Aller Anfang ist schwer, oder eben auch nicht …

Roberto Bernasconi
16.08.2017

Oldtimer-Klassiker an der Vintage Motors Bellinzona (© Roberto Bernasconi)

Alles beginnt mit einer Überraschung. Es gibt wohl keinen schöneren Moment, als wenn man von einer Stadt angefragt wird, im historischen Zentrum ein Autotreffen zu organisieren. Nach der initialen Euphorie und der in der Folge logischen Zusage an die Stadt beginnt jedoch das Kopfzerbrechen: Reichen sechs Wochen überhaupt, um einen solchen Anlass zu organisieren? Wer soll im August, mitten in der Ferienzeit, überhaupt teilnehmen? Wie soll man kommunizieren? Was erwartet das Zielpublikum von einer solchen Veranstaltung? Wo findet man Antworten und Lösungen?

Viele Fragen und Ungewissheiten stehen im Raum, aber die lodernde Leidenschaft lässt diese Zweifel jedoch ziemlich schnell verschwinden. Also macht man sich an die Arbeit. Man sucht historische Zusammenhänge, beginnt ein Konzept zu erstellen, klügelt aus, wie der finanzielle Aufwand gedeckt werden soll und zeichnet nächtelang an einem grafisch-attraktiven Erscheinungsbild.

Es spricht sich unter Freunden schnell herum, dass etwas am Entstehen ist – etwas, dass es vorher noch nicht gegeben hat. Begeisterung macht sich breit, Mail und Telefon laufen heiss mit vielen beratenden Kommentaren, weitreichenden Ideen, interessanten Kontakten. Einige wenige melden sich, die mich einfach nur anspornen wollen.

Nun heisst es den Überblick zu wahren, und gleichzeitig in einer modernen Welt sogenannte „Followers“ zu generieren und diese bei Laune zu halten. Die Worte „likes“ und „posts“ erhalten eine neue Dimension und man versucht die Reaktionen des virtuellen Publikums zu deuten. Aus jedem dieser virtuellen „Schulterklopfer“ wird Energie und Sicherheit geschöpft, man wird definitiv von Unbekannten wahrgenommen und geschätzt.

Endlich, das Programm steht: Drei Musikbands haben zugesagt, der bekannte DJ ist mit an Bord, die Freunde einer Kunstflugstaffel werden mit einem Überflug unterhalten, für Speis und Trank ist gesorgt, einige Aussteller mit einem Stand haben zugesagt und zudem können auch noch zwei Wohltätigkeit-Projekte in den Anlass integriert werden. Somit ist dafür gesorgt, dass für jedermann etwas dabei ist und dass die Veranstaltung ein (kostendeckender) Erfolg wird.

Der 5. August 2017 kommt immer näher, die Logistik wird aufgebaut, die Medien werden aktiv, auf der bereitgestellten Webseite schreiben sich immer mehr Fahrzeuge ein und auf Facebook sind bereits über 700 Personen am Event interessiert. Man spürt das Adrenalin in den Adern und jede Stunde erlebt man neue Höhepunkte. Die Schilder für die Signalisation sind gedruckt und sehen besser aus als erwartet. Die Pokale sind produziert, die Weine für die Sieger werden vom Sponsor vorbeigebracht und man stellt sich vor, wie die Preisverleihung aussehen wird. Gleichzeitig werden erste Stimmen in den Sozialen Medien laut, ob man überhaupt in der Lage sei eine solche Flut an Fahrzeugen zu bewältigen und man fühlt sich verpflichtet eine unterhaltende Diskussion zwischen „Followern“ zu unterbrechen und beruhigt die virtuelle Welt. Ob man den Erwartungen wirklich gerecht wird und ob man an alles gedacht hat, weiss man jedoch erst in wenigen Stunden.

Der grosse Tag; endlich geht die Sonne über Bellinzona auf und man ist vor Ort. Die Innenstadt erwacht mit dem üblichen Samstagsmarkt, bei welchem sich viele Tessiner mit lokalen Produkten eindecken und die Gelegenheit nutzen, um sich über politische und gesellschaftliche Themen auszutauschen.

Verschiedene Fahrzeuge welche von den Organisatoren und Ausstellern bereits in der Innenstadt herumstehen, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich und regen die Passanten an, über vergangene Zeiten zu philosophieren. Eine lokale Radiostation ruft an und man gibt bei einer Live-Schaltung euphorisch Auskunft über den Event und die Classic Car Szene im allgemeinen.

Die Sonne steigt zum höchsten Punkt am wolkenlosen Himmel und es wird richtig heiss. Die Thermometer zeigen um die Mittagszeit 37 Grad Celsius an – Helfer, Aussteller und Touristen suchen nach Schatten oder in den umliegenden Geschäften nach angenehmer klimatisierter Kühle. Es ist so weit, um 13 Uhr wird die Fussgängerzone für die historischen Fahrzeuge geöffnet - der Anlass beginnt.

Zaghaft aber stetig rollen Fahrzeuge in der brühenden Hitze heran und schreiben sich ein. Wunderschöne Autos! Man denkt, viele Fahrzeuge in der Region zu kennen, und doch wird man überrascht, wie viele Autos auftauchen, die man noch nie gesehen hat.

Anekdoten über Vehikel und Besitzer machen die Runde, Erinnerungen werden wach, Bekanntschaften gemacht und das friedliche Miteinander nimmt seinen Lauf. Bis zur Preisverleihung um 17registrieren wir 70 Fahrzeuge am Event und sind den Besitzern sehr dankbar, dass Sie den Weg zu uns gefunden und der Versuchung des kühlenden Nass von See und Schwimmbad widerstehen konnten.

Die preisgekrönten Autos an der Vintage Motors Bellinzona (© Roberto Bernasconi)

Die Vielfalt und die Attraktivität der Fahrzeuge machen die Preisverleihung nicht einfach.
Schlussendlich haben wir beschlossen aufgrund der Qualität, persönlichen Anekdoten und Geschichten der Fahrzeuge sieben Teilnehmerfahrzeuge auszuzeichnen:

  • Buick Master Six von 1926 (Alfredo Eggemann)
  • Motorrad Condor von 1929 (Jürg Schmid)
  • Saurer L4C Alpenwagen von 1954 (Domenico Barenco)
  • Saab 93b von 1957 (Ana Maria Cattaneo)
  • Opel Rekord P1 von 1958 (Gianni Ghidossi)
  • Alfa Romeo Giulia Super von 1969 (Davide Franchi)

Mit der “Best of Show” Auszeichnung wird der Cadillac La Salle von 1939 (Antonio Moreno) geehrt.

Abschliessend kann man sagen; aller Anfang ist schwer, oder eben auch nicht… denn auf die Leidenschaft und Loyalität der Besitzer von historischen Fahrzeugen ist Verlass.

Es war ein wunderschöner Tag, und wir freuen uns bereits heute, im 2018 wieder einen friedlichen Tag mit Klassik- und Musikliebhabern in der Altstadt von Bellinzona zu verbringen. Bis dahin werden wir über unsere Informationskanäle, insbesondere aber die Vintage-Motors-Website über Neuerungen berichten.

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