Fiat Abarth 124 Rally – Heisssporn für besondere Strassen

Erstellt am 28. Februar 2020
, Leselänge 7min
Text:
Bruno von Rotz
Fotos:
Bruno von Rotz 
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Eigentlich repräsentiert der Fiat Abarth 124 Rally das typische Rallye-Fahrzeug. Er ist vergleichsweise leicht gebaut, handlich und weist mit Frontmotor und angetriebenen Hinterräder die typische Konfiguration auf, die in den Sechzigerjahren für Rallye-Siege garantierte. Doch er markierte auch das Ende einer Ära, denn als Kompromissprodukt konnte er weder im Marketing noch im Sport mit Konkurrenten wie dem Lancia Stratos oder dem Fiat 131 Abarth mithalten. Das macht ihn allerdings nicht weniger reizvoll, im Gegenteil!


Fiat Abarth 124 Rally (1973) - 3,91 Meter lang
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Der 124 Spider von Pininfarina

Die Basis zum Fiat Abarth 124 Rally wurde bereits 1966 mit dem 124 Spider gelegt. Mit hinreissender Karosserielinie von Designer Tom Tjaarda in Diensten von Pininfarina und sportlichen Doppel-Nockenwellen-Motoren mit zunächst 1,4, später dann 1,6 und 1,8 Litern Hubraum wurde eine überzeugende Alternative zum ebenfalls beliebten Alfa Romeo Spider geschaffen.


Fiat 124 Spider (1967) - ein Schnittmodell zeigt am Genfer Automobilsalon von 1967 die Innereien des neuen Cabriolets
Archiv Automobil Revue

Als Basis für den Rennsport taugte das Cabriolet in der präsentierten Form mit Starrachse aber nur bedingt.

Die Freundschaft Abarth-Fiat

Bereits am 15. April 1949 hatte Carlo Abarth seine eigene Firma gegründet, schon früh begann er mit Fiat-Material zu arbeiten. So entwickelte er in den Fünfzigerjahren Prototypen mit Fiat-1400- und Fiat-1100-Mechanik. Im Jahr 1956 schloss Abarth ein Zusammenarbeitsabkommen mit Fiat ab, aus dem in der Folge viele Modelle und noch mehr Tuning-Bauteile resultierten. 1960 dann wurde ein weitergehendes Kooperationsabkommen unterschrieben, das Abarth die Bearbeitung von Serienwagen erlaubte und die Beteiligung unter gemeinsamem Namen im Autorennsport.

Die Kombination war überaus erfolgt, bis in die Siebzigerjahre hinein gingen über 7000 absolute Renn- und Klassensiege auf das Konto von Fiat-Abarth.

Im August 1971 wurde Abarth dann durch die Fiat-Gruppe übernommen, aus der Freundschaft wurde eine fixe Geschäftsbeziehung.

In seiner neuen Rolle übernahm Abarth neben der Fortsetzung der Rennwagenentwicklung auch die Abteilung “Fiat-Rally” und bereits im Jahr 1972 nahm ein 124 Spider 1600 an Rallye teil und dies mit durchaus überzeugenden Ergebnissen, darunter 10 absolute Siege und den Gewinn der Europäischen Fahrer-Rallye-Meisterschaft.

Und schon im November 1972 verkündete Ingeniere G. Sguazzini, dass der 124 Abarth mit einem 1,8-Liter-Motor kommen werde, als bedeutendstes Produkt der Zusammenarbeit zwischen Fiat und Abarth.

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Die Gruppe-4-Regeln als Ausgangspunkt

Erstmals gezeigt wurde der kommende Fiat-Abarth 124 Rally bereits am Genfer Automobilsalon 1972. Er stand da ein wenig im Schatten anderer “Traumwagen” vom Schlage eines ItalDesign Boomerang oder Bertone Citroën Camargue. Aber vielleicht hätte man genauer hinschauen sollen.


Fiat 124 Abarth am Genfer Automobilsalon 1972 - um 110 kg abgemagerte Rallye-Version des 124-Cabrios mit fest montiertem Hardtop
Archiv Automobil Revue

Die Automobil Revue schrieb kurz:
“Ganz auf Wettbewerb ausgerichtet ist der ebenfalls als Weltpremiere angekündigte Spider des Fiat 124 Sport Rally in roter und mattschwarzer Lackierung und mit aufgesetztem, in seiner Form ein wenig veraltet wirkendem Hardtop.”

Ausgangspunkt für die Entwicklung waren die neuesten Gruppe-4-Regeln, nach denen auch die Rallye-Weltmeisterschaft ausgerichtet wurde.
Ab 1971 mussten in der Gruppe 4 für eine Homologation eines Spezialtourenwagens 500 Exemplare in einem Jahr hergestellt werden. Diese konnten dann weiter modifiziert werden, sollten aber mit der Strassenversion eng verwandt bleiben.

Also optimierte man bei Abarth in Zusammenarbeit mit Pininfarina den Serienspider und speckte ihn um 57 kg netto ab. 938 kg wog der fertige 124 Rally schliesslich und da war das Mehrgewicht für die aufwändige Hinterachse mit Einzelradaufhängungen bereits inbegriffen. Sie basierte auf oberen Dreieckslenkern und unteren Querlenker sowie einer Schubstrebe, in Kombination mit Schraubenfedern.

Für die Motorisierung nahm man das 1,8-Liter-Serienaggregat mit 1756 cm3, modifizierte dieses aber in einigen Punkten, so dass 128 anstatt 118 PS resultierten.

Ein kräftiger Überrollbügel war genauso an Bord wie leichtgewichtige Alutüren und GFK-Hauben vorne und hinten. Das Lenkrad hatte einen kleineren Durchmesser, die Teppiche waren dünner.


Fiat 124 Abarth (1973) - die Hauben sind aus GFK
Archiv Automobil Revue

Für den Renneinsatz war gegen bare Münze diverses Zubehör erhältlich, angefangen von Schalensitzen, über verstärkte Fahrwerksteile, ein Sperrdifferential (75 Prozent) und Ölkühler, bis zum Tuning-Bausatz, der den Motor dank modifizierten Nockenwellen, Spezialkolben und grösseren Ventilen sowie geänderte Auspuffanlage locker auf 160 PS brachte.


Fiat 124 Abarth Rally (1973) - Werkswagen für den Rallye-Einsatz
Archiv Automobil Revue

Im Werkstrimm durften es dann auch 170 PS und mehr sein. Die Werksfahrer profitierten auch von einem Colotti-Fünfganggetriebe mit Klauenschaltung, das man aber auch als Amateur dazubestellen durfte.

Die leicht gezähmte Strassenversion

Nicht alles, was im Rallye-Einsatz Sinn machte, fühlte sich im normalen Alltagsansatz gut an, daher hatte man bei Fiat-Abarth natürlich Sorge getragen, dass der Fiat Abarth 124 Rallye, der in der Schweiz ab 1974 für CHF 24’950 auf den Markt kam und in Deutschland mit einem Richtpreis von DM 20’950 verkauft wurde, ein bisschen Komfort übrig blieb.

Allzu viel war es nicht, jedenfalls meinte die Automobil Revue nach dem Kurztest im Jahr 1974:
“Die Domäne des Fiat Abarth 124 Rally liegt aber ohnehin nicht auf der Autobahn, sondern vielmehr auf kurvigen Überlandstrassen, auf gewundenen Passsträsschen oder unbefestigten Schotterpfaden. Hier kommen seine wieselartige Wendigkeit und sein Temperament voll zur Geltung, und es ist eine Freude, ihn auf freien Wegstücken zu schnellerer Gangart zu treiben. Das Kurvenverhalten ist neutral bis — vor allem in den oberen Gängen — leicht untersteuernd. Nach kurzer Zeit hat man den Wagen fest in der Hand. Auf asphaltierter Strasse kann das Heck durch Gaseinsatz auch in engen Kurven kaum je zum Ausdrehen gebracht werden, da das entlastete kurveninnere Antriebsrad rasch durchdreht; unter solchen Verhältnissen kann nur die gegen Aufpreis erhältliche Differentialbremse mit einer Sperrwirkung von 75 % dazu verhelfen, dass die Motorkraft von beiden Rädern, auf den Boden übertragen wird. Auf unbefestigten Wegen bricht aber das Heck beim Gasgeben natürlich sofort aus, und nach einiger Übung lässt sich hier schon bald eine rallyemässige Sideways-Fahrtechnik praktizieren.”


Fiat 124 Abarth (1974) - auf schneller Probefahrt
Archiv Automobil Revue

Dies sah Götz Leyrer nach seiner Probefahrt für auto motor und sport ähnlich:
“Als Straßensportwagen ist der Fiat Abarth 124 rally zweifellos nur bedingt geeignet. Er kostet mit knapp 21’000 Mark über 6000 Mark mehr als die Normalaussführung, doch bekommt man für diese Summe neben den besseren Fahrleistungen fast ausschließlich Dinge, die kaum praktische Vorzüge mit sich bringen. Auf Leichtmetalltüren, Kunststoffhauben und auffallende Lackierung kann man gut und gerne verzichten …”

Nun, dies sahen die Interessenten offensichtlich nicht ganz so eng, sie kauften zwischen 1972 und 1974 immerhin 1018 Exemplare in den Farben Rot, Weiss und Hellblau. Sie wurden für den entgangenen Komfort mit sehr sportlichen Fahrleistungen (0 bis 100 km/h in 8,7 Sekunden, Spitze 190,5 km/h gemäss AMS) entschädigt und auch der Benzinverbrauch von 9,8 bis 14,1 Liter pro 100 km (Testverbrauch AMS 12,8 Liter pro 100 km) schockierte die Käufer wohl nicht.

Rennerfolge überschaubar

So ganz befriedigte der Palmares, eingefahren in den Jahren 1972 bis 1975 die Fiat-Verantwortlichen nicht, so dass sie nicht nur einen, sondern gleich zwei Rallyewagen nachschoben, den Lancia Stratos und den Fiat 131 Abarth.


Fiat Abarth 124 Rally (1974) - Antti Ojanen war bei der 1000 Seen Rallye in Finnland teilweise schneller als Alén, welcher dann aber den dritten Rang einnahm
Archiv Automobil Revue

Immerhin aber konnte der 124 Rally einige Rallye-Siege und 1975 den Europameistertitel einfahren.

Für freie Landstrassen

Dass der Fiat Abarth 124 Rally mit Hinblick auf den Sporteinsatz konzipiert wurde, spürt man schon beim Einstieg in den mit Schalensitzen ausgerüsteten Wagen in der Farbe “rosso arancio". Vom startenden Motor hört man dank minimaler Schalldämmung jede Fehlzündung, das Lenkrad ist weniger auf Parkmanöver, sondern auf schnelles Gegenlenken ausgelegt.


Fiat Abarth 124 Rally (1973) - alles ideal postiert, Lenkrad liegt relativ flach
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Im Stadtverkehr würde einem die Kupplung und das kurz übersetzte Getriebe (verschiedene Gangabstufungen waren ab Werk lieferbar) das Leben schwer machen, aber auf der Landstrasse ist dies alles vergessen. Dann hechelt der kompakte Wagen von Kurve zu Kurve, lässt sich kontrolliert abbremsen und erreicht beachtliche Kurvengeschwindigkeiten.


Fiat Abarth 124 Rally (1973) - Reihen-Vierzylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Dank der guten Übersichtlichkeit ist das Anpeilen der Scheitelpunkte eine reine Freude und das Konzert vom Auspuff her vervollständigt das sportliche Fahrerlebnis, zumal die Vorwärtsdynamik durchaus eindrücklich ist.


Fiat Abarth 124 Rally (1973) - wirkt auch als Strassenversion wie gemacht für Rallye-Pfade
Copyright / Fotograf: Bruno von Rotz

Wir danken der Oldtimer Galerie Toffen , die den Wagen im Verkauf hat, für die Gelegenheit, den Fiat 124 Spider Abarth von 1973 fotografieren zu können.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von go******
17.03.2020 (18:57)
Antworten
Man kann hier lesen, dass bereits 1972 der 124 Sport Spider an einer Rallye teilgenommen hat, das begann aber schon viel früher. So sind Ceccatto/Einsiedle schon 1968 bei der Semperit Rallye erfolgreich gewesen, noch ohne Hardtop und Überrolllkäfig. Ich war dabei und habe mir später so einen Spider AS neu aufgebaut mit der Nr AS 00012322. Gleichfalls 1968 war Ceccatto in Elba am Start und 1969 haben Trombotto-Bossola in Elba teilgenommen. Das war damals meine Lieblingsrallye, Bivio Volteraio auf Schotter, einfach unwiederbringlich.In San Martino die Castrozza war Paolo Mattiazzo auch noch mit Stoffdach dabei. 1970 taten Paganelli/Russo bei der Monte das gleiche. 1971 ab es erstmals Hardtop und Bügel, es war mir nicht leicht solche mit original Homologationsnummern zu ergattern, wie man sie aber heute für die historische EM unbedingt braucht, mit Stoffdach gibt es keine Starterlaubnis mehr. Auch der wirklich grossartige Mauricio Verini war anfangs noch mit Stoffdach unterwegs. 1971 gab es schon erste Ausfahrten mit der neuen Hinterradaufhängung, die dann im 124 Abarth so zum Einsatz kam. Die sportliche Väter waren Aurelio Lampredi - so einen Motor habe ich in meinem AS 1969 neu aufgebaut, er dreht über 7000 U/min- Nini Russo und Gianfranco Silechia, sowie Giovanni Maruffo. Noch 1976 gaben Alen und Mikkola im 124 Abarth ihr Bestes hatten aber gegen Munari im Stratos keine Chance. Und 1977 saß Walter Röhrl im 131 Abarth. Das Ende des 124 Abarth war besiegelt.
WGM , Mitbegründer der Rallye Press Association der FIA
von Al******
06.03.2020 (15:27)
Antworten
Bin mit einem von Andi Ostet fachmännisch aufbereitetem originalen Abarth viele Jahre Oldtimer-Gleichmässigkeits-Rallyes gefahren. Jedesmal ein Genuss, immer ohne eine Panne und immer auf eigener Achse hin und zurück (Bis nach San Remo etc.).
Ein Traumauto, sportlich, geiler Klang, überall willkommen und noch einigermassen bezahlbar. Aus Altersgründen dann aufgegeben, Auto ist jetzt noch bei Oli Vetter im Einsatz.
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