Will die FIVA dem Oldtimer an den Kragen?

Bruno von Rotz
27.02.2015

Austin Seven Special von 1928

Zugegeben, der Titel ist etwas marktschreierisch und natürlich hat die FIVA, die “Fédération Internationale des Véhicules Anciens” nicht die Dezimierung sondern den Erhalt des alten Automobils als Ziel. Die Autos von gestern auf den Strassen von morgen, so könnte man die Zielsetzung auch ausdrücken, oder “schützen, erhalten und bekanntmachen”, wie es auf der Website der FIVA zu lesen ist.

Ende letzten Jahres (am 8. November 2014 genau) hat die FIVA allerdings den “Technical Code 2015” abgesegnet, der nun in der Umsetzung ist. In diesem Dokument definiert die FIVA, was einen schützenswerten Oldtimer ausmacht und bereits gibt es heisse Diskussionen, was dieses Dokument bewirken könnte und wie man es zu verstehen hätte.

Der Technical Code 2015 definiert ein historisches Fahrzeug (mit mechanischem Antrieb) wie folgt:

  • Mindestens 30 Jahre alt
  • In historisch korrektem Zustand bewahrt und unterhalten 
  • Nicht zum täglichen Transport dienend
  • Ein Teil der technischen und kulturellen Geschichte

Viel Gewicht legt die FIVA auf die Identität und das Baujahr und hier beginnen die Diskussionen. Denn gemäss FIVA-Definition ändert das Baujahr (und auch der Hersteller), wenn ein Fahrzeug umfangreich verändert wurde. Dies ist der Fall, wenn entweder das Chassis oder die tragende Struktur materiell verändert (verkürzt, schmäler gemacht, angepasster Radstand, verstärkt) wurde oder wenn mindestens drei der Haupt-Komponenten eines Fahrzeugs - Motor, Getriebe, Frontachse/Steuerung, Hinterachse, Aufbau - nicht periodengemäss modifiziert wurden.

Wenn ich also zum Beispiel heute aus einem Ford A ein neu karossiertes Coupé machen und dabei ein modernes Fünfganggetriebe und eine Servolenkung verbauen würde, dann wäre ich der Hersteller dieses Fahrzeugs und das Baujahr 2015. Und damit wäre dieses Umbau natürlich auch kein historisches Fahrzeug entlang der Definition der FIVA. Ein extremes Beispiel, zugegeben.

Und wie wäre es mit einem Rolls-Royce 20/25 von 1928, der während dem Krieg mit Krankenwagenkarosserie ausgerüstet wurde und 1958 zu einem luftigen Cabriolet modifiziert wurde? Nun, dies bliebe wohl ein Rolls-Royce mit Baujahr 1928.

Viele Austin Seven Specials (Bild oben) allerdings, die nach dem Krieg in grossen Zahlen entstanden, müssten nun allerdings je nach Modifikationen Baujahre nach 1945 tragen und den Herstellernamen ihres Erbauers/Umbauers.

Geht die FIVA damit zu weit? Tatsächlich gehen die Zulassungsbehörden in unseren Breitengraden teilweise schon erheblich weiter als die FIVA, wenn z.B. die Änderung einer Karosserie bereits als Konzeptmodifikation und damit als Grund für eine Neudefinition des Baujahres verstanden wird. Und weil die Behörden in kritischen Fällen gerne eine Zweitmeinung haben, wenden sie sich auch an die FIVA, respektive verlangen eine FIVA Identity Card vom Besitzer des Autos und dann kommen die FIVA-Definitionen natürlich auch beim Zulassungsprozess zum Tragen. Für das Gros der Oldtimer, die im Originalzustand gepflegt werden oder detiailgetreu restauriert wurden, ist die aktualisierte FIVA-Defintion natürlich kein Problem.

Ein wichtiger Begriff in diesem Zusammenhang ist “period” (zu Deutsch: Epoche, in der ein Auto normal genutzt wurde). Die FIVA unterscheidet zwischen “period type” und “non period type” Modifikationen, also Änderungen, die mit Materialien und Komponenten aus der Epoche eines Fahrzeugs vorgenommen wurden oder mit moderneren Zutaten. Vereinfachend wird “period” mit 15 Jahre nach Baujahr definiert, für Autos mit Baujahr 1925 bis 1945 verlängert man die Epoche  wegen des Kriegs auf 20 Jahre. Wenn also einem Bentley von 1922 ein Motor aus dem Jahr 1938 eingebaut wird, ist dies gemäss FIVA keine periodengerechte Anpassung, hingegen wäre der Einbau eines synchronisierten MG-Getriebes aus dem Jahr 1968 in einen MG A mit Jahrgang 1961 eine Modifikation in der Epoche.

Die Bedeutung einer gut dokumentierten Geschichte wird immer wichtiger, dies zeigt auch der neue FIVA-Technical-Code. Wer fein raus sein will, der kann Umbauten und Modifikationen sauber nachweisen. Dass dies rückwirkend über 30, 60 und mehr Jahre allerdings oft schwierig oder gar unmöglich sein kann, dies kann aus einem Veteranen dann plötzlich einen Youngtimer mit neuer Herstellerbezeichnung machen.

Wer sich genauer einlesen möchte, dem sei ein Blick in den FIVA Technical Code 2015 (in englischer Sprache) empfohlen.

Und was meinen Sie? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare!

Archivierte Einträge:

von ki******
03.03.2015 (10:21)
Antworten
Schön, dass mit diesem sehr provokativen Kommentar hier etwas Leben rein kommt ;-)
Ich gebe hier einigen Schreiber Recht – die MFK sollte halt nicht den Oldtimerstatus beurteilen, weil viele es nicht können. Dort sollte die Verkehrstauglichkeit beurteilt werden! Auch die FIVA hat die Berechtigung und es braucht ein Werk als Bezug – nur deren Umsetzung scheint mir bei uns falsch zu laufen. WIR sagen, was nicht in den ersten 15 Jahren (dies muss dann belegt sein) verändert wurde ist ausserhalb der Periode und nicht, meiner Meinung nach besser – Änderungen welche in den ersten 15 Jahren möglich war, sollte als innerhalb der Periode gelten etc. etc. Mit anderen Worten eine Beurteilung mit Augenmass, möglichst gut dokumentiert.
von bo******
03.03.2015 (10:16)
Antworten
Für mich ist der historisch korrekte Zustand, also der Originalzustand, bedeutsam.
Sämtliche sog. Specials sind demnach keine erhaltenswerte Fahrzeuge, sondern Wunschträume ihrer Besitzer.
Antwort von ki******
03.03.2015 (10:26)
Schade für die Specials, welche zum Beispiel zwischen 1920 und 1950 gebaut wurden! Auch all die Rennfahrzeuge, welche über Jahrzehnte aktiv waren sind jede Saison wieder an die neuen Anforderungen und Reglemente angepasst worden - alles keine erhaltenswerten Fahrzeuge?
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