Heute trinken sie keinen Tee mehr
Im Oktober 1962 streikten bei Jaguar 6000 Mann, quasi die gesamte Belegschaft, weil ein Arbeiter nach einem Angriff auf einen Vorarbeiter fristlos entlassen worden war. Zudem wurde kritisiert, dass 20 Mann von der Mk 10 Produktion zur Mk 2 Produktionslinie abgezogen werden sollten, um dort die Produktionskadenz zu erhöhen.
Im Mai 1963 hiess es: 16'000 Arbeiter der britischen Autoindustrie seien blockiert, weil bei Pressed Steel, dem Karosserielieferanten von BMC, gestreikt würde. Und 750 Arbeiter in der Materialüberwachung und Qualitätskontrolle, wieder bei Jaguar, streikten ebenfalls. Doch damit nicht genug: 6000 Arbeiter streikten auch bei Rootes (Humber, Hillman, Sunbeam), weil Fragen der Lohnerhöhung nicht beantwortet seien...
Die Reihe liesse sich unendlich fortsetzen und die schon sehr hohe Streikkadenz intensivierte sich noch in den 1970er-Jahren. Fast täglich wurde zwischen 1970 und 1980 irgendwo in der britischen Autoindustrie die Arbeit niedergelegt. Und selbst wenn in einem Werk kurzfristig gerade der zwischen Gewerkschaftsvertretern und Management zäh ausgehandelte Arbeitsfriede zelebriert wurde, dann legten die Gewerkschafter einen Zulieferer lahm. Mit dem Effekt, dass gleich bei mehreren Herstellern die Arbeit ruhte, selbst wenn man eigentlich bereit war zu arbeiten. Dies nagte nicht nur am Vertrauen in die britische Automobilindustrie, sondern kostete sie auch viel Geld, das wesentlich besser hätte in die Produktentwicklung gesteckt werden können – oder in die Effizienz. Allerdings waren es gerade jene Massnahmen, die zu einer Steigerung derselben hätten führen sollen, die von der Arbeiterschaft bekämpft wurden. Sollte ein veraltetes, unrentables Werk geschlossen werden, solidarisierte sich die gesamte Belegschaft mit den betroffenen Kollegen. Und mehr noch: Sogar Produktverbesserungen wurden so blockiert. Der Choke-Zug mit rundem Knopf, zum Beispiel beim ADO16, sollte durch eine neue Lösung ersetzt werden, die aufprallsicherer war. Die Arbeiter forderten, dass wenn dies geändert würde, die gesamte Produktionszeit jeder Station am Fliessband neu ausgehandelt werden müsse. BL hat dann vorerst auf den sichereren Choke-Zug verzichtet weil klar war, wohin dies führen würde: Zu noch mehr Zeit für die Arbeiter und noch weniger Produktivität. Ein Teufelskreis.
Die Urheber der «Attacken» auf die britischen Automobilwerke von damals tranken Tee. Manche kippten sich wohl auch noch etwas «Extra» dazu, das muss vermutet werden. Eine Werkstatt in der Schweiz hat damals nach Kundenreklamationen – ein Bekannter der Autors – betreffend Poltergeräuschen in einem neuen Sunbeam Stiletto eine im Schweller eingeschweisste Whiskyflasche gefunden!
Rumpeln im Schweller führte bei einem neuen Sunbeam Stiletto für die Schweiz Ende der 60er zu einer darin eingeschweissten Whiskyflasche: Unfug oder Protest – je nach Sichtweise – eines Arbeiters in Linwood, Rootes' Fabrik in Schottland. Schon Anfang der 1960er hatten Unruhen im Werk von «British Light Steel Pressings» in Acton, auch einer Rootes-Fabrik, zu Massenstreiks und letztlich der Entlassung von 8000 Arbeitern geführt. Rootes' Arbeiterschaft zeigte fortan wenig Loyalität.
Doch die «Störenfriede» und «Unruhestifter» stammten aus den eigenen Reihen, wie etwa der berühmt-berüchtigte Arbeiterführer und Gewerkschafter «Red-Robbo» Derek Robinson. Als Mitglied der britischen Kommunisten war er in den 1970er Jahren als Organisator und Vertrauensmann der Gewerkschaft beim Automobilhersteller British Leyland tätig und für rund 500 Streiks und «Walk-Outs», also Arbeitsniederlegungen mitverantwortlich. Den Namen «Roter Robby» hatte ihm die britische Presse verliehen. Für manche das Feindbild schlechthin, für andere ein Kämpfer und Vorbild, war sein Gesicht doch immerhin bestens bekannt und er blieb zeitlebens unbehelligt. Derek Robinson starb 90-jährig im Jahre 2017.
Derek Robinson wurde 1979 von British Leyland entlassen – wie 18'000 weitere Mitarbeiter in diesem Jahr
Die Streiks der 1960er- und 1970er-Jahre in Grossbritannien sind heute Geschichte. Der Thatcher-Regierung ist es letztlich gelungen, die Macht der Gewerkschaften zu brechen. Der Schrecken rund um britische Automobile – oder deren Qualität – hat sich langsam gelegt. Die Massenhersteller sind allerdings verschwunden. Und die Teetassen in britischen Autowerken enthalten heute meistens wirklich nur – Tee! Leere Whiskyflaschen werden auch in UK heute ordnungsgemäss entsorgt oder noch besser: Gar nicht erst mit zur Arbeit genommen.
Doch vor Attacken ist man noch immer nicht gefeit in den Autowerken des Vereinigten Königreiches, wie JLR (oder wie wir ewiggestrigen es viel lieber sehen: Jaguar UND Land-Rover) erst kürzlich schmerzlich haben erfahren müssen.
Eine Cyberattacke (willkommen in der digitalen, vernetzten Welt) hat Ende August die Werke in Solihull, Halewood und Merseyside lahmgelegt. Zusammen mit den Zulieferern wurden dadurch rund 33'000 Arbeiter für rund einen Monat blockiert. Zudem gerieten besonders kleinere Zulieferer in Liquiditätsengpässe, so dass die britische Regierung nun Vorschüsse von 2 Mia Pfund bereitstellen muss – rückzahlbar binnen fünf Jahren.
Woher die Attacken kommen ist derzeit noch unklar und die Täter werden vermutlich unerkannt bleiben. Ob Geld bezahlt wurde ist derzeit ebenso unbekannt. Und ob die Hacker Tee trinken, wissen wir auch nicht... In der Vergangenheit hatten bereits Harrods, der britische Co-op oder Marks & Spencer mit solchen Attacken zu kämpfen.

























