Verbaute Kisten
Gehören Sie zu den Leuten, die auch einmal versuchen, selber etwas zu reparieren an Ihrem Wagen? Dann werden Sie vielleicht denken, wie dieser Leserbriefschreiber:
“Fast alle Leute, die mit Kraftfahrzeugen zu tun haben, gaben bisher in dieser Rubrik ihre kleinen Sünden zum besten, nur eine Kategorie vermißte ich bisher, nämlich die Konstrukteure. Vielleicht würden sie mehr zum Nachdenken angeregt, wenn sie einmal die Selbstgespräche der geplagten Monteure hören würden, die diese bei bestimmten Arbeiten führen. Ich möchte hier nicht gern die Ausdrücke niederschreiben, mit denen die Schöpfer neuzeitlicher Kraftfahrzeuge mitunter bedacht werden; es sind bestimmt keine Schmeicheleien.
Was sollen wir in der Werkstatt denn auch dazu sagen, wenn wir einen Motor gewissermaßen mit dem „Schuhlöffel" einbauen müssen, wobei noch zwei Mann Hilfestellung leisten, die mit Montiereisen und ähnlichem irgendwie die Bleche oder gar eine Wand zurückdrücken müssen? Konnte der dafür erforderliche Raum nicht schon bei der Konstruktion festgelegt werden? In der anderen Ecke der Werkstatt steht ein Monteur mit ratlosem Gesicht, weil er nicht weiß, wie er ohne Anwendung von roher Gewalt eine Vorderfeder aus so einer „verbauten Kiste" herauskriegen soll. Selbst einfache Wartungsarbeiten bereiten teilweise Schwierigkeiten. Viele solcher Fälle, die uns das Leben sauer machen, könnte ich anführen, aber was das schlimmste ist, es wird von Modell zu Model! nicht etwa besser, nein, die Montagearbeiten werden immer noch mühsamer.
Man kann sich des Eindrucks fast nicht erwehren, daß die Automobilfabriken von Zeit zu Zeit einen Großangriff auf die Autohandwerker starten, mit dem Ziel, diese in andere Berufe zu jagen.
Diese teilweise vermeidbaren Schwierigkeiten bei der täglichen Arbeit sind sicher mit ein Grund, weshalb Kraftfahrzeughandwerker „Mangelware" werden; denn er lernt haben diesen Beruf sicher mehr als ihn heute ausüben. Oder glaubt man in verschiedenen Herstellerwerken, diese hineinkonstruierten Überraschungen bei der Reparatur durch eine Korrektur der Richtzeit- oder Festpreisliste ausgleichen zu können? (Man kann ja bei diesen oder jenen Arbeiten nicht teurer sein als die Konkurrenz.)
Daß man mit solchen Maßnahmen aber die Leistungsfähigkeit der Händler und ihrer Betriebe herabsetzt, vergißt man wohl ganz.
Ein sehr wesentlicher Faktor ist die Wirtschaftlichkeit eines Fahrzeuges, und dazu gehört die gute Zugänglichkeit zu allen Teilen, die auswechselbar sind.
Ich glaube, es lohnt sich, auch auf diesem Gebiet einmal „zu Ende" zu denken, Im Namen vieler Leidtragenden …”
Was den Leser dieser Zeilen im Jahr 2017 vielleicht erstaunen wird, ist die Tatsache, dass der Leserbriefschreiber E.W. sein Schreiben vor exakt 60 Jahren einreichte, also in einer Zeit, also unter der Motorhaube noch richtig viel Platz war im Vergleich zu heute. Was hätte E.W. wohl gedacht, wenn er einem modernen Audi A4 unter die Haube geguckt hätte?
P.S. Der Leserbrief erschien in der Zeitschrift Krafthand 21/1957.


























