Das Wort zum Zerfall

Daniel Reinhard
22.05.2015

Citroën Traction Avant von 1953 (© Daniel Reinhard)

In einem Punkt vereint sich doch alles wieder, denn an allem nagt der Zahn der Zeit. Jeder Baum erhält jährlich seinen Ring, Jeder Mensch früher oder später seine grauen Haare und ein paar Falten dazu. Häuser beginnen zu bröckeln, Bilder und Teppiche werden blass, Blumen welken, Leben verendet. So lange wir denken und überliefern, zieht ein unaufhaltsamer Kreislauf seine Runden.

In diesem Kreislauf bewegt sich "leider"  auch unser heiss geliebtes Automobil. Ich glaube aber, es gibt keinen anderer Gegenstand in unserem Leben, der soviel Diskussionsstoff über seinen Zerfall liefert wie das Automobil. Kirchenfresken werden restauriert, um wieder in altem Glanz zu erscheinen. Jahrhunderte alte Gemälde werden mit neuer Farbe übermalt, fehlende Teile werden rekonstruiert oder ergänzt. Kein Kunsthistoriker wird jemals vor einem neu restaurierten Michelangelo stehen und sagen: Der ist nicht mehr echt, der sollte vernichtet werden.

Beim Auto wird jedoch dauernd heiss diskutiert was mit einem "Scheunenfund" gemacht werden soll und darf. Konservieren oder restaurieren? Eigentlich nur Konservieren, denn ein Restaurieren würde Neuteile bedeuten, war wiederum heissen würde, dass das Auto am Schluss nicht mehr so da steht, wie es einmal die Werkshalle verlassen hat. Neues Blech, neuer Block, neue Kolben, frische Bremsen, neuer Lack, frisches Leder usw.  ...

In Paris wurde im Frühjahr die Baillon-Sammlung zu absoluten Höchstpreisen unter den Hammer gebracht. Autos in absolut unreparablem Zustand brachten Millionen. Wer glaubt denn schon, dass alle neuen Besitzer dieses äusserst morbiden Kulturgutes pensionierte Pathologen sind, die sich mit der Zerfallsfrage ihres Autos begnügen. Die Autos kommen mit Sicherheit zurück. schon in wenigen Jahren werden sie irgendwo in neuem Glanz erstrahlen. Sie werden besser dastehen, als sie je die Werkshallen verliessen. Sie werden fahrbarer sein, als sie es je waren und alle Kinderkrankheiten werden schon vor der Jungfernfahrt behoben sein. Überlebt hat vermutlich einzig und allein die Chassis-Nummer, vielleicht noch eine Nadel der Benzinanzeige, oder des Tourenzählers. Ich begrüsse diese Einstellung und freue mich über jedes Auto, welches vor dem endgültigen Tod gerettet wird. 

Panhard Tigre PL 17 von 1964 (© Daniel Reinhard)

Alle Autos, genauso wie jeder Mensch, oder jedes Haus befindet sich in einer stetig anhaltenden Restauration. Das Haus wird frisch gestrichen, der Mensch bekommt neue Zähne, das Auto einen frisch revidierten Motor. Rennwagen gelten dabei als Musterbeispiele. Nach jedem Rennen werden sie für den nächsten Einsatz vorbereitet. Alles, was nicht mehr optimale Zuverlässigkeit garantiert, wird ersetzt. Der Motor wird nach bestimmter Laufzeit überholt. Dazu kommen auch einmal Kaltverformungen, die repariert werden müssen. Je länger ein Auto im Einsatz bleibt, je grösser ist seine Regeneration. Dazu muss man wissen, dass in den 50er, 60er und 70er Jahren ein Rennwagen bis zu zehn und mehr Jahre im aktiven Dienst blieb. Über ein Jahrzehnt kamen auch diverse  technische Weiterentwicklungen dazu, die neu am Einsatzfahrzeug angebracht wurden. Kauft man heute einen Rennwagen mit der ach so geliebten Geschichte, so hat das Fahrzeug auch wirklich Geschichte und ist vermutlich dabei auch zu einem komplett anderen Auto mutiert.

Jim Clark zum Beispiel fuhr seinen eigenen Cortina Lotus  als einziger im Urzustand, alle seine Nachfolger brachten bereits diverse Neuerungen an und mussten wohl auch schon mal Motor und Getriebe wechseln oder revidieren. Kauft man heute das Ex-Auto von Clark, so kann man sicher sein, dass selbst Clark sein eigenes Auto nicht mehr erkennen würde.  Man kann nun das Auto restaurieren und dabei so belassen wie es ist, oder aber zurückbauen zu dem, was es einmal war, doch bei beiden Varianten kommen wieder Neuteile dazu.

Was ich nun damit sagen möchte, ist, dass es eigentlich müssig ist, solche Diskussionen zu führen. Sind wir doch einfach froh, gibt es die Freunde alter Autos, die sie hegen und pflegen, restaurieren und zurückbauen. Sie erhalten damit Kulturgut mit allen Mitteln. Es ist doch wirklich völlig egal,ob nun die Birne der Innenbeleuchtung bereits vor dem Krieg gefertigt wurde oder erst gestern. Wichtig ist doch nur, dass die Auto aus genau jenen Komponenten zusammengebaut wurden, die auch beim Original eingesetzt wurden und nicht mit LED-Licht für die Innenbeleuchtung ausgerüstet werden. Die Grenze wird sicher auch dann massiv überschritten, wenn ein MG TC mit einem V8 Big Block, ein Ford T mit Scheibenbremsen, ein 190 SL mit sequentiellem Getriebe, oder ein 250 GTO mit Lachgas-Einspritzung daherkommt. 

Aber schlussendlich sollte doch jeder an seinem eigenen Fahrzeug seine Freude haben und es auch in freier Wildbahn bewegen dürfen.

Diese ganzen Gedanken kamen mir beim Besuchen der aktuellen Ausstellung zum Thema “Scheunenfunde” im Pantheon Basel , den ich nur empfehlen kann.

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