Lieber ein deutlicher Fake als ein diffuser «Believed-to-be»
Die grosse Schweizer Klassik-Messe Swiss Classic World ist bereits wieder Geschichte und der Alltag hat uns wieder eingeholt. Geblieben sind aber manche Impressionen, eine ganz wichtige ist dabei die Fülle an Nachbauten und – sagen wir es so – Upgrades von einfacheren Modellen zum Spitzenmodell. Bei manchen Autos läuten bei mir im Vornherein die Glöckchen, nicht zwingend «Alarm», aber sie signalisieren zumindest: «Obacht!» Das gilt für die meisten Cobras, die einem immer wieder begegnen. Das Gros der Wagen sind Nachbauten, die Übersicht darüber ist kaum mehr zu behalten. In ganz seltenen Fällen tun mir die Besitzer eines Originals leid, die sich mit Fragen zur Echtheit konfrontiert sehen.
Dasselbe gilt mittlerweilen auch für manchen Grand-Prix Bugatti. Ich nenne die 35, 37 oder 51 der Einfachheit halber mal einfach so. Ist es nicht doch ein Pur-Sang, der hier steht? Selbst grossartige Patina mag einem gelegentlich auf die falsche Fährte bringen. Und ja, auch die vielen Le-Mans-Tourer-bodied Bentley bringen mich in den seltensten Fällen mehr in Aufregung. Bei den meisten vermute ich einen Nach- oder Umbau mit einem Anteil an Originalteilen von wenigen Prozenten. Das ist – völlig in Ordnung! Dies allerdings nur, wenn es korrekt deklariert wird. An der Swiss Classic World sind mir verschiedene «Neubauten» begegnet. Da diese quasi noch unbeschriebenen Autos dann in einem «perfekten» Zustand daherkommen – sprich weder wegen Lackfehlern noch wegen eines Öltröpfchens etwas herumzumäkeln wäre – gibt es an Verkehrssicherheit und Zulassungsfähigkeit keine Zweifel. Vielleicht könnte ich mich deswegen aufregen...
Offen deklariert: ein Pur-Sang Bugatti 35, gebaut in Argentinien.
Umso schöner ist es deshalb, wenn die gesamte Geschichte eines Auto vorhanden ist, diese mit Bildern und mit Chassisnummern, alten Spuren und Zeugnissen belegt werden kann. Auch solche Autos waren an der Swiss Classic World zu finden. Genauso viel Freude machte mir die Entdeckung eines Autos, von dem ich schon lange gehört, es aber bisher nie gesehen habe: Ferdinand Hedigers Talbot Cabriolet mit Worblaufen-Carrosserie. Ist dies Ferdis berühmtes «Heubühnen-Auto?» Ich müsste mal nachfragen.
Und schliesslich gibt es noch eine letzte Kategorie, die zwar nicht ganz lupenrein ist, dies aber auch klipp und klar offenlegt. Zwei imposante Beispiele standen heuer, wie der durch-und-durch originale Talbot oder ein als Nachbau deklarierter Pur-Sang, auf dem Stand des Oldierama aus Littau auf der Swiss Classic World: Der als kompletter Neuaufbau entstandene Aston-Martin DB4 GT Zagato aus dem ehemaligen Atelier von Beat Roos in Frauenkappelen (Roos Engineering) und der imposante Mercedes-Benz 540K Autobahnkurier (Bild oben), der – mit der originalen Mechanik gesegnet – nur bei der Stromlinienkarosserie «geschummelt» hat. Diese ist, klipp und klar angeschrieben, ein Nachbau. Und dazwischen liegt dann die Grauzone, liegen die Restomods, die Belair, die einst als profane 210er ins Leben gestartet sind, und so weiter. Wirkliche «Freude», oft nur wegen des Unterhaltungswerts, aber machen stets jene Geschichten, die ein Auto in die Nähe von etwas rücken sollen: «Vermutlich einst in Besitz von...» – eben, ein «Believed-to-be» – und so weiter. Schön!
Mehr Bentley als vielfach üblich und eine nachvollziehbare Geschichte: UL4357 ist im Januar 1929 als 4.5-Litre mit Weyman-Saloon-Karosserie von Gurney Nutting ins Leben gestartet, also ein echter Cricklewood-W.O.-Bentley. Wohl ab den 1950ern bis 1986 trug das Auto eine offene Torpedokarosserie, aber mit langen Kotflügeln, Trittbrettern und in Rot, danach wurde der Bentley im Umfeld des bekannten Vintage-Bentley-Händlers Stanley Mann mit einem Le-Mans-Style Body versehen. Die – verblüffend gekonnt applizierte – Patina ist in der jüngsten Vergangenheit dazugekommen.
Eines ist gewiss: Wer sich an einen professionellen Klassik-Händler wendet, darf erwarten, dass er eine saubere Deklaration mit zu seinem Auto dazu erhält – um was es sich da überhaupt handelt. An der Swiss Classic World, wo immer ich nachgefragt habe bei Zweifeln, wurde mir bereitwillig Auskunft gegeben – auch wenn das Auto ein Nachbau war. Denn ein solcher kann tatsächlich genausoviel Spass bereiten wie das Original, nur ist er meistens etwas günstiger und in manchen Fällen halt ohne den dazugehörigen Schlüssel zum Eintritt in die allernobelsten Automobil-Clubs und -Veranstaltungen dieser Welt. Ich könnte damit leben.


























