Träume, weit jenseits der Realität!

Daniel Reinhard
20.03.2019

Bugatti La Voiture Noire 2019

Dies sind Gedanken zum vergangenen 89. Genfer Automobil Salon , an dem Traumautos gezeigt wurden, mit 1000 und noch viel mehr PS, mit Drehmoment bis zum Geht-nicht-mehr, zu Preisen jenseits jeglicher Realität. Egal ob Aston Martin Valkyrie, Koenigsegg Jesko, oder Bugatti “La Voiture Noir”, einerseits locken noch klassische Verbrenner mit dem Geruch von Benzin, andererseits lauern an jeder Ecke Elektro-Supersportwagen mit dem Drehmoment-Hammer. Dazwischen gibt es noch ein paar wenige "vernünftige" Modelle, wie zum Beispiel die attraktiv geformte neue Generation von Peugeot.

Koenigsegg Jesko 2019

Das aktuell schnellste "Serienauto" der Welt soll im Moment der Königsegg Jesko sein, der selbst den Bugatti Chiron in den Schatten stellt. 1600 PS und eine Höchstgeschwindigkeit von 480 km/h geben die Schweden an – zumindest in den hauseigenen Simulationen soll das Hypercar dieses Tempo erreicht haben.

Volvo dagegen will seine Autos in Zukunft auf 180 km/h begrenzen, da zieht die Tachonadel des Jesko noch lockere 300 Einheiten weiter, natürlich mit all seinen elektronischen Fahrhilfen, da es ausser einem Walter Röhrl, oder Lewis Hamilton mit ihrem extrem verlangsamten Bewegungsempfinden eh kaum einen gibt, der so ein Ding noch auf der Strasse halten kann.

Pininfarina Battista 2019

Und da könnte doch tatsächlich der italienische Elektro-Sportwagen "Battista" von Pininfarina dem Schweden zumindest bis zur 100km/h Marke sogar noch davonziehen. Denn mit seinen 1900 PS soll er in 1,8 Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen und 2300 Newtonmeter Drehmoment auf die Achsen wuchten. 150 Stück sollen davon in Turin gebaut werden und genau so viele Fahrer müssen dann eventuell mit irreparablen Hirnschäden infolge positiven G-Kräften in die Dauerpflege geschickt werden. Und das alles für läppische zwei Millionen Euro. Zu viel? Für ziemlich genau die Hälfte bekommen Sie das gleiche Auto mit identischer Leistung in der Form des Rimac Concept Two, denn der bildet die technische Basis des italienischen Schönlings.

Piëch Mark Zero 2019

Wie viel ein Piëch Mark Zero kosten soll, ist indes noch nicht ganz klar – der Sohn des gleichnamigen Automobil-Moguls wäre Ihnen aber sicher sehr dankbar, wenn Sie schon mal eine kleine Anzahlung machen würden. Aktuell werden nämlich noch potente Investoren gesucht, um das Elektro-Sportwagen-Projekt überhaupt zu realisieren.

Als Kontrapunkt dazu noch ein paar Gedanken zur heutigen Verkehrslage. Bis auf ein paar immer seltener werdende freie Autobahnabschnitte in Deutschland werden wir auf dem ganzen Rest der Welt zwischen 30 und 130 km/h Maximaltempo eingependelt. Das machen all diese Autos im ersten von rund sieben Gängen, bei einer Gaspedalstellung von vielleicht 15%. Auch der R4 mit seinen rund 17 PS auf 600kg war schon 1961 dazu imstande und selbst mit ihm wäre man heute nicht mehr vor Radarfallen verschont.

13,2 Millionen Euro für einen Bugatti "La Voiture Noir", den man vermutlich in rund 10 Jahren nicht mal mehr starten kann, da seine Elektronik dann schon veraltet ist oder einen irreparablen Standschaden erlitten hat. Da wäre vermutlich der noch heute sensationelle Typ 51 Grand-Prix Wagen von 1931 für die Hälfte des Geldes der viel bessere Deal gewesen, da diese puristische Mechanik noch so lange fahrbar bleiben wird, bis der allerletzte Tropfen Benzin versiegt ist.

Die Politik ist sich schon länger einig: Der Diesel muss weg, es lebe die E-Mobility! Wie sauber der Strom ist, fragt aber kaum keiner. Und ob es richtig ist, gerade die riesigen und schweren SUVs zuerst zu elektrifizieren, entbehrt auch einer gesunden Logik. Viel Leistung, noch mehr Drehmoment und jede Menge Luxus scheinen angesagt zu sein. Und diese Opulenz wird mit einem Fahrzeuggewicht von zwei Tonnen und mehr erkauft. Da bleibt jede Ökonomie auf der Strecke.

Wo sind sie denn geblieben die kleinen, leichten und mit rund ein- bis dreihundert PS relativ vernünftigen und einst so beliebten Sportwagen. Da gab es doch früher den Lotus Elan, den Fiat X1/9, den Renault Sport Spider und in der Neuzeit vielleicht noch den Alfa-Romeo 4C oder die Alpine A110. Alles Sportwagen mit riesigem Spassfaktor und vernünftiger Technik, auch für Otto-Normalverbraucher. Ein ganz wesentlicher Faktor ist schliesslich das Leistungsgewicht. Je schwerer ein Auto, umso mehr Leistung ist nötig, um die Fahrleistungen eines wesentlich Leichteren zu egalisieren und auch wieder abzubremsen. Colin Chapman war ein wichtiger Vorreiter für den Leichtbau und er konstruierte Autos mit Fliegengewicht, die mit vergleichsweise geringer Leistung auch deutlich Stärkere abhängen konnten. Vielleicht wäre es auch für die Techniker viel interessanter, bezahlbare Fortschritte zu erzielen und nicht nach dem Ziel zu bauen: "Völlig egal, wieviel es denn am Ende kostet".

So könnte der Vater auch mal wieder zu seinem Sohn sagen:  "Schau mal da, wenn du mal gross bist, wäre das doch ein ganz tolles Auto für dich", anstelle von "sowas kann sich ja sowieso keiner leisten."

Der diesjährige Genfer Automobilsalons wurde kritisiert, weil zuwenig geboten werde ausser den vielen unbezahlbaren Autos. Und auch so aufregend wie noch vor einigen Jahren sei der Genfer Autosalon nicht mehr. Es fehle ihm an Glamour.

Vielleicht liegt es ja daran, dass zuviel Fokus auf Superlative gelegt werden, die von kaum jemandem mehr gekauft werden können. Träume sollten doch erreichbar sein und das auch für einen Durchschnittsverdiener. Mehr Hausmannskost anstatt Haute Cuisine, forderten Beobachter und genau das sollte doch ein Ziel für die Zukunft sein.

Lassen wir uns also nicht in den Wahnsinn treiben und geniessen einfach zufrieden unsere alten Autos, immer schön mit dem Gedanken sie sind bezahlt und man kann sich den Unterhalt leisten, diesen notfalls sogar selber erledigen, auch ohne Abschluss in Computerwissenschaften. Man kann sie auch tatsächlich fahren, ohne schon auf den ersten Metern mit dem Gesetz in Konflikt zu geraten, denn sie machen auch bei vernünftigen Tempi bereits jede Menge Spass!

Archivierte Einträge:

von lu******
22.03.2019 (18:18)
Antworten
Kann die Kritik an den Traumautos nicht nachvollziehen. Die Umweltbelastung ist fast Null, da es nur wenige davon gibt und diese nur selten gefahren werden. Die Straßen verstopfen sie daher auch nicht und viele technische Errungenschaften der Traumwagen kommen später den Serienfahrzeugen zugute.
Antwort von vp******
24.03.2019 (20:08)
Im Artikel gab es jeine Kritik an Traumautos per se, sondern an die Ideologie dieser Traumautos, dh: je mehr Zentimeter, sorry, je mehr PS desto besser, auch wenn die Traumautos über zwei Meter breit und zwei Tonnen schwer sind... Ein Traumauto sollte ein Auto sein, dass ich zB über den Nüfenenpass zu fahren träume. Eine Miura oder ein Bugatti 35 sind solche Autos. Ein Bugatti Chiron ist für mich und für meines durchschnittliches Fahrtalent ganz einfach zu weit, zu schwer und zu schnell.
von je******
20.03.2019 (20:01)
Antworten
sehr schön, und abseits der Traumautos verstopfen alltäglich schleichende SUVs mit ihren, von schierer Masse überforderten Fahrern/innen, die Strassen.
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