Der Papst, Ersatzteile vom Herrenausstatter und etwas Weltgeschichte
Trastevere ist ein schickes Quartier in Rom, bekannt für seine Läden und Boutiquen. Seine verwinkelten Gassen laden dazu ein, hinter jeder Ecke eine neue Überraschung zu entdecken. In seiner Geschlossenheit wirkt der Stadtteil fast wie ein eigenes Dorf, eine eigene kleine Welt in der «Ewigen Stadt». Dass ich mich einst dort auf die Suche nach einem spezifischen Autoersatzteil gemacht habe war die Schuld des – Papstes! Während ich den religiösen Einfluss seiner Heiligkeit auf mich nicht weiter erörtern werde, so kann ich doch ganz offen darüber sprechen – respektive schreiben – wie mich das Kirchenoberhaupt in Sachen Automobil zu recht Erstaunlichem hat bewegen können – nein, es handelt sich hier nicht um ein Wunder.
Der Anfang dieser Geschichte machten die Lateranverträge. Doch, soweit zurück möchte ich hier schon blicken! Diese Verträge regeln das Verhältnis des Kirchenstaats zu seinem einzigen Nachbarn, der Stadt Rom, des Lazio und damit auch zu Italien. Unterzeichnet wurde das Vertragswerk Anfang 1929 im Lateranpalast zwischen dem Italienischen König und dem faschistischen Diktator Benito Mussolini einerseits, und dem Heiligen Stuhl andererseits und löste die «Romfrage». Der Vatikan hatte mit der Italienischen Staatsbildung 1870 sein umfangreiches Staatsgebiet verloren, der Vertrag bezifferte die entsprechende Entschädigung für den Verlust der Romagna, der Marche, von Umbrien, der Marittima et Campagna und des Lazio, des Umlands von Rom. Das Papier war zudem die offizielle Entlassung des Vatikans in seine Unabhängigkeit von Italien – als kleinster Nationalstaat der Welt.
Nun, soweit ist dies nett zu wissen, aber was interessiert dies einen Autonarren wie mich? Die Antwort ist: Die freudige Neuigkeit veranlasste drei Brüder in den USA dem frischen, neuen Staatsoberhaupt, dem Papst, ein Auto zu schenken, das erste, mit dem ein Heiliger Vater eine Autoreise machen würde. Der Wagen war ein Graham-Paige 837, das Spitzenmodell des Hauses mit Reihenachtzylindermotor. Gestiftet hatten das Coupé de Ville Joseph B. Graham (1882–1970), Robert C. Graham (1885–1967), und Ray A. Graham (1887–1932), die Besitzer der jungen, aufstrebenden Automarke aus Detroit. Das Auto machte Geschichte, weil der beschenkte Papst Pius XI am 22. Dezember 1929 den Wagen bestieg und sich damit von St. Peter zur Basilika San Giovanni Lateran hatte fahren lassen. Dies war des erste Mal seit 1870, dass ein Papst den Vatikan verliess – die vier Vorgänger Pius XIs nannten sich zuvor Gefangene in ihrem eigenen Haus – und die erste päpstliche Autofahrt überhaupt.
Die päpstlichen – pardon – hydraulischen Stossdämpfer weckten mein Interesse...
Das Auto steht heute in den Vatikanischen Museen als Teil der Fahrzeugsammlung mit Kutschen, Sänften aber auch einem VW Käfer und mehreren Generationen des Papstmobils. Mein besonderes Interesse an diesem Graham galt aber nicht seiner historischen Bedeutung – sondern dessen hydraulischen Stossdämpfern! Also was macht der geneigte Tourist im Vatikan? Richtig, er schaut sich die Sache genauer an. Meine Tochter hatte ich kurzerhand zum Schmiere-Stehen angewiesen, ich aber setzte mich über die Abschreckung hinweg und legte mich unter das Auto. Fazit: Vorne wie hinten besitzt der päpstliche Graham-Paige über lange Zug- respektive Schubstangen von den Achsen auf die sehr hoch liegenden Hebelstossdämpfer. Damit sind diese genau am selben Ort befestigt, wie meine archaischen «Watson-Stabilator»-Einheiten. Meine Mission im Vatikan war erfüllt, die Sixtinische Kapelle, der Gang hoch in die Kuppel und der Kauf eines kitschigen Souvenirs auf dem Dach neben der Kuppel von St. Peter bildeten nurmehr das Zugemüse dieser investigativen Mission. Ja, etwas Vaterpflicht mag da auch mit dabei gewesen sein – in der Hoffnung, dem Nachwuchs etwas Interesse für Religions-, und Kulturgeschichte vermittelt zu haben. Ich aber wusste nun, es gab auch hydraulische Stossdämpfer für den Graham-Paige!
Weniger Seegang für 48 Dollar plus Einbau: Watson Stabilators waren Stossdämpfer – aber nur für die Zugstufe!
Was aber ist ein «Watson Stabilator»? Kurz erklärt, ist dies eine Schwingungsbremse für die Zugstufe, nicht unähnlich einer Trommelbremse, die mit einem Lederband mit der Achse verbunden ist. Diese federt umgehindert ein und wird beim Ausfedern auf Zug abgebremst und erzeugt so die dämpfende Wirkung. Nicht das Springen des Rades wird so unterdrückt, sondern das Schwingen des Fahrzeugaufbaus. Bei meinem Graham jedoch waren genau dies Lederriemen morsch und gerissen.
Herrengurt aus Rom als Ersatz für morsche Lederriemen am Graham-Paige 619
Ersatz dafür habe ich in Trastevere bei einem feinen Herrenausstatter gefunden, in Form von zwei Ledergürteln. Vielleicht war es dieser päpstliche Geist, der mich erfasst hat in der ewigen Stadt, oder – weltlicher – es war der pure Neid, dass der Mann in der weissen Sutane das bessere Fahrwerk in seiner Karre hat als ich, Fakt ist: Ich musste meinen Graham-Paige-Stossdämpfer noch am selben Tag etwas Gutes gönnen. Voilà! Bis anhin haben die Riemchen ihren Dienst hervorragend geleistet. Deshalb bin ich heute der Meinung, Leder AM Auto ist cool, hydraulische Stossdämpfer sind etwas für Päpste…


























