Wo sind die alten Modellbezeichnungen geblieben?

Stefan Fritschi
02.02.2013

Modellbezeichnungen - Granada

Wo sind bloss all die schönen alten Autonamen hingekommen, die uns jahrzehntelang begleitet haben? Sie klingen heute noch so vertrauenserweckend in unseren von zungenbrecherischen Kürzeln und nichtssagenden Kunstwörtern gequälten Ohren. Eldorado, Fleetwood, Seville, Deville (zufälligerweise alles Cadillacs, aber andere Marken kommen auch noch dran; keine Angst).

Heute müssen sich die Kunden der amerikanischen Luxusmarke zwischen SRX, STS, XTS, CTS, ATS oder BLS entscheiden. Alles schwer einzuordnen, und vor dem inneren Auge entsteht kein Bild. Höchstens BLS erinnert Schweizer noch an die Bern-Lötschberg-Simplon-Bahn. Bestimmt stülpt ihr bald ein ganz cleverer Marketingmensch einen international marktgängigen Kunstnamen über, der keinerlei Bezug zur Bergwelt mehr hat.

Modellbezeichnung - Princess

Wer sagt eigentlich, dass ein Name international sein muss? Die Amerikaner haben schliesslich auch Gesundheit, Kindergarten oder Bratwurst in ihr Vokabular aufgenommen, und weder bei Matterhorn noch Heidelberg zerbrechen sie sich die Zunge. Chevrolet ist mittlerweile so international, dass kein Mensch sich mehr erinnert, dass der alte Louis ursprünglich aus La Chaux-de-Fonds stammte.

Eingängige und landessprachliche Modellbezeichnungen lösten bei Opel (trotz amerikanischer Mutter) jahrzehntelang Vertrauen und Verkaufserfolge aus: Kadett, Rekord, Commodore (hätte konsequenterweise „Kommodore“ heissen sollen), Senator, Kapitän, Admiral, oder gar Diplomat.

Je länger die Liste, desto mehr zergehen die Namen auf der Zunge. Kein Vergleich zum anonymen Astra und Vectra. Und auch die Buchstabenkombinationen wie GT/E, GS/E oder GSi vermissen wir angesichts des unaussprechlichen OPC. Damit lässt sich gegen GTi keinen Staat machen. Und warum kann man keinen Caravan mehr kaufen? Und überhaupt: früher stand Deluxe und Grand Luxe auf Flanke/Heck oder ein stellvertretendes Kürzel wie L, GL, GLX oder S und GT, wenn es sportlich zugehen sollte. Oder eben gar nichts bei der nackten Basisversion. Da war alles klar und einfach. Heute ist es praktisch unmöglich, anhand der Ausstattungsbezeichnung deren Hierarchiestufe zu eruieren.

Ford macht es auch nicht besser. Buchstäblich ein Allerweltsname, nämlich Mondeo, musste den Sierra ersetzen, als dieser sich in den Köpfen gerade etabliert hatte. Er folgte seinerseits den grandiosen Taunus und Cortina, welche an Berge und automobile Höhepunkte erinnerten. Der Granada wurde vom Scorpio ersetzt. Und was waren die RS- und XR-Modelle für heisse Kisten. Den Ghia, der immer eine Chromleiste mehr als die Konkurrenz hatte, gab es wenigstens noch eine Weile. Mittlerweile auch nicht mehr.

Wo hat denn Datsun ähm... Nissan seine hübschen Töchter Silvia, Cherry, Sunny oder Bluebird gelassen? Waren das nicht mal Welterfolge? Ganz schlimm trifft es die Citroënisten, die ihre Göttin DS („Déèsse“) als Reihe von Kompaktwagen wiedergeboren finden. Das Auto, das die beiden himmlischen Buchstaben allenfalls würdig tragen dürfte, wird mit einem simplen C6 abgestraft.

Arg treibt es auch Toyota. Der Corolla war das meistgebaute Auto der Welt. Aber man war mit Platz eins nicht zufrieden. Es muss noch was Besseres geben, und so kam man auf den Auris. Die Verkaufszahlen gingen schlagartig in den Keller. Wen wundert’s? Ich weiss von einer Frau älteren Jahrgangs, die früher „den VW“ und später „den Toyota“ fuhr. Sie meinte damit Käfer respektive Corolla. Und als sie jüngst beim Toyota-Händler war, hatte er „den Toyota“ nicht mehr. Alles war da: Yaris, Auris, aber kein Toyota. Mit einem gebrauchten Corolla konnte ihr Weltbild glücklicherweise wieder hergestellt werden. Dabei gibt es genug positive Beispiele: VW hat den Golf trotz des gleichnamigen Kriegs nie umbenannt, der Passat bläst und der Polo spielt immer noch wie anno dazumal. BMW baut den 3er in der gefühlt 10. Generation, und Porsche hat den 911er seit Menschengedenken im Programm, ohne dass jemand Langeweile empfindet.

Dass Scirocco, Giulietta, Challenger, Charger und Co. fröhliche Urständ feiern, liegt sicher auch am wohlklingenden Namen. Fakt ist, dass ein über Generationen gut eingeführter Modellname Millionen von Werbegeldern spart. Ein neuer Opel Commodore oder Cadillac Eldorado wären quasi selbsterklärend und selbstverkaufend. Wetten?

Modellbezeichnung - Silvia

von E1******
19.02.2013 (12:22)
Antworten
Das ist Globalisierung ... :o
Die Modellbezeichnungen wurden genau so verwechselbar wie die Fahrzeuge. Es wäre mal ein Versuch wert, 10 Autos mit abgeänderten Logos usw. irgendwo auffällig zu parken. Wetten es würde niemand merken?
Die alten Modellbezeichnungen waren noch so schön, sie wurden gar als Namen für die Kinder hergenommen. Ich kenne ein Ehepaar mit zwei Töchtern: "Isabella und Arabella"
Und langjähriger Opelfreunde aus dem Tessin tauften ihren Sohn "Adam", was ja nun wieder absolut uptodate ist :)
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