Geschichten und Sonntagsausflüge
Die grösste und wichtigste Schweizer Klassiker-Messe, die Swiss Classic World, ist vorbei, das Wochenende war intensiv aber auch hochinteressant. Nach gefühlten hunderten von Gesprächen mit Besucherinnen und Besuchern, Händlern und «immer-zu-Verdächtigenden», ist die Swiss Classic World am Sonntagabend zu Ende gegangen. Manche Geschichten hat man schon oft gehört.
Einiges ist wieder auf dem neusten Stand: wer was wo gekauft hat, welcher Händler welches Schnäppchen gemacht hat oder aber verkauft. Und dann sind da noch die zahlreichen Erinnerungen, die einem erzählt werden. Ganz klar, die Fülle an Klassikern inspiriert manchen, sich an seine Begegnungen mit diesem oder jenen Auto in seiner Vergangenheit zu erinnern. Meistens sind dies alltägliche Geschichten, manchmal aber geradezu haarsträubende Räubergeschichten – und ganz selten gibt es einem einen tiefen Einblick in die Alltagsgeschichte der automobilen Vergangenheit.
Eine solche ist mir dieses Jahr beim Zusammenräumen in den Sinn gekommen. Die Erzählung stammt von einem Kollegen, der sich vor 35 Jahren einen unrestaurierten Adler Trumpf mit Autenrieth Vierfenster-Cabriolet-Carosserie gekauft hatte. Dies aufgrund eines Inserates im Berner Bund, der Tageszeitung der Bundeshauptstadt. Darin war anonnciert: «Zu verkaufen: Adler, Franken 6000.–» und die entsprechende Adresse.
Für eine Schreibmaschine wäre das doch sehr teuer gewesen, ein Motorrad, ein teures zwar, hätte es hingegen sein können, doch es war, wie vermutet: Ein Auto! Es gehörte einem Molkeristen in Bern Bümpliz, also einem Milch- und Käsehändler im Aussenquartier von Bern. Dieser hatte das Auto am Genfer Salon 1936 vom Adler-Stand weg gekauft, dies für 12'000 Franken, darum der halbe Preis, eben 6000 in seiner Annonce, das schien ihm fair zu sein. Das Auto hatte den Krieg überdauert, weil es, mit einfachen Mitteln zum Lieferwagen umgebaut, nie stillgelegt worden war, sondern Milch verteilte.
Der Kollege holte den Wagen, richtete ihn wieder zurecht, was wenig Aufwand bedeutete – das Auto war auf Druck der Frau des Milchhändlers in den 1960er-Jahren garagiert worden: «Da muss man sich ja schämen mit so einer alten Benne!» – und fuhr dann eines Tages wieder nach Bümplitz, um den alten Besitzer zu treffen. Dieser erklärte ihm, dass man damals, in den 1930er-Jahren als kleiner bis mittelständischer Gewerbler schräg angeschaut wurde, wenn man sonntags mit dem Auto einen Ausflug machte. Das schickte sich nicht!
Der Vater des Erstbesitzers hatte sich schon am 1936er-Salon wehement dagegen gesträubt, dass der 36-jährige Junior sich einen kanariengelben Mercedes 170V hatte kaufen wollen. Die Farbe war viel zu auffällig! Der Adler hingegen grau und somit in Ordnung. Ein Auto war grundsätzlich ein Statement, das nicht alle goutierten. Und der Milchhändler war ja jene Figur im Quartier, von der man abhängig war. Also wurde jedes Zeichen, dass er mit dem Gewinn sich einen Luxus leistete, nicht gern gesehen.
Der Erstbesitzer wusste dies, und so fuhr die Familie nie gemeinsam von zu Hause weg. Diese machte sich jeweils zu Fuss auf den Weg in die eine Richtung, er hingegen mit seinem Adler fuhr, mit Anzug und Geschäftsmappe unter dem Arm als Tarnung, in die andere. Erst draussen vor der Stadt, unbeobachtet von den Nachbarn, stieg dann der Rest der Familie zu und man genoss eine gemeinsame Ausfahrt mit dem Adler Trumpf. Dabei waren die Plätze im Innern mit den Erwachsenen besetzt. Der Nachwuchs soll, gemäss der Überlieferung, sich jeweils im zurückgeschlagenen Verdeck des Autos gemütlich gemacht haben. Andere Zeiten und eine herrliche Geschichte, der ich dereinst tiefer nachgehen werde. Das Auto exisitert ja bis heute...


























