Wird Leistung nicht total überbewertet?

Daniel Reinhard
23.03.2017

Formcar Formel V 1965 (© Bruno von Rotz)

Ein bekannter Spruch von Walter Röhrl lautet: "Ein Auto ist erst dann schnell genug, wenn man morgens davor steht und Angst hat, es aufzuschliessen!" Für Walter Röhrl mag dieses Zitat nicht wirklich zutreffen, denn er kann mit Leistung umgehen und das verdammt gut. Viele sollten aber heute vor Angst erzittern wenn sie sich in ihre "normalen" Alltagsautos setzen. Von der Leistung und vom Gewicht aktueller Autos wären die meisten Fahrer ohne elektronische Fahrhilfen schlichtwegs überfordert.

Ein Hutless Go-Kart mit 100 ccm und rund 30 PS bewegt das zwischen 80 und 90 kg schwere Fahrzeug (ohne Fahrer) vehement vorwärts. Da man nur knapp über dem Boden sitzt und dank der exzellenten Kurvenlage hat man sofort das Gefühl, viel schneller zu sein es die gemessenen Geschwindigkeiten vielleicht erwarten lassen.

Der VW-Boxermotor des Formel-V mit seinen 34 PS hatte 1965 im Formcar 380 kg (ohne Fahrer) zu beschleunigen. Ein Käfer wog damals immerhin genau das Doppelte.Trotzdem oder gerade deswegen macht so ein Formel V auf Anhieb unglaublichen Spass. Seine Einfachheit, dazu die leicht beherrschbare Leistung, lassen das Rennfahrerblut in einem schnell in Wallung geraten. Die schmalen Reifen kommen schnell an ihre Grenzen und es stellt sich ein kontrollierbares Übersteuern ein. Man träumt von einem Rennen von Mann zu Mann und weiss, jeder noch so kleine Fehler würde einen blitzartig Platz für Platz verlieren lassen.

Im Qualifying muss die engste, aber doch schnellste Linie gewählt werden. Genau wie mit dem Go Kart in der Halle bremst jeder noch so kleine Rutscher. Man fühlt dieselbe Freude wie ein Kind auf seinem Bobby-Car, oder später in seiner ersten eigenen Seifenkiste.

Die schönste Art von Rennsport ist doch der Mehrkampf mit gleichwertigem Material, völlig egal von der verfügbaren Leistung. Der Fahrer alleine ist schlussendlich der Sieger oder Verlierer. Genau wie beim 800 m-Lauf, bei dem jeder Läufer auch nur seine zwei Beine und Laufschuhe zur Verfügung hat. Die schnellsten Beine gewinnen.

Auch bei einem Rennen mit nur 34 PS starken Formel-V-Rennwagen steht am Schluss der Schnellste, oder eher der Konstanteste und Fehlerloseste des Feldes ganz oben auf dem Podest. Fazit der Beste gewinnt immer. Viel spannender sind doch die Rennen, in denen vier, fünf Fahrer eine Kurve gemeinsam und nebeneinander anbremsen, was dank den Trommelbremsen der frühen Formel V auch nicht wie heute auf minimalstem Weg möglich war. Primitivere Technik kann eben auch für besseren Motorsport sorgen, dies konnte man auch am letzten Wochenende in Goodwood beim 75. Members’ Meeting wieder sehen.

Nicht jeder Fahrer schaffte nach dem Aufstieg vom Formel V später auch die stärkeren Kategorien mit Bravour. Es gibt tatsächlich immer wieder Piloten die ein grosses Talent in den unteren, schwächeren Klassen zeigen, später aber schlichtweg von der gigantischen Leistung überfordert werden.

Mit Sicherheit wäre ein 30 Mann starkes Formel-V Rennen mit gleichwertigen Fahrzeugen noch heute für Fahrer und Zuschauer eine absolute Riesengaudi.

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