200 Jahre Geschwindigkeitsrausch
Ein Pferd im Galopp erreicht kurzzeitig etwa 60 km/h. Dies war während Jahrtausenden wohl die höchste Geschwindigkeit, die ein Mensch mehr oder weniger gefahrlos erleben konnte – Kamele rennen übrigens auch nicht schneller. Wie der Maler Jean Louis Theodore Gericault 1821 in seinem Gemälde «Derby von Epsom» (oben) erkennen lässt, war der Pferdegalopp der Inbegriff von Geschwindigkeit. Gut, vielleicht hat sich irgendwo in der Vergangenheit jemand in einen Leiterwagen gesetzt und ist darin eine Strasse hinunter gepoltert. Das dürfte allerdings mit 60 oder 70 Sachen kaum glimpflich ausgegangen sein. Selbst eine Römerstrasse wäre dazu wohl zu holprig gewesen.
Eine ruhige Fahrt auf Rädern mit der Geschwindigkeit eines Pferdes, die war erst mit der Erfindung der Eisenbahn möglich. Allerdings waren die ersten Vertreter dieser Idee nicht auf den aalglatten Geleisen von heute unterwegs, sondern auf schmiedeeisernen Stücken von etwa knapp einem Meter Länge. Das war, wie man sich vorstellen kann, ein Gerumpel ohnegleichen. Und ja, auch die Eisenbahn setzte zunächst auf Pferdekraft. Und sie diente nicht der Erhöhung der Reisegeschwindigkeit, sondern jener der Nutzlast, die ein Tier transportieren konnte. Mehr Tempo, das brachte erst der Ersatz des schnell ermüdenden Tiers durch die ermüdungsfreie Maschine.
Zwei Mann reichten nicht, der Fardier rammte 1770 eine Mauer
Cugnot, dessen «Fardier» ich hier auch schon erwähnt habe, versuchte schon 1769 mit einem Dampfwagen der nicht sehr grossen Ausdauer der armen, geschundenen Gäule beizukommen – dummerweise noch ohne Schienen, denn das Vehikel scheiterte an der quasi Unlenkbarkeit der Konstruktion. Der erste «automobile» Fahrversuch der Geschichte endete in einer Mauer. Richard Trevithick führte hingegen 1804 erstmals verbürgt und dokumentiert eine Dampflokomotive. Diese erreichte etwa 5 Kilometer in der Stunde und zog dabei auch noch mehreren Kohlewagen und etwa 70 Männer mit sich. Gewiss, sie hätten bei dem Tempo wohl auch laufen können. Aber immerhin, ein Anfang war gemacht. Trevithicks «Locomotion» war allerdings schwer und liess die geschmiedeten Schienen immer wieder brechen. Und – wie alle diese frühen Eisenbahnen – diente auch diese primär dem Gütertransport.
Richard Trevithicks Locomotion von 1804
Dampfzirkus
1808 konstruierte Trevithick seine letzte Lokomotive und nannte sie sinnigerweise «Catch me who can» – zu Deutsch schlicht: «Fangt mich doch!» Dies nicht ohne Grund: Die Maschine erreichte bei Demonstrationsfahrten gemessene 19 bis 24 Kilometer pro Stunde. Zudem wurden erstmals auf der Strecke in Bloomsbury bei London Passagierfahrten angeboten. Diese Eisenbahn diente keinem Transportzweck sondern sie war eher als Jahrmarktssensation zu verstehen. Immerhin, hier war es zum ersten Mal möglich, gegen Geld mit einer Maschine mitzufahren – und dies schneller als ein Fussgänger.
Die erste öffentliche Eisenbahn aber ging 1825 mit der Linie von Stockton nach Darlington in Betrieb, also vor 200 Jahren. Robert Stephenson hatte die «Locomotion No 1» konstruiert und sie war es auch, die den ersten richtigen Personenzug der Weltgeschichte führte. Für die Strecke von Darlington nach Stockton, rund 40 Kilometer, hatte der Zug am Eröffnungstag im September 1825 mit bis zu 550 Passagieren an Bord exakt 3 Stunden und sieben Minuten gebraucht. Dazwischen lagen zwei Stops von insgesamt 55 Minuten. Einmal hatte einer der Wagen ein Rad verloren, ein zweites Mal benötigte die Lokomotive eine kleine Reparatur. Dennoch hätte die Strecke in dieser Zeit kaum jemand zu Fuss geschafft.
The Locomotion No. 1 als Denkmal zum 50. Jubiläum 1875 der Stockton - Darlington Railway
Danach ging es im Vereinigten Königreich mit Siebenmeilenstiefeln voran. Stevensons «Rocket» erreichte 1829 bereits 48 Stundenkilometer, 1830 marschierte seine «Northumbrian» für die Liverpool and Manchester Railway schon mit 64 km/h – das Pferd war eingeholt und das nicht nur für kurze Momente, sondern als Reisetempo. Und schon in den 1840er-Jahren erreichte eine Maschine der Iron-Duke-Klasse der «Great Western Railway - GWR» verbürgte 129 km/h auf einem Breitspur-Geleise von 2140mm Spurweite. Ab 1852 rannte der GWR-Expresszug mit solchen Maschinen von London Paddington-Station nach Exeter (312 Kilometer) mit einem fahrplanmässigen Schnitt von 85 km/h.
Breitspurlokomotive der Great Western Railway der Iron-Duke Klasse in Teignmouth – erstmals schneller als 100km/h im Linienbetrieb
Wer den Rauch nicht scheute, konnte also schon vor 175 Jahren den Kopf aus dem Wagonfenster stecken und sich so richtig den Fahrtwind ins Gesicht wehen lassen. Das Auto liess noch eine Weile auf sich warten, aber vor 200 Jahren hat die Menschheit einen ersten Vorgeschmack darauf erhalten, wie es sich anfühlt, schneller als im Galopp durch die Landschaft zu rasen.
































