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Brems-Nummernbeleuchtung und Preßstoffhörner für den Ur-Käfer im Jahr 1941

Stefan Fritschi
04.07.2013

VW KDF-Wagen von 1938

Wir schreiben das Jahr 1941. Die deutsche Industrie ist einerseits mit der Kriegsproduktion ausgelastet. Andererseits macht man sich bereits Gedanken, wie es nach dem Krieg weitergehen soll. Zu diesem Zeitpunkt weiss noch niemand, dass der Krieg im absoluten Desaster für das Deutsche Reich enden wird.

So plant denn auch die Westfälische Metall-Industrie Aktien-Gesellschaft, kurz WMI, aus Lippstadt in Nordrhein-Westfalen für den baldigen Frieden. Die Firma gibt es schon seit 1899. Firmengründer Sally Windmüller produzierte Ballhupen, Petroleumlampen, Pferdegeschirre und diverse Teile für das neu aufkommende Automobil. 1908 suchte Windmüller einen „zündenden“ Namen für seinen neu entwickelten Acetylenscheinwerfer. Sallys Frau hiess Helene und wurde „Hella“ gerufen. Und im örtlichen Dialekt wird das Wort „heller“ als „hella“ ausgesprochen. Voilà!

In unseren Archiven fanden wir zwei Papiere, die einen interessanten Einblick in die damalige Projektabwicklung geben.

Auf drei Seiten wird alles erledigt

Das erste Dokument umfasst drei Seiten, datiert auf 17. 7. 1941. Es wird mit grosser Schrift quer über den Text mit „Bestell-Bestätigung“ und im Titel mit „Abschluß!“ bezeichnet. Es scheint, dass sich WMI – der Name Hella taucht noch nirgends auf – für die Nachkriegszeit den Auftrag für Hupen des neuen KdF-Wagens, der spätere Volkswagen, definitiv sichern will. Oder umgekehrt: das Volkswagenwerk versucht, Lieferanten an sich zu binden. Einerseits wundert man sich über die ausführliche und etwas holprige Sprache. Andererseits scheint man mit drei Seiten alle wichtigen Aspekte wie Stückzahl, Lieferkonditionen und sogar die Materialeigenschaften abzuhandeln. Kein Vergleich zur heute, wo Rechtsabteilungen mit seitenweise Kleingedrucktem beschäftigt werden.

Schon der Briefkopf ist interessant. Er zeigt deutlich, dass VW „den Hut auf hat“. Das Dokument ist eindeutig in Berlin entstanden. Die Reichshauptstadt war damals Sitz der Volkswagenwerk GmbH obwohl auf dem Briefkopf auch die „Stadt des KdF.-Wagens“ auftaucht. Die Bezeichnung „Wolfsburg“ gab es erst ab 1948. Das damals noch geflügelte VW-Zeichen mit Zahnradkranz darf natürlich auch nicht fehlen. Wenigstens sind keine Hakenkreuze zu finden.

Beim Corpus Delicti handelt es sich um 10‘000 komplette Nummernschildbeleuchtungen mit integriertem Bremslicht zum Gesamtpreis von 1,72 Reichsmark. Genauer gesagt umfasst dies 1 Gehäuse, 1 Lampenträger, 1 Unterlegplatte, 4 Sechskantmuttern, 2 Federringe, 1 Birnenlampe, 2 Kugellampen sowie Verpackung und Lieferung frei Haus. VW sieht diesen Preis einerseits im Text als Richtpreis, andererseits als „absolute Grenze nach oben“. Und man doppelt nach: „Nach dem Durchlauf der heute bestellten 10‘000 Stck. durch die Produktion werden Sie erkennen, in welcher Weise noch Herstellungsverbesserungen möglich sind um den genannten Richtpreis zu senken.“ Selbstverständlich wird die nächste Charge neu verhandelt, und unter Zahlungsbedingungen steht einfach „unsere“. Also war das Herstellerdiktat damals doch nicht anders als heute.

In den weiteren Ausführungen wird erklärt, dass WMI die Werkzeuge selber finanzieren und dafür aber behalten darf. Und man erwartet drei Ausfallmuster, keine Handmuster, zur Begutachtung. Produktionsfreigabe gibt es erst, wenn „die Lampen in jeder Beziehung an den hinteren Motordeckel passen“. Wann das alles geschehen soll, steht weiter unten im Kapitel „Friedensanlauf“. Die Definition „nach Beendigung des Krieges“ lässt den Zeitpunkt offen und soll die Produktionskapazitäten für den Volkswagen, wie er von Hitler verordnet wird, sichern. Im ersten Nachkriegsjahr sollen dann monatlich weitere 2500 Stück geliefert werden, was bis im dritten Nachkriegsjahr auf 12‘000 pro Monat gesteigert werden soll. Man ist sich also des Erfolgs des neuen Autos sicher, nach dem versprochenen Sieg der eigenen Soldaten sowieso...

200‘000 Hupen für den Nachkriegsverkehr

Ein zweites Dokument vom 10. 12. 1941 , jetzt nur noch zwei Seiten lang, verhandelt die Lieferung von Hupen – einem der ureigensten Produkte der WMI. Genauer gesagt sind es „Preßstoffhörner, vollständig, 6 Volt,  mit Wasserablauflöchern in der Schallmuschel“ zum Preis von je 3,25 Reichsmark. Stückzahlmässig geht man in die Vollen: 200‘000 Stück. Und auch im ersten Nachkriegsjahr wird ein Monatsbedarf von 4000 Stück – und die damit verbundene Freihaltung von Produktionskapazitäten – festgelegt. Im dritten Nachkriegsjahr werden gar 20‘000 Stück monatlich prognostiziert.

Allerdings gibt es auch hier einen offenen Punkt. Das brüchige „Preßstoff“-Material ist ein früher Kunststoff, welcher beispielsweise auch für Radios und andere elektrische Geräte verwendet wurde. Während letztere im heimischen Wohnzimmer nie Hitze oder Kälte, Erschütterungen oder Steinschlag ausgesetzt waren, gilt der Werkstoff im Auto als problematisch. VW schrieb deshalb die Möglichkeit fest, „dass wir nach einer gewissen Zeit die Hörner wieder ganz aus Eisen zu erhalten wünschen.“

Es erstaunt nicht weiter, dass auch hier der Nachsatz folgt: „Dies bedingt naturgemäß einen niedrigeren Preis, über den wir zur gegebenen Zeit neu verhandeln müssen.“ Gewährleistung wie wir sie heute kennen, hätte den Einsatz von als brüchig bekannten Materialien schon im Vorfeld ausgeschlossen. Immerhin werden jetzt die Zahlungsbedingungen etwas genauer umschrieben: „bis zum 25. des der Lieferung folgenden Monats“.

Man kann sich gut vorstellen, wie so nach und nach alle Kaufteile des zukünftigen Volkswagens einzeln verhandelt wurden und Autohersteller und Zulieferer auf den Frieden im neuen grossen Deutschen Reich vorbereiteten. Heute wissen wir, dass das Wirtschaftswunder nach dem grossen Scherbenhaufen viele Jahre auf sich warten liess. Dabei hatte der Käfer enormes Glück. Ein paar Kilometer weiter östlich beginnt die sowjetische Besatzungszone und damit die spätere DDR. Aber das wusste man 1941 zum Glück alles noch nicht.

Volkswagen-Montage in den Vierzigerjahren

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