50 und mehr Jahre Lenken ohne Lenkrad

Bruno von Rotz
13.12.2015

Lenkung ohne Lenkrad im Mercedes-Benz F 200 Imagination von 1996 (© Daimler AG)

Vor rund 20 Jahren (1996) stand die Studie Mercedes-Benz F 200 “Imagination” auf dem Pariser Autosalon und verblüffte die Betrachter, weil ein Lenkrad fehlte. Dabei hatten Autoentwickler schon lange zuvor auf das Lenkrad verzichtet. Ein Detroit Electric zum Beispiel wies kein herkömmliches Lenkrad auf, der Mechanismus erinnerte eher an ein Fahrrad.

Richtig in Fahrt kamen die Ingenieure aber in den Fünfziger- und vor allem den Sechzigerjahren. Die Automobil Revue widmete den Entwicklungen damals (1965) zwei ganze Seiten.

Autor Ernst Behrendt nannte fünf Gründe für den Ersatz des bekannten Lenkrads: Sicherheit (keine Lenksäule, die sich beim Unfall in den Oberkörper des Fahrers bohrt), bessere Sicht auf die Armaturen, ungeahnte Konstruktionsfreiheit und Möglichkeiten der Innenraumgestaltung, Bedienungserleichterungen und - man höre und staune - der problemlose Übergang zur “elektronischen Landstrasse”, also zum autonomen Fahren. Wobei man sich hier damals ein induktionsschlaufengesteuertes Hintereinanderfahren auf der Strasse vorstellte.

Chrysler 300 X von 1966 ohne herklömmliches Lenkrad

Ford und General Motors (später auch Chrysler, im Bild der 300 X von 1966)  waren sehr aktiv daran, Alternativen zum herkömmlichen Lenkrad zu entwickeln und kamen dabei auf die unterschiedlichsten Lösungsansätze, der aussichtsreichste wurde dabei “Unicontrol” genannt. Dabei handelte es sich um eine Art Joystick, mit der nicht nur die Lenkung, sondern auch Brems- und Beschleunigungsbefehle übertragen werden konnten.

An den Erfolg dieser Lösungen beim Kunden glaubte niemals, auch der Autor des damaligen Artikels nicht. Er schloss mit den Worten: “Die meisten dieser Konstruktionen sind interessant. Manche scheinen vielversprechend. Voraussichtlich ist aber in den USA vorläufig bei keiner von ihnen mit einer serienmässigen Herstellung zu rechnen, denn das Publikum würde sie nur bestaunen, sie aber nicht kaufen, so sehr sie auch zur inneren Sicherheit bei schweren Unfällen beitragen könnten. Nur eine Möglichkeit scheint es zu geben, dass die Jugend (der Begriff ist nicht nur dem Geburtsjahr nach zu verstehen) die lenkradlose Lenkung entdeckt, sich für sie begeistert und ihren Einbau in Sportmodelle fordert. Das wäre dann die erste Bresche in der Front des Kaufwiderstandes.”
Interessant, nicht wahr? Da müsste man doch glauben, dass sich die Playstation-Generationen mit innovativen Steuerungskonzepten, die sich im Übrigen im Flugzeugbau schon lange durchgesetzt haben, anfreunden könnten.

Doch auch heute, wo die Übertragung von Lenkbefehlen immer mehr von Spurstangen und ähnlichem entkoppelt wird, ist an einen Ersatz des klassischen Lenkrads kaum zu denken. Noch immer sind Joysticks oder andere Benutzerschnittstellen ausschliesslich in Konzeptfahrzeugen (z.B. Mercedes-Benz F 200  (Bild oben) oder Rinspeed) zu finden, während der normale Autofahrer zwar mit einem inzwischen nicht mehr immer runden, aber trotzdem klassischen Lenkrad steuert. Aber vielleicht wird das heiss diskutierte “autonome Fahren” den Lenkradalternativen ja zum Durchbruch verhelfen irgendwann ...

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