h Marke klingen in den Ohren eines pubertierenden jungen Mannes natürlich wie Musik. Ganz zu schweigen, von den eigentlichen Tönen der modernen Autos, die zwar grösstenteils “fake”, doch dafür umso lauter und beeindruckender sind. Und sind wir mal ehrlich, welcher Enthusiast mag es denn nicht, wenn es aus den Endtöpfen ordentlich kracht und poppt.

Doch es lässt sich nicht leugnen, dass das Interesse am Automobil bei den jüngeren Generationen zunehmend dahinschwindet. Dies ist auch nicht verwunderlich, zumal der Klimawandel eines der wohl grössten und wichtigsten Themen ist, mit dem sich meine und zukünftige Generationen beschäftigen müssen. Zusätzlich ist ein Auto für die meisten Jungen schlichtweg nicht bezahlbar.

Doch wie sieht es beim Thema Oldtimer aus? Die Alltagstauglichkeit ist da ja sowieso kein Thema. Obwohl sich gewisse Young- und sogar Oldtimer durchaus durch den Alltag kämpfen könnten, muss man realistisch bleiben. In Sachen Zuverlässigkeit sind die modernen Autos einfach haushoch überlegen und die ganzen elektronischen Helferlein und Spielereien (Bluetooth, Klimaanlage, adaptiver Tempomat, Rückfahrkamera, Parksensoren usw.) sind Dinge, die, wenn man sie einmal hat, im Alltag kaum mehr missen will. Der Oldtimer ist somit also reine Unterhaltung oder halt eben Leidenschaft.

Und genau damit beginnt es, mit Leidenschaft. Wie wird bei einem Menschen eigentlich Leidenschaft entfacht? Man wacht ja nicht einfach eines Tages auf, und interessiert sich für eine Sache. Leidenschaft muss erst heranwachsen und man muss sie vermittelt bekommen, von Menschen oder Schlüsselerlebnissen, welche man am allermeisten in Kindes- oder Jugendjahren hat.

Obwohl ich hier jetzt noch etliche Zeilen darüber schreiben könnte, wieso nun eben diese Leidenschaft für Klassiker bei den meisten jungen Leuten in unserer modernen Welt nicht mehr entfacht wird, spare ich mir dies für einen potentiellen zukünftigen Blogbeitrag. Stattdessen möchte ich nun den Fokus etwas mehr darauf lenken, wie die Leidenschaft bei mir entfacht wurde und was das klassische Automobil für mich so speziell und faszinierend macht.

“Zündfunke” war bei mir zweifellos mein Vater. Autoenthusiast im Allgemeinen und Alfista von ganzem Herzen. Er war es, der mir aufzeigte, was alte Autos so besonders macht und wieso ihr Fortbestand so wichtig ist.

Oldtimer sind Zeitzeugen und haben eine Seele. Sie berichten über die Vergangenheit wie wenig anderes, denn im Gegensatz zu den meisten anderen Objekten, können sie “sprechen”. Nicht-Enthusiasten werden sich nun vermutlich denken, dass ich spinne, doch würde mir jeder “Petrolhead” zustimmen, wenn ich sage, dass ein Wagen durch seinen Klang, seine Art, wie er sich fährt oder auch nur durch seine Präsenz zu einem spricht. Manche Wagen blühen auf, wenn man ihnen die Sporen gibt, während andere es lieber ein wenig gemächlicher angehen lassen und es dem Fahrer auch entsprechend danken, wenn er dem Wagen folgt. Moderne Autos tun dies nicht, da sie elastischer sind was Fahrleistung, Zuverlässigkeit und dergleichen angeht. Klassiker sind also “menschlicher”, wenn man so will. Sie haben ihre Ecken und Kanten, ihre guten, wie ihre schlechten Tage und auch ihre Stärken und Schwächen und geben so zurück, wie man sie behandelt. Menschlich eben…

Auch die weiter oben angesprochene Sound-Kulisse ist bei einem Klassiker um ein Vielfaches interessanter. Moderne Autos klingen zwar dank Auspuffanlagen und elektronisch gesteuerten Fehlzündungen teilweise bombastisch (wortwörtlich), doch fehlt ihnen, meiner Meinung nach, die Finesse ihrer Vorfahren.

Ebenfalls sind Oldtimer auch einfach interessanter, da sie aus einer Zeit stammen, als noch nicht jedes Blechteil im Windkanal entworfen wurde und alles so sicher wie eine Gummizelle sein musste. Alte Autos sind schön um schön zu sein und sind gezeichnet und gebaut von Menschen und deren Händen und nicht von mathematischen Formeln und kalten Maschinen.

Der Leser möge mich nicht falsch verstehen, der Fortschritt in Sachen Sicherheit, Effizienz und so weiter ist absolut richtig, hochspannend und muss weiter vorangetrieben werden, doch sind eben die Stimmen der Ahnen so wichtig, um zu verstehen wie alles begann und den Fortschritt noch weiter wertzuschätzen.

Für mich jedenfalls, als 22-jähriger junger Mensch, ist ein Klassiker ein Kulturgut und teilweise sogar Kunst, die bewegt werden kann. Man muss diese grossartigen Autos um jeden Preis erhalten und zwar nicht einfach in Museen, sondern auf den Strasse dieser Welt.

Archivierte Einträge:

von ae******
11.11.2020 (15:36)
Antworten
Ja, auch ich fahre am liebsten meinen Merz SL 500 neuerer Bauart wenn ich bequem von da nach dort will oder muss, aber--- von meinen Veteranen, Merz, Alfa, MG,s, Morris, Puch und Jeep würde ich keinen an den neueren Boliden eintauschen. Der Grund ist: ein neues Auto kann man kaufen, wenn der Geldbeutel dies erlaubt, hingegen einen echten Veterahen eben nicht.
Veteranen sind eben "altgediente Krieger" und diese müssen gehegt und gepflegt werden.
Alte Autos kann man nicht besitzen, sie wechseln höchstens den Besitzer
von gi******
10.11.2020 (15:34)
Antworten
Guten Tag, die Rolls-Erfahrungen eines 60 (+) kann ich gleichaltrig mit einem Phaeton - wenn auch in Ansätzen - teilen; wie wunderbar aber dann doch auch, dass neue Leidenschaften in Sachen mobiler Fortbewegung entstehen können. So weit bin ich noch nicht. Meine Giulia (1975) begeistert mich u.a. mit ihrem Klang bei jeder Fahrt und immer wieder neu. Und neuerdings die neue Alpine A110: Auch ohne Sportauspuff ein excellentes Klangerlebnis. Danach geht es dann wieder in den Phaeton.
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