Warum fahren die Engländer links?

vb
03.05.2013

MG A in England

Komische Leute, diese Engländer, werden Sie unverzüglich denken, sobald Sie sich ihrer Gewohnheit des Linksfahrens bewusst werden. Warum nur können sie es nicht allen anderen Ländern gleichtun und ganz einfach rechts fahren?

Aber, ist es wirklich so einfach, rechts zu fahren? Wenn Sie jemals schon auf offener Fahrbahn mit irgendeinem rollenden Fahrzeug gewendet haben, dann wissen Sie, dass die normale, beinah instinktive Kreis- und Kehrbewegung sich nach links vollzieht. Und selbst, wenn Sie auf der Strasse einherfahren, werden Sie sicherlich schon konstatiert haben, dass es leichter ist, die Kurven nach links zu nehmen als nach rechts.

Eine interessante - (englische) - Erklärung dieser eigenartigen Tendenz nach links, also links weg von der Ortsveränderung des Menschen, ist biologischen Ursprungs. Da das Herz, als das «vitalste» Organ des menschlichen Wesens betrachtet, sich an der linken Seite des Körpers befindet, mag aus diesem Grunde schon aus dem ältesten, kriegerischen Altertum auch der Schild am linken Arm geführt worden sein.

Während nun die linke Hand auf diese Weise beschäftigt war, musste folglich die Angriffswaffe in der rechten gehalten werden. Diese Waffe bestand gewöhnlich aus einem Schwert, das - wie wir ja alle wissen - in einer Scheide getragen wurde. Damit aber das Schwert im Kampfeinsatz rasch und bequem in die rechte Hand genommen werden konnte, musste logischerweise die Schwertscheide an der linken Seite des Körpers hängen. In den langen Epochen, da das Schwert als die dominierende Waffe galt, wurde als Mittel der Ortsveränderung des Schwertführers das Pferd eingesetzt, und hier nun stellten sich Komplikationen ein. Mit einer links getragenen Schwertscheide war es körperlich unmöglich, das Pferd von der rechten Seite her zu besteigen, es sei denn, man beabsichtigte den damals nur unter den arabischen Kriegsstämmen bekannten akrobatischen «Wildwestsprung» von hinten am Schwanz des Pferdes zu wagen. Folglich war der Reiter gezwungen, sein Pferd stets von der linken Seite her zu besteigen. Um nun das Pferd von der linken Seite her besteigen zu können, war es verständlich, dass der Reiter sein Pferd an der linken Seite der Strasse hinstellte, und zwar aus dem Grunde, um sich während des Aufsitzens nicht dem Verkehr auf der Strasse auszusetzen. Auf diese Weise - so sagen die Engländer heute - wurde der Linksverkehr, ausser in einigen «rückschrittlichen» Ländern, zur allgemeinen Praxis erhoben, während der Rechtsverkehr den biologischen und historischen Instinkten der Menschheit zuwiderläuft.

Dieser Argumentierung wäre vielleicht die Einwendung entgegenzuhalten, dass die Engländer sich auch hätten daran erinnern müssen, wie sehr der Grossteil der damaligen Schwertführer Rechtshänder waren. Aber vielleicht ziehen sie es vor, dieses Argument stillschweigend zu übergehen, obwohl ihnen dies auf die Dauer schwerfallen dürfte, weil sich die Anhänger des Rechtsverkehrs ständig dieses Argumentes bedienen.

Doch sollte Ihnen die etwas unversöhnliche Logik dieser Begründung in Bezug auf die natürliche Richtigkeit der englischen Auffassung und jener eines guten Dutzends anderer Länder über den Linksverkehr nicht überzeugend genug klingen, so sind die Engländer gerne bereit, Ihnen darüber noch andere Erklärungen abzugeben. Sie sind wieder von historischer und kriegerischer Natur, und sie gehen ebenfalls vom Pferd aus. Diese weiteren Erklärungen - so hoffen die Engländer wenigstens - dürften die letzten Zweifel beheben.

In der mittelalterlichen Epoche, wo sich der Pferdewagenverkehr in England zu entwickeln begann, wurden die Strassen dermassen stark von Banditen belagert, dass sich die Kutscher gezwungen sahen, auf der linken Seite zu fahren, weil sie in der linken Hand die Zügel halten mussten, um mit der freien rechten Hand die Pistole zur Verteidigung bedienen zu können. Und als dann später das Auto in England seinen Einzug hielt, sah niemand in England den Grund ein, wozu man jetzt den Verkehr auf den Strassen nach rechts verlegen und auf diese Weise die überlieferten Naturgesetze umstürzen sollte, wenn doch diese Lösung seit vielen Jahrhunderten jedermann - mit Ausnahme der Banditen natürlich - befriedigt hatte.

Tatsächlich gelang es einigen englischen Historikern, den Ursprung des Linksverkehrs in noch früheren Zeiten als im Mittelalter nachzuweisen. Im alten Römischen Reich - so versichern sie - wickelte sich der Verkehr deshalb auf der linken Seite ab, weil die Kutscher von Wagen und anderen Vehikeln auf ihr ein freies Feld zur Handhabung ihrer überlangen Peitsche benötigten; denn schliesslich war die Peitsche damals das einzige Treibmittel zur erhöhten Beschleunigung der Fahrt. Und so kam es, dass dieser Brauch des Linksverkehrs auf Strassen auch nach England gelangte und sich dort einbürgerte.
Wenn wir nun den Engländern in Bezug auf die Strassenverkehrsregeln nicht gefolgt sind, so taten wir dies sonderbarerweise in einer der wichtigsten Auffassungen über den Eisenbahnverkehr, nämlich in der Festlegung der Spurbreite von Schienen. Nur wenige Leute, die mit der Eisenbahn fahren, ahnen, dass das Mass der Spurbreite über 2000 Jahre alt ist und uns immer wieder zu den unausweichlichen Römern führt.

Als dann die ersten Schienenwege der Geschichte auf der englischen Insel angelegt wurden, war es gerade in England, wo sich die traditionelle Dimension der alten Römerstrassen auch auf die Schienenwege übertrug und damit - mit wenigen Ausnahmen - für die gesamte Welt als Norm wurde. Die beiden uns nächsten Ausnahmen bilden Spanien und Russland.

Dieser Beitrag wurde vor genau 50 Jahren in der Automobil Revue 22/1963 abgedruckt und wir dachten, dass die Ausführungen auch heute noch unterhaltsam und interessant sind.

von Helmut Hostettler
08.05.2013
Antworten
C.N.Parkinson, der Urheber des Parkinson-Gesetzes hat argumentiert, dass sich die meisten Leute gerne einer linksseitigen Wand entlang bewegen. Die Begründung ist analog zum oben stehenden Artikel: Das Herz ist durch die Wand (= Schild) geschützt. Wer links fährt, fährt gut, wer links wählt vermutlich weniger.

Das Parkinson Gesetz besgt, dass sich eine Administrationseinheit unabhängig ihres Aufgabenumfanges ständig vergrössert.
Neuen Kommentar schreiben
Möchten Sie einen Kommentar schreiben und mitreden?
  • Ganz einfach! Sie müssen lediglich angemeldet sein, das ist kostenlos und in 1min erledigt!
  • Sie haben bereits einen Benutzernamen für Zwischengas?
    Dann melden Sie sich an (Login).
  • Sie haben noch kein Profil bei Zwischengas? Die Registrierung ist kostenlos und geht ganz schnell.

zwischengas.com

Die umfangreichste Internet-Plattform über Oldtimer, Youngtimer und historischen Motorsport. Mit über 150'000 Besucher pro Monat ist zwischengas.com zur wichtigsten Informationsquelle von Oldtimer-Enthusiasten geworden.

Zwischengas Jahresmagazin

260 Seiten mit Fahrzeugberichten, Veranstaltungsrückblick und Auktionsanalysen.

Ab 6. Dezember 2020 am Kiosk und jetzt im Online-Shop

CHF 12.90 | EUR 9.90 zzgl. Versand

SwissClassics Revue

SwissClassics, das grösste Oldtimermagazin der Schweiz, erscheint mit sechs Ausgaben im Jahr und richtet sich an die Liebhaber von Oldtimern. Berichtet wird über Legenden des Fahrzeugbaus und die Schweizer Oldtimerszene sowie europäische Klassiker-Events.

Bisherige SwissClassics Ausgaben

Loading...

Jetzt kostenlos anmelden und profitieren: mehr lesen und mehr sehen!

Wenn Sie sich mit Ihrem persönlichen Passwort anmelden oder neu registrieren, haben Sie mehr von Zwischengas! Vorteile: weniger Werbung und
andere.
Die Anmeldung ist kostenlos.