Rennsport in Zürich - der Fliegende Kilometer in Altstetten-Schlieren
Wir haben bereits über den früher überaus beliebten Rennsportmodus “Fliegender Kilometer” (oder Kilometer lancé) berichtet. Eine derartige Veranstaltung wurde auch mehrmals vor den Toren der Schweizer Grosstadt Zürich durchgeführt. Über die Veranstaltung im Jahr 1926 erschien in der Automobil Revue ein umfangreicher Bericht , der über vier Seiten führte.
“Hören” wir zum Einstieg dem Berichterstatter der Automobil Revue kurz zu, der das Ambiente der Veranstaltung mit folgenden Worten beschreibt:
“Auf zwei Uhr ist der Beginn des Rennens angesagt, das, wie schon im Vorjahre, auf der für eine solche Konkurrenz geradezu idealen Industriestrasse zwischen Altstetten und Schlieren stattfindet. Aber schon lange vorher hebt der Exodus nach dem Schauplatz der Konkurrenz an, ein sprechender Beweis dafür, welcher Popularität sich der Autosport bei den Zürchern erfreut. Auf beiden Seiten der Strecke sammelt sich hinter dem Drahzaun eine nach Tausenden zählende Menge an. Und wären uns Leuten von der Presse nicht in zuvorkommender Weise auf der 700 Personen fassenden Tribüne beim Juchhof unsere Plätze reserviert worden, es hätte schwer gehalten, sich dort noch einen Platz zu ergattern. Nebenbei bemerkt: die Damenwelt ist sehr stark vertreten und die zahlreichen eleganten Toiletten geben dem Ganzen eine vornehme Note.”
Bei der beschriebenen Industriestrasse handelte es sich mit um die Bernerstrasse, die Zürich-Altstetten auch heute noch mit Schlieren verbindet.
Die Veranstaltung war offensichtlich bestens organisiert, Lautsprecher vermittelten nicht nur die Ergebnisse und Zeiten, sondern übertrugen auch Musik. Allerdings erwies sich die Musik der Motoren als bedeutend stärker und verschluckte die weichen Klänge der ‘Alten Garde’ of gänzlich, wie der Berichterstatter zu erzählen wusste. Allerhand Prominenz fand sich auf dem Rennplatz ein, Regierungsräte, Stadträte, Polizeikommandanten, Ständeräte, Statthalter, Fluplatzdirektoren, usw. usw.
Neben den zeitgenössischen Fahrzeugen traten auch Oldtimer an, wenn sie auch noch nicht so genannt wurden. Ein Oldsmobile von 1902 wurde als “wahres Museumsstück” beschrieben, das bedächtig, geruhsam und vorsintflutlich angeschnauft kam ... und mit 25,325 km/h die langsamste Geschwindigkeit des Tages notieren liess.
Der schnellste Tourenwagen war der Packard von W. Risch aus Zürich, der immerhin 128,571 km/h schaffte. Bei den Sportwagen schwang L. Thoms auf Bugatti obenauf, seine Durchschnittsgeschwindigkeit betrug 138,462 km/h.
Für die Berichterstattung zum rennsportlichen Höhepunkt des Tages lassen wir nochmals den Korrespondenten der Automobil Revue zu Wort kommen:
“Höher und höher ist inzwischen die Spannung gestiegen: Die Rennwagen sind fällig. Und schon heult auch Escher auf seinem kleinen einsitzigen Bugatti-Kompressor daher. Aber er bleibt wie in Genf hinter seiner Leistung bei den Sportwagen zurück, obgleich er diesmal 10 km mehr aus seinem Fahrzeug herausholt. Und wiederum ein fernes Summen, das rapid zum Brüllen anwächst - ein rotes Etwas rast mit beklemmender Geschwindigkeit vorüber - Kracht! Abermals wiederholt sich das Beispiel, wie Merz auf seinem Bugatti durchs Ziel schiesst. Aber er vermag nicht ganz an Kracht heranzureichen, dessen Mittel 155,172 km beträgt.
Noch steht indessen die grosse Sensation ans: Kessler auf dem Alfa Romeo, den Campari am letztjährigen Grossen Preis von Italien fuhr. Und Alfa Romeo hält, was man von einem Weltmeister erwartet: 20,8 Sek. für die Hinfahrt, 21,4 Sek. für die Rückfahrt! Das entspricht einem Stundenmittel von 170,616 km. Damit hat der von Kracht letztes Jahr aufgestellte Rekord von 162,1 km ausgelebt.”
Über 170 km/h - eine beeindruckende Durchschnittsgeschwindigkeit auf einer damals ungeteerten Strasse, auf der heute gerade noch 60 km/h gefahren werden darf.
Aber nicht nur die Spitzenleistungen beeindrucken, auch ein Blick auf das Klassement lohnt sich, tauchen da doch Marken auf, die heute längst vergessen sind: Mathis, Ceirano, Ansaldo, Martini, Marmon, Derby, Rally, Salmson, Diatto, Chiribiri (bei den Sport- und Rennwagen!) sind da genannt, die neben den bekannteren wie Bugatti (13x), Talbot, Lancia, Buick, Packard, Ford, Mercedes, Chrysler, Lorraine-Dietrich, Auburn, Hispano-Suiza, Delage, Fiat, Sunbeam und natürlich Alfa Romeo das Starterfeld ausmachten.
Die schnellste Dame an jenem Tag im Jahr 1926 war übrigens Frl. P. W. Thoms, die aus ihrem Bugatti ein Stundenmittel von 135,338 km/h herausholte. Der Gewinner des Spezialpreises, der für den schnellsten Wagen schweizerischer Konstruktion ausgerichtet war, holte sich übrigens Monnard auf einen neuen Martini Sechszylinder.
































