Wer (nicht) bremst, verliert
Haben Sie schon mal einen Boxkampf gegen ein Auto geführt? Ich schon: gegen einen Renault Clio. Es war allerdings kein sehr fairer Kampf, wie ich finde, denn der Clio stieg mit rund einer Tonne mehr in den Ring als ich. Er boxte also längst im Superschwergewicht (über 92 Kilo).
Zugetragen hat sich unser Kräftemessen nicht etwa im Boxstudio direkt unter der Zwischengas-Redaktion, sondern auf einer Quartierstrasse. Ich war mit meinem Uralt-Rennrad von 1986 unterwegs – viel zu spät und viel zu schnell. Vielleicht hätte ich es noch rechtzeitig ans Ziel schaffen können, wenn nicht dieser Clio gemächlich vor mir hergetuckert wäre und mir den Weg versperrt hätte. Ungeduldig fuhr ich hinter ihm drein und hoffte, er würde bald abbiegen.
Plötzlich kam das Auto mitten auf der Strasse zum Stehen. Der Fahrer hatte hinter einer Hecke Kinder gesehen. Ich klammerte mich an beide Bremshebel, aber die fast antiken Bremsklötze verrichteten ihren Dienst nur widerwillig. Mit Scheibenbremsen hätte ich bestimmt einen kürzeren Bremsweg gehabt als der Koloss vor mir, aber so konnte ich nur noch versuchen, rechts auszuweichen. Eine hinterlistige Mauer vereitelte meinen feigen Ausweichversuch jedoch.
So blieb mir nur die Flucht nach vorn. Ich ging zum Angriff über: Mit geballter Faust stürzte ich mich auf meinen Widersacher. Mein linker Haken ging voll ins Auge, meine Faust knallte mitten ins Rücklicht. Meinen Gegner beeindruckte das nicht, er blieb gelassen stehen. «Fuck!», fluchte ich, während ich mit blutender Hand Plastikscherben aufsammelte. Ein Mädchen am Strassenrand schaute mir zu und meinte unschuldig: «Das sagt man aber nicht». Da hatte sie verdammt nochmal recht.
Als Trophäe für seinen glorreichen Sieg erhielt der Clio ein nagelneues Rücklicht. Ich kam mit einer verschnittenen Hand davon – und natürlich noch viel später an mein Ziel. Nun wissen Sie also, warum ich diesem Automodell möglichst aus dem Weg gehe. Auch sonst versuche ich, in keine Prügelei mit einem Auto mehr verwickelt zu werden und die spärlichen Bremsleistungen meines Stahlrenners nicht zu überschätzen.
Dieses Problem werden Oldtimer-Fahrer bestens kennen. Wenn man ohne ABS und Bremskraftverstärker hinter modernen Autos wie dem Renault Clio herfährt, muss man viel mehr Abstand halten, als wenn das Vorderauto ebenfalls mit antiquierter Bremstechnik ausgerüstet ist. Wer immer wieder zwischen modernen und klassischen Autos (oder Velos) hin und her wechselt, darf das nie vergessen.

































