Bild Kooperations-Partner
Angebot eines Partners

Wo bleibt eigentlich der günstige Elektro-Sportwagen?

Henri Weidmann
22.06.2022

Electricar GTP

Beginnen wir mit einer kurzen Denkminute: Fällt Ihnen ein batteriebetriebener und fahrspass-orientierter Zweisitzer ein, dessen man zum Gegenwert von weniger als 40’000 Euro respektive Schweizer Franken habhaft werden kann? Und der auch für die Transportaufgaben des Alltags taugt?

Uns auch nicht. Doch wieso klafft diese Lücke in den stetig expandierenden Elektromodell-Paletten der Automobilhersteller? Ein naheliegender Grund könnte sein, dass letztere in den kommenden Jahren des Wandels zuerst die “Grundversorgung” ihrer Kundinnen und Kunden sicherstellen wollen und deswegen die (Weiter-)Entwicklung von praktischeren Alltagswagen à la VW ID.3, BMW i3 oder Škoda Enyaq iV priorisieren. Auch elektrische Vans, SUVs und Nutzfahrzeuge ersetzen nach und nach ihre Verbrenner-Verwandten.

Stromernde Sportwagen sind hingegen momentan überwiegend keine “klassischen” Sportwagen, sondern von deutschen Erzeugnissen einmal abgesehen exotische Hypercars mit weit über 1000 PS und dementsprechend exorbitant hohen Preisen. Dass aber nicht nur Schwerreiche gerne Fahrspass erleben, liegt auf der Hand. Trotzdem wird autoliebenden Durchschnittsverdienerinnen und -verdienern bis jetzt kein adäquater Elektro-Sportwagen angeboten.

Modelle wie der Renault Zoe, der Hyundai Kona electric und allen voran der Tesla Model 3 haben aber eindrucksvoll bewiesen, wie gerne Herr und Frau Mittelstand zu akkubetriebenen Autos greifen. Deren Technik sollte sich meiner höchstens semi-qualifizierten Meinung nach auch in einen kompakten Zweisitzer einbauen lassen, wobei dieser zugunsten eines sportwagen-mässigeres Leistungsgewichts auf gewisse Annehmlichkeiten verzichten müsste.

Bei einem Gewicht von ca. 1200 Kilogramm wären ansprechende Fahrleistungen realisierbar, wobei die nackten Autoquartett-Kennzahlen nicht im Vordergrund stehen sollten. Die 289 Kilowatt des Basis-Model-3 wären da wohl schon zu viel des Guten, auch ein Coupé oder Roadster mit weniger Leistung und Hinterradantrieb könnte seine Insassen sicherlich zum Grinsen verleiten. Ein dank flach im Chassis montiertem Akku niedriger Schwerpunkt wäre der Querdynamik ebenfalls zuträglich.

Ein deutliches Indiz für die Popularität von budgetfreundlichen Spassmachern ist die Tatsache, dass die Jahresproduktion 2022 des Toyota GR86 innert weniger Tagen vergriffen war. Dessen Preise begannen bei knapp 34’000 Euro, wofür die glücklichen Kurzentschlossenen ein leichtes, agiles und vor allem erfrischend pures Coupé erhalten. Wie sein Schwestermodell Subaru BRZ wird der GR86 von einem Vierzylinder-Boxer ohne Turboaufladung angetrieben und trotz “nur” gut 230 PS lassen sich mit ihm abenteuerliche Driftwinkel erzielen.

Ebenso anachronistisch wie der Verzicht auf Zwangsbeatmung ist das serienmässige manuelle Sechsganggetriebe. Dass bei derart verheissungsvollen Zutaten vielen Leuten das Wasser im Mund zusammenlief, verwundert kaum, allerdings schmälern diese traditionell Fahrspass-fördernden Faktoren leider auch die Hoffnung auf einen elektrischen Volks-Sportwagen.

Der Reiz des neuen Toyota GR86, aber ganz besonders jener vieler Oldtimer, liegt ja bekanntlich an der erlebbaren Mechanik eines herkömmlichen Automobils und der Interaktion mit diesem. Die Fahrt im Fiat Nuova 500 hat dem Autor dieser Zeilen offenbart, dass der Miteinbezug aller Sinne der Hauptgrund für unsere Faszination für historische Fahrzeuge ist. Während man im Klassiker jederzeit über den Untergrund Bescheid weiss und spürt, ob der letzte Gangwechsel sauber vonstatten ging oder nicht, fühlt sich die Fahrt im modernen Automaten (im doppelten Sinne) geradezu steril an.

Über diese schlussendlich relativ subjektive Erfahrung wurde hier und an anderer Stelle schon oft geschrieben. In diesem Blogbeitrag dient sie bedauerlicherweise als Argument, weshalb elektrische Sportwagen mit moderaten Leistungswerten und Anschaffungspreisen vermutlich eine deutlich kleinere Rolle spielen werden als ihre benzinschluckenden Vorfahren. Der Elektroantrieb kommt selbstredend ohne Getriebe aus und somit fällt ein für Sportwagen sehr charakteristisches Element von vornherein weg. Kaum jemand würde einen Fiat 850 Coupé, Caterham Seven oder Mazda MX-5 fahren wollen, ohne dabei die Gänge selbst zu sortieren.

Natürlich ist es technologisch ohne weiteres möglich, im Elektroauto einen Verbrennungsmotor mitsamt kurz übersetztem Getriebe zu simulieren und die Fahrerin oder den Fahrer mittels knackigem Schalthebel scheinbar wieder mehr am Geschehen zu beteiligen. Zusätzliche Gerätschaften an Bord lassen aber das Gewicht steigen und somit auch die Reichweite sinken, wobei selbst die beste Simulation unmöglich exakt denselben Eindruck wie eine Fahrt in unverfälschten “Originalen” wie dem Triumph Spitfire hinterlassen würde.

Die Lautäusserungen eines Verbrenners nachzubilden stellt ebenfalls keinen Autobauer vor gravierende Probleme. Automobil-Traditionalisten schütteln aber zuweilen schon ab dem modifizierten Motorsound moderner Premium-Gefährte den Kopf und einem rein elektrisch angetriebenen Wagen müsste noch einmal deutlich mehr Begleitmusik ankomponiert werden. Da stellt sich die Frage, ob die potenzielle Kundschaft synthetische Imitationen klassischer Symphonien dem zwar unattraktiven, aber immerhin ehrlichen E-Summen vorziehen würde.

Ein weiterer Punkt, der gegen eine kommende Flut von bezahlbaren Batterie-Sportlern spricht, ist das steigende Bewusstsein für die Endlichkeit der Ressourcen auf dem Planeten Erde. Auch die Herstellung eines elektrischen Autos verschlingt unzählige Tonnen an Rohstoffen und wenn ebendieses Auto dann lediglich sporadisch als Freizeit-Gefährt eingesetzt wird, ist es allermindestens teilweise gerechtfertigt, dessen Kosten-Nutzen-Verhältnis zu hinterfragen.

Möglicherweise sind atemberaubende Beschleunigung und Höchstgeschwindigkeiten jenseits von Gut und Böse schlichtweg die einzigen oder zumindest besten Mittel, mit denen der elektrische Antrieb im Automobil unsere Dopamin- und Adrenalinspiegel in die Höhe zu jagen vermag. Doch wer weiss, vielleicht lancieren die Autohersteller schon bald nach der Etablierung der alltagstauglicheren E-Modelle auch Steckdosen-Sportler, die sich breitere Bevölkerungsschichten leisten können.

Mitte der Neunziger scheiterten die beiden US-amerikanischen E-Sportwagen Renaissance Tropica und Electricar GTP (Bild oben) vor allem am damaligen Stand der Technologie. Wären die interessanten Konzepte knapp drei Dekaden später verwirklicht worden, hätte sich dieser Blogbeitrag wohl um ein anderes Thema gedreht.

Falls Sie nun über die Zukunft des Sportwagens zu sinnieren begonnen haben, sind Sie natürlich herzlich eingeladen, Ihre Gedanken und Theorien unten in den Kommentaren mit den anderen Leserinnen und Lesern zu teilen. Wir sind gespannt…

Bild Kooperations-Partner
Bild Kooperations-Partner
Angebote unserer Partner
Bild Kooperations-Partner
Angebot eines Partners
Bild Kooperations-Partner
Angebot eines Partners
Loading...
Oha! Kostenlos Texte und Fotos sehen?
Zwischengas auf allen Geräten
Einfach hier anmelden:
Neu hier?
1x kostenlos registrieren und dauerhaft Inhalte freischalten!