Grosser Empfang für einen kleinen Porsche
Zugegeben, so richtig klein ist ein Porsche 911 ST 2.5 aus dem Jahr 1972 nicht. Im Vergleich zu einem modernen 911 oder gar einem Cayenne aber nimmt er sich sehr kompakt aus. Dabei ist der gelbe Rennwagen mit Chassisnummer “911 230 0538” eigentlich ein ganz Grosser. Sonst wäre er auch nicht um die ganze Welt gekarrt und überall gezeigt worden in den letzten zwei Jahren: Essen, Paris, Le Mans, Laguna Seca, usw. Überall hatte der hellgelbe (Farbcode 117) Porsche grosse Auftritte. Und nun stand er im Porsche Classic Center in Zürich/Schlieren, wo gestern (17. April 2019) von Stefano Ginesi zum dritten Porsche Classic Talk eingeladen worden war.
Und es kamen nicht wie erwartet 60 oder 70, sondern rund 200 Porsche-Enthusiasten, um die Geschichte des seltenen (24 wurden gebaut) 911 ST zu hören.
Jürgen Barth (fuhr damals den gelben ST unter anderem in Le Mans) und Marco Marinello (erkannte die Echtheit, half beim Wiederaufbau) erzählten zusammen mit dem Besitzer die interessante Geschichte des aussergewöhnlichen Autos, das einst von Amateurrennfahrer Michel Keyser im Werk gekauft worden war, um u.a. als Kamerawagen (Film “The Speed Merchants”), aber auch als Rennwagen eingesetzt zu werden. Und dies mit einigem Erfolg. Zwar war dieser 911 ST nicht der erfolgreichste Wagen der kleinen Serie und auch nicht der mit den meisten Rennteilnahmen, aber kein anderer ST hat eine derartig schillernde Geschichte, die im Buch “Porsche 911 S/T - der schnelle Kamerawagen” von Thomas Imhof toll erzählt worden ist. Tatsächlich nahm der gelbe ST bei einigen der wichtigsten Rennen der Saison 1972 teil, u.a. in Sebring, Daytona, Le Mans, an der Targa Florio und auf dem Nürburgring. Und dabei schauten Spitzenplatzierungen und sogar Klassensiege heraus.
Die Bezeichnung “ST” stammte übrigens daher, dass man eine “T”-Karosse mit dem optimierten Motor des “S” kombinierte.
Natürlich gab Jürgen Barth auch die eine oder andere Anekdote zum Besten, etwas, dass die Toiletten in Sebring (1972) keine Türen gehabt hätten und dass er jetzt gut verstehe, dass man “America great again” machen wolle.
Der gelbe “Toad Hall Racer” wurde bekanntlich von Porsche während rund zwei Jahren im Werk restauriert und wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Wer die Fotos vom vor einigen Jahren in den USA gefundenen Wrack gesehen hat, weiss, dass hier viel Arbeit und Feingefühl nötig war. So wies der 911 u.a. eine G-Modell-Front auf und auch der Motor hatte irgendwann einem Substitut weichen müssen. Dank der Mitarbeit vieler Enthusiasten und ehemaliger Werksmitarbeiter gelang das Kunstwerk, den 960 kg leichten 911 ST wie den Phoenix aus der Asche wiederauferstehen zu lassen. Sogar ein originalgetreuer Rennmotor (Typ 901/70, 2492 cm3, 10,3:1 verdichtet, 270 PS bei 8000 U/min) entstand neu aus noch vorhandenen Teilen.
Die 200 Zuschauer gestern Abend jedenfalls waren beeindruckt, aber sie liessen sich auch die Teigwaren nach einem Rezept von Jürgen Barth gekocht, nicht entgehen.

























