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Warum muss denn Rennsport so teuer sein?

Daniel Reinhard
20.08.2021

Formel V Fuchs mit Daniel Reinhard am Lenkrad (© Bruno von Rotz)

Es ist mittlerweile absurd, wie teuer Rennsport geworden ist. Kostet eine Go-Kart-Saison in der CH-Meisterschaft rund CHF 70’000, so muss man für eine FIA-Weltmeisterschaftssaison (ab 12 Jahre) bereits rund EUR 250’000 in die Hand nehmen. Das sind mittlerweile Summen, die einen richtig reichen Vater voraussetzen. Mit kleinen Jobs neben der Schule, wie Pizzas austragen oder PET-Flaschen einsammeln wie zu Sifferts Zeiten, ist das leider nicht mehr zu stemmen.

Zeigt sich dann im Kart Talent, so folgt der logische Aufstieg in das Formelauto.

Formel BMW

In der Nachwuchsformel kostete vor einigen Jahren ein Formel BMW rund EUR 50’000 bis 60’000, immerhin inklusive einem Ersatzteilpaket. Verkauft aber wurden die Autos nur an Teams, die sich zu einer der drei Meisterschaften (USA, Asia und Europa) eingeschrieben hatten. Der Fahrer musste sich in eines dieser Teams einkaufen, was zu Beginn knapp EUR 200’000 und am Ende, mit zunehmenden Tests und Ingenieurbetreuung auf rund EUR 300’000 zu stehen kam. Mit inbegriffen war auch noch ein vielfältiges Ausbildungs- und Coachingprogramm für die jungen Fahrer. Nicht inbegriffen waren selbst verschuldete grössere Schäden.

Formel V

Rainer Braun schrieb: "1965 holte Porsches Renn-Baron Huschke von Hanstein je sechs Beach- und FormCars mit VW-Technik aus den USA nach Deutschland und bot damit dem Formel-Nachwuchs für rund 10’000 DM ein preiswertes Betätigungsfeld. Bis auf die Verkleidung (und den Rohrrahmen) waren fast nur Original-VW-Teile verbaut. Die Dinger sahen aus wie zu klein geratene Badewannen, was vor allem auf das klobig anmutende FormCar zutraf. Zur Deutschland-Rennpremiere am ersten Juli-Wochenende 1965 auf dem Norisring wurden die zwölf VW-Renner von Porsche-Rennmechanikern auf VW-Pritschenwagen nach Nürnberg transportiert und betreut."

Aus dem Premieren-Spass und den bauchigen 1,2 Liter-VW-Rennwagen mit dürftigen 34 PS wurden im Laufe der Jahre schlanke, schicke Formel V-Flitzer, die in ihrer besten Zeit um die 120 PS auf den Asphalt brachten. Und ab 1971 kam mit dem großen und noch stärkeren Bruder die „Formel Super V“ mit 1,6 Liter VW-Triebwerken und 150 PS zum Zug.

Rennsport für vergleichsweise kleines Geld war in der Formel V und der Formel Ford noch möglich, doch beide Rennserien gehören schon länger der Vergangenheit an, obwohl sie noch heute eine Daseinsberechtigung hätten. Der Top-Rennfahrer ist mit jedem Fahrzeug schneller als seine Konkurrenten, ganz egal ob 34 oder 500 PS die Karre anschieben.

Formel 4

Das Reglement der Formel 4 ist auf junge Fahrerinnen und Fahrer maßgeschneidert. Das mit hohen Sicherheitsreserven ausgestattete Dallara-Monocoque wird von einem 145 PS starken 1,6-Liter-Motor von Volkswagen angetrieben und ist, wie alle weiteren wichtigen technischen Details, bei allen Fahrzeugen identisch. Der 1,6-Liter-FSI-Motor ist mit 145 PS leistungsstark und zuverlässig und somit die ideale Antriebsquelle für eine effektive, hochwertige und trotzdem "kostengünstige" Nachwuchs-Formel, schreibt der ADAC, bei dem der Wagen zu einem Preis von EUR 49’900 bestellt werden kann. Der Fahrzeugpreis wäre ja absolut akzeptabel, doch wenn man von Toto Wolff hört, dass die Saison eine habe Million Pfund verschlingen soll, dann frage ich mich wirklich, wer das noch bezahlen kann. Man muss dazu natürlich wissen, dass man privat mit Passat, Anhänger und Formel-Rennwagen schon gar nicht mehr zugelassen wird, da braucht es schon einen pikfeinen LKW und das gesamte Drumherum, um an einer dieser Meisterschaften teilzunehmen.

Lirim Zendeli (21) F2-Fahrer aus Bochum klagt auf "motorsport.com" über seine Karriere:  "Gerade wenn es einen Schritt nach oben ging, also von der Formel 4 in die Formel 3 und von der Formel 3 in die Formel 2, dann war es noch einmal schwieriger, weil dann doch die doppelte oder dreifache Menge an Geld aufgebracht werden musste."

Das Budget für die höchsten Nachwuchsserien im Motorsport sind oft die grösste Hürde für junge Talente, die es ohne großen finanziellen Hintergrund in den Profisport schaffen wollen. Toto Wolff und Sebastian Vettel kritisieren seit Jahren die gigantischen Kosten in den unteren Kategorien und fordern ein Umdenken. Wolff sagt: "Alle großen Formel-1-Teams sollten in der Lage sein, junge Talente zu erkennen, anstatt es so teuer zu machen, dass eine gute Go-Kart-Saison 250’000 Dollar, eine Formel-4-Saison 500’000 Pfund und eine Formel-3-Saison eine Million Dollar kostet. Das ist völlig absurd und muss aufhören, denn wir wollen Zugang gewährleisten."

Aus eigener Erfahrung

Ich hatte das Glück, drei verschiedene Formel V, sowie einen Formel BMW selbst zu fahren.

Formel BMW im Jahr 2008 mit Daniel Reinhard am Lenkrad

Die Unterschiede sind schon gravierend, was aber nicht heisst, dass der 34 PS starke Formel V viel weniger Spass bereitet. Der Formel V kann mit Käfer-Erfahrung sofort, ganz ohne Instruktion bedient und zügig gefahren werden, was beim Formel BMW nicht wirklich funktioniert. Die Kupplung wird im modernen Monoposto nur zum Anfahren und Runterschalten gebraucht, der Rest geht ohne. Es gibt keine H-Schaltung, sondern sequentielle Getriebe wird mit nach vorne drücken und zurückziehen betätigt, ähnlich wie bei einem Motorrad. Die Aerodynamik und die breiten Slicks ergeben eine komplett andere Fahrdynamik. Im Renntempo des Formel V hat man mit dem Formel BMW das Niveau einer Kaffeefahrt erreicht. Es geht massiv schneller vorwärts, braucht aber dann doch so einiges an Gefühl und Erfahrung, um damit wirklich schnell zu werden. Wird man dann nach so einigen Runden Training und dem Glauben, langsam dabei zu sein, von Augusto Farfus in einer 160 km/h Ecke aussen rum überholt, so wird man von der Realität ganz schnell wieder eingeholt.

P.S. Hier noch die Grundcharakteristiken der angesprochen Einstiegs-Formlen

  • Formel V
    Motor: Vierzylinder Boxermotor aus dem VW Käfer mit 34 PS bei 1200 ccm
    Getriebe: 4-Gang VW Getriebe aus dem VW Käfer (H-Schaltung)
    Leergewicht: 430 kg
    Fahrzeugpreis 1965: rund DM 10’000
    Einsatzzeit: 1965 bis 1973
  • Formel Ford
    Der wesentliche Unterschied zum Formel V war die Vorderradaufhängung, die statt auf Basis von Kurbellenkern mit Querlenkern speziell für den Renneinsatz ausgerüstet waren. Das erste Rennen in Deutschland fand ca. 1971 statt.
    Motor: 1967 Kent-Vierzylinder aus dem Ford Cortina bzw. Escort 1600GT, 105 PS bei 1599ccm
    Getriebe: Hewland 4-Gang
    Leergewicht: ca. 450 kg
    Einsatzzeit: 1971 bis 1983
  • Formel BMW
    Motor: Vierzylinder Reihenmotor aus der BMW K 1200 RS mit 140 PS bei 1171 ccm Hubraum
    Getriebe: Sequentielles Hewland FTR200 Längsgetriebe mit 6 Gängen.
    Leergewicht: 450 kg
    Fahrzeugpreis: EUR 50’000 bis 60’000
    Einsatzzeit: 2002 bis 2010
  • Formel 4
    Motor: Vierzylinder: Sauger max. 2 Liter, Turbos 1,4 oder 1,6l, Leistung max. 145 PS
    Leergewicht: 570 kg
    Preis für ein Chassis: EUR 33’000
    Preis für den Motor: EUR 9500
    ADAC Gesamtpreis: EUR 49’900
    Einsatzzeit: 2014 bis heute
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Archivierte Einträge:

von co******
24.08.2021 (10:29)
Antworten
......darum tummeln sich immer mehr "Herren-Söhnchen" in den Nachwuchs-Kategorien. Nur mit Geld geht's nicht aber ohne muss man es gar nicht versuchen.....leider
von Ke******
24.08.2021 (11:13)
Antworten
Lieber Daniel,

Der obige Artikel trifft den Nagel auf den Kopf.
Die Antwort auf die Frage, warum Motorsport so teuer sein sollte, ist leicht zu beantworten. Einst ein Sport für die Passionierte, ist es heute ein Einnahmemodell für Teams und Veranstalter.

So teuer müssen weder Kart- noch Formelautos in der Nachwuchs Kategorien sein, aber die Regulierungsbehörden haben es aus Mangel an Basis Motor Sportkenntnissen und Geldgier so teuer gemacht.

Mit freundlichen Grüßen
Kees van de Grint
von me******
25.08.2021 (20:26)
Antworten
Im historischen Motorsport kann man mit einem Formel Ford ab ca. 10.000 € entweder für ca. 500 € pro Wochenende "gleichmäßig" oder ab ca. 1.000 € rennmäßig fahren.

Wer das mal kennenlernen will, ist herzlich als Begleiter im Fahrerlager eingeladen (Historic Monoposto Racing)
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