Ogle Triplex GTS – Designvorreiter mit ganz schön viel Glas

Erstellt am 11. August 2019
, Leselänge 9min
Text:
Werner Zücker
Fotos:
Daniel Reinhard 
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Archiv Besitzer 
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General Motors / GM 
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Archiv 
6

Die Idee für den Ogle Triplex GTS entstand anlässlich einer Dinner Party  im Hause von David und Margo Jones. David war damals Designdirektor bei Vauxhall. Eingeladen waren der damalige Chefdesigner bei der Ogle Design Ltd., Carl Olson und dessen Frau Sonia, sowie der Marketingdirektor des Autoglasherstellers Triplex, Antony  Cleminson mit Frau Jan.


Ogle Triplex GTS (1965) - von schräg oben wirkt der Wagen am elegantesten
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Auf der Party zur Idee

Cleminson und Olson fanden gleich einen guten Draht zueinander und vertieften sich in Diskussionen über Automobildesign. Im Laufe des Abends schlug Olson dann vor, Ogle könnte ein Konzeptfahrzeug entwerfen, welches die neuesten Technologien von Triplex einbeziehe, und somit der Verkaufsförderung ihrer Produkte dienen würde.

Die Idee fand später auch Anklang bei den Direktionsmitgliedern von Triplex, wurde jedoch als zu teuer für das verfügbare Marketingbudget eingestuft. Es wurde deshalb vorgeschlagen, Ogle solle einige konzeptionelle Ideen in der Form von zweidimensionalen Visualisierungen realisieren. Dies,  um erstens attraktives Material für eine Medienkampagne zu erhalten und zweitens, um Ogles Designkompetenz zu demonstrieren. Bei Ogle wurden in der Folge drei eindrückliche Gouache-Designstudien gestaltet.

Von der Zeichnung zur Realisierung

Auf Grund dieser Designstudien liess sich Triplex für die Idee eines Konzeptautos begeistern, allerdings mit der Einschränkung, dass man ausschliesslich an den Glasscheiben des Konzeptautos interessiert sei. Daher empfahlen die Triplex-Leute, Ogle solle ein bestehendes Fahrzeug in Bereich der Scheiben modifizieren.

Die logische und kostengünstigste Lösung war, ein Fahrzeug mit Fiberglaskarosserie zu verwenden. Glücklicherweise hatte Ogle kurz bevor ein Sportcoupé für Reliant entworfen, das den Namen Scimitar GT trug.

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Die verschlungenen Wege eines Sportwagens

1962 hatte Firmen-Gründer David Ogle ein neues Sportcoupé auf der Basis des doch wenig modern aussehenden Daimler SP 250 vorgeschlagen. Nach dem tragischen Tod Ogles bei einem Verkehrsunfall war es die Aufgabe von Chefdesigner Carl Olsen und Tom Karen das Auto fertigzustellen. Sie legten grössten Wert darauf, Ogles Vorstellungen so engmaschig wie möglich umzusetzen. Der Ogle-Daimler-Prototyp wurde auf dem Ogle-Stand an der 1962 London Auto Show in Earls Court präsentiert.


Ogle SX 250 (1963) - basierte auf dem Daimler SP 250, sah aber sehr viel besser aus
Archiv Automobil Revue

Bei Ogle hoffte man natürlich, das Design an Jaguar verkaufen zu können, welche eben Daimler übernommen hatten. Sir William Lyons zeigte jedoch unglücklicherweise wenig Interesse daran, den SP 250 weiter zu produzieren, da er ihn als Konkurrenz zum neu lancierten Jaguar E Type sah.

Aus dem Daimler wird ein Reliant

Dafür sah aber Ray Wiggin, der Chef von Reliant, den hübschen Ogle SP 250 im Oktober 1962 auf der London Motor Show und er gefiel ihm gut.


Reliant Scimitar GT (1964) - Präsentation an der London Motor Show in Earls Court
Archiv Automobil Revue

Die Automobil Revue schrieb damals:
“Die Firma des kürzlich tödlich verunfallten Industrtezeichners David Ogle wird weitergeführt und will junge englische Kräfte als Karosserieschöpfer ausbilden. Ein überzeugender Entwurf ist ihr Kunststoffcoupé auf dem Chassis des Daimler SP250.”

Wiggan kritisierte allerdings, das Design sei zu stark als SP 250 erkennbar und fragte deshalb, ob es nicht möglich sei, die Konzeption so zu verändern, das der Wagen als eigenständig und neu empfunden würde. So entschlossen sich Olson und sein Team zur Retouchierung der Seitenansicht und der Radkastenöffnungen, eine Anhebung und Verlängerung der Dachlinie sollte mehr Platz im Fonds schaffen, eine komplett neue Front, sowie einem weitgehend neues Interieur grenzten den Entwurf deutlich vom Daimler-Ausgangsprodukt ab.

Im September 1964 konnte der Reliant Scimitar GT vorgestellt werden. Die Wurzeln aus dem Ogle-Daimler-SP-250 waren ihm noch gut anzusehen, die Anpassungen überzeugten. Die Automobil Revue schrieb:
“Die von der David Ogle Associates entwickelte doppelwandige Glasfiber-Karosserie weist eine sehr ansprechende Linienführung auf, deren langgestreckte Motorhaube diesen Wagen besonders schmissig erscheinen lässt. Sein Interieur ist elegant und funktionell gestaltet, die rückwärtige Sitzbank vermag einer dritten Person oder zwei Kindern Platz zu bieten, und die Einzelsitze sind vorbildlich gestaltet.”

Die Kunststoffkarosserie wurde auf ein Chassis aus geschlossenen Profilen und Querverstrebungen aufgesetzt, vorne waren die Räder einzeln, hinten an einer Starrachse aufgehängt. Den Motor übernahm man aus dem Ford Zephyr, was sechs Zylinder und 120 PS bei 5000 Umdrehungen bedeutete.


Reliant Scimitar GT (1964) - Interieur des von Reliant übernommenen Ogle SX 250
Archiv Automobil Revue

Rund 1300 Pfund kostete der neue Sportwagen, den man mit ZF-Fünfganggetriebe oder Viergangschaltbox samt Overdrive ausrüsten wollte.

Perfekte Basis für ein Konzeptfahrzeug

Mit dem Reliant Scimitar GT war nun eine aussichtsreiche Plattform vorhanden, um ein Konzeptfahrzeug zu erstellen bei dem sich die neuen Triplex-Glastechnologien integrieren liessen. Triplex bestand darauf, dass das Design Glasformen berücksichtige, die sich für die Massenproduktion eignen würden. Zum Beispiel besass die hintere Seitenscheibe eine 8-Grad-Biegung, die sich ins Dach krümmte. Dies war der Maximalradius, der produziert werden konnte, ohne eine Verzerrung zu erhalten.


Ogle GTS Triplex (1965) - als massstäbliches, noch unlackiertes Modell
Copyright / Fotograf: Archiv Besitzer

Da Ogle Möglichkeiten erforschte, wie das Scheibenvolumen an einem Fahrzeug wirkungsvoll vergrössert werden kann, bot sich eine Shooting-Brake-Konfiguration als beste Möglichkeit an, um die Fensterflächen bei einem relativ kleinen Auto zu vergrössern.


Chevrolet Corvette Nomad (1954) - dreitüriger Kunststoff-Kombi als Showcar auf Corvette-Basis
Copyright / Fotograf: General Motors / GM

Inspiration für diese konzeptionellen Gedankengänge waren die “Nomad” Corvette-Designstudie von General Motors in einer Sportkombi-Konfiguration, die 1954 erstmals gezeigt wurde.

Knappe Mittel

Das Budget für das Projekt war mit 10‘000 britischen Pfund äusserst eng für ein so ehrgeiziges Projekt. Schliesslich musste mit den Geld das Design entwickelt und das Auto gebaut werden. Immerhin waren die Glasscheiben nicht Teil des Budgets.

In Anbetracht des enormen Zeitdrucks machte sich Keith Jacklin, Chef der Ogle-Prototypenabteilung sofort an die Arbeit und wie meistens bei solchen Projekten wurde auch hier das Budget überzogen.


Ogle GTS Triplex (1965) - GTS stand für Glazing Test Special
Copyright / Fotograf: Archiv Besitzer

Das Auto wurde rechtzeitig für die Londoner Motor Show 1965 fertig und es erhielt äusserst positive Reaktionen. Ogles Renommé als professionelle Designorganisation erhöhte sich mit der Vorstellung des GTS enorm.

Die Automobil Revue erwähnte den “Station Wagon” ausführlich in der Motorshow-Berichterstattung:
“Unter den englischen Erzeugnissen besonders hervorgehoben zu werden verdient schliesslich der als Station Wagon karossierte Reliant Scimitar. Bei dieser viel beachteten Konstruktion handelt es sich um eine «Glasstudie», welche von der bekannten Glasfirma Triplex in Zusammenarbeit mit Ogle und Reliant entstanden ist und die Bezeichnung «GTS» – Glazing Test Special» trägt.
Die Besonderheit bei dieser bemerkenswerten Konstruktion sind die mit einem speziellen Klebemittel eingebrachten wärmeabsorbierenden Glasflächen, ein Verfahren, das neben der General Motors in Europa erstmals beim neuen Vauxhall Cresta zur Anwendung gelangt. Front- und Heckscheibe sind heizbar, und die verbrauchte Innenluft wird durch oberhalb des Überrollbügels angebrachte Schlitze ins Freie abgeführt. Spezielle Aufmerksamkeit wurde beim «GTS» mit Kunststoffkarosserie ebenfalls der Innenausstattung geschenkt, wobei darauf geachtet wurde, jede Spiegelwirkung der grossen und grünlich gefärbten Glasflächen zu vermeiden. Das weitere Entwicklungsprogramm sieht auch Versuche mit neuartigen Glassorten vor, welche sich bei Sonnenbestrahlung dunkel färben.”

Prominente Bewunderer

Antony Armstrong Jones, damals Ehemann von Prinzessin Margret, eröffnete die 1965er Autoschau in London. Er bewunderte den Ogle GTS sehr und hatte grosses Interesse, den Wagen zu erwerben. Vermutlich erzählte er Prinz Philip vom ausgestellten GTS. Da der Prinz die Ausstellung nicht besuchte, bat jener den Wagen nach Windsor Palace bringen zu lassen, damit er ihn sich selber ansehen könne. Die Möglichkeit ergab sich, nachdem der Wagen vom Turiner Autosalon zurück kam.


Ogle GTS Triplex (1965) - Carl Olsen auf den Rückweg aus Turin 1966
Copyright / Fotograf: Archiv Besitzer

Prinz Philip unterbreitete den Projektpartner sogleich eine Kaufofferte. Dieser Kauf bedeutete für Ogle, Triplex und Reliant das königliche Siegel der Anerkennung. In Grossbritannien ist dies von grossem kommerziellen Wert.

Nicht ganz prinzentauglich

Unglücklicherweise musste der Prinz feststellen, dass dem Auto im Verkehr so grosse Beachtung geschenkt wurde, dass es ihm unmöglich war, anonym durch die Stadt zu fahren.


Ogle Triplex GTS (1965) - die grossen Scheiben bieten einen guten Einblick ins Innere
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Daher wurde der Wagen nach ca. zwei Jahren an Triplex zurückgegeben. 1969 konnte die Öffentlichkeit das Auto als “Course Car” beim britischen Grand Prix in Silverstone bewundern.

1973 wurde der Ogle Triplex GTS dem National Motor Museum in Beaulieu als permanente Leihgabe übergeben. Dort stand er 18 Jahre lang zusammen mit berühmten Geschwindigkeitsrekord-Fahrzeugen.

Danach kaufte der bekannte Automobilautor und Historiker Don Pither, der zwei Bücher über die Geschichte von Reliant geschrieben hatte, das Auto, das sich zu jenem Zeitpunkt immer noch im Besitz von Triplex befand.

Pither behielt den Shooting Brake bis zu seinem Tod im Jahr 2002. Seine Tochter Joanna entschloss sich dann, den Wagen zu verkaufen. Carl L. Olsen der frühere Chefdesigner von Ogle,  mittlerweile Chair and Professor of Transportation Design am College for Creative Studies in Detroit, Michigan, hörte davon, lies sich die Gelegenheit nicht entgehen und erfüllte sich mit dem Kauf einen lange gehegten Traum.

Eine Reihe von Premieren

Der “GTS Glazing Test Special” (= G.T.S.) demonstrierte einige erwähnenswerte Glastechnologie-Premieren. Es war weltweit das erste Auto mit komplett eingeklebten Glasscheiben. Er besass auch die weltweit erste beheizte Frontscheibe. Das Scheibenglas wies einen Eisenoxyd Anteil auf, der das Aufheizen durch Sonneneinstrahlung erheblich reduzieren sollte.


Ogle Triplex GTS (1965) - der Blick von hinten zeigt die grosszügige Verwendung von Glas beim Konzeptfahrzeug
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Weitere Designdetails waren der Dachträger, der mit seinem integrierten Heckklappenscharnier das Eindringen von störenden Geräuschen ins Innere des Fahrzeuges verhindern sollte. An der Oberseite des Überrollbügels wurden Entlüftungsschlitze angebracht, um die Hitze bei stehendem und fahrendem Fahrzeug nach aussen zu befördern.

Die erhöhte Gürtellinie im hinteren Viertel mit der Glasscheibe, die sich ins Dach hinein neigt, ist ein Stilelement, das seither etliche Male kopiert wurde.

Aus den USA in die Schweiz

Als Carl Olson beschloss, das Konzeptfahrzeug aus Altersgründen zu verkaufen, vernahm der heutige Besitzer in der Schweiz als einer der Ersten davon und konnte den Wagen erwerben, bevor die vielen britischen Interessenten sich auf das begehrenswerte Objekt zu stürzen vermochten.


Ogle Triplex GTS (1965) - Passanten hielten den Wagen damals von vorne vermutlich für einen normalen Reliant
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Mittlerweile ist der Wagen im Frühling 2019 in der Schweiz eingetroffen. Er befindet sich weitestgehend im Originalzustand und es wurden trotz der inzwischen über 50 Jahren Nutzung und Präsentation kaum Änderungen (Sünden) vorgenommen. Nachdem es sich beim letzten Besitzer um den damaligen Chefdesigner von OGLE handelt, durfte dies auch erwartet werden. Doch wie meistens, wenn Raritäten aus fernen Kontinenten erworben werden, musste bei der ersten Sichtung mit Ernüchterung festgestellt werden, dass der beschriebene Zustand keineswegs der Realität entsprach. Obwohl fahrbar, liegt mechanisch manches im argen. Unglücklicherweise fiel das Auto beim Ausladen im europäischen Hafen auch noch von einem Gabelstapler, sodass auch an der Karosserie Arbeiten anstehen.


Ogle Triplex GTS (1965) - im Gegensatz zum Reliant gibt es im GTS kein Holz zu sehen
Copyright / Fotograf: Daniel Reinhard

Bis im Frühjahr 2020 soll die Rarität wieder in der optischen und mechanischen Verfassung sein, in der sie mit Stolz an öffentlichen Anlässen gezeigt werden kann. Noch vor Beginn der Arbeiten aber konnte der Wagen für diesen Bericht komplett abgelichtet werden.

Wir danken dem Besitzer und der Firma Classic Car Connection für die Unterstützung bei den Fotoaufnahmen.

Weitere Informationen

Bilder zu diesem Artikel

Quelle:
von Cr******
28.10.2019 (21:00)
Antworten
Sehr "atmosphärisch" geschriebener Bericht über dieses kleine Glaswunder, besonders die Dinnerparty mit illustren, noch probier- und risokofreudigen Gästen.
Man fragt sich, worüber die Experten heute diskutieren würden...wahrscheinlich zeigten sie sich nur gegenseitig ihrer Windkanal-geschlüpften Einheitsdesigns....zu solche Heldentaten wie den G.T.S. rafft sich nimend mehr auf...
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