Unverhofft kommt oft
Beim morgendlichen Urlaubsfrühstück fragte mich meine bessere Hälfte beiläufig, ob ich eigentlich wisse, dass im Nachbarort in einer alten Mühle zwei Autos der Marke Hansa ausgestellt seien. Das musste ich verneinen, doch beim Stichwort "Hansa" fiel mir spontan das 1100-Coupé eines Malermeisters ein, der Anfang der Sechziger für meine Eltern Arbeiten durchführte.
Und dann erinnerte ich mich auch daran, dass mein in einer alten Hansestadt ansässiger Großvater väterlicherseits in den Dreißigern wohl eine Hansa-Limousine sein Eigen nannte. Nun war die Neugier geweckt. Also auf in den ostfriesischen Ort Varel!
Dort befindet sich seit 1847 eine stattliche, fast 30 Meter hohe Windmühle (sog. "Galerieholländer"), die seit 1974 als Heimatmuseum genutzt wird. Dieses ist sehenswert und mit Liebe zum Detail ausgestattet. Anhand zahlreicher Exponate werden dort traditionelle Handwerkberufe wie etwa Bäcker, Schuster oder Ziegelbrenner, aber auch Küstenschutz sowie Ackerbau und Viehzucht oder Fischerei instruktiv erklärt. Auch kann man sich mit dem Friesensport Boßeln vertraut machen.
Doch zielsicher steuern wir die zunächst die Remise an, in der sich die beiden Hansa befinden. Dazu sollte man wissen, dass die Automobilfirma Hansa 1905 in Varel gegründet wurde und 1914 in Hansa-Lloyd umbenannt wurde. Die Autofabrik war mit zeitweilig 1200 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber der Stadt und produzierte über 10'000 Fahrzeuge. Die Produktion endete jedoch 1929, als der einstige Zulieferer Borgward das Hansawerk übernahm und die Fabrikation nach Bremen verlagerte.
Heute sollen noch 15 Autos der ursprünglichen Marke Hansa existieren, davon stehen zwei restaurierte Exemplare in der Vareler Mühle. Wobei "stehen" nicht ganz korrekt ist, denn beide sind fahrtüchtig und werden auch gelegentlich bewegt.
Zur Linken ist ein gelber, offener Hansa P8 aus dem Jahre 1924 ausgestellt. Wir erfahren von einem der im Museum ehrenamtlich tätigen Helfer, dass der Wagen spannend zu fahren sei, schon weil er über die Kardanwelle gebremst wird. Angeblich handelt es sich hier um das erste Automodell mit Linkssteuerung. Allerdings habe ich das auch schon mal im Horchmuseum gehört. Vielleicht weiß einer der Leser mehr dazu. Rechts davon befindet sich ein Hansa-Lloyd L6/20PS von 1919, eine Limousine mit grün/schwarzer Lackierung.
Doch das sind nicht die einzigen Fahrzeuge des Museums. Neben einem Lanz Bulldog von 1938, der in der Region seinen Dienst verrichtete, gibt es noch einen "Motoporter". Dabei handelt es sich um einen Kleinlastwagen, der in den Jahren 1985 bis 1988 ebenfalls in Varel gebaut und unter anderem am Großglockner ausgiebig getestet wurde. Das Fahrzeug war für den Export nach Osteuropa und in Entwicklungsländer gedacht, doch es blieb bei der Vorserie von zwölf Exemplaren. Schön, dass wenigstens ein Exemplar im Heimatmuseum seinen Platz gefunden hat.
Um noch einmal auf die Überschrift zurückzukommen: Nach dem Besuch der Mühle und schönem Ausblick von deren Galerie war ein Besuch des ehemaligen Fabrikgebäudes unweit der Windmühle naheliegend, ja beinahe zwingend. Es erwartete uns ein Schandfleck oder ein "lost place" – je nach Standpunkt. In dem mehrstöckigen Gebäude mit 2200 Quadratmetern Fläche waren von 1910 bis 1930 die Hansawagen gefertigt worden. Danach wurde die Immobilie unterschiedlich genutzt, zuletzt durch das Militär, welches dort u. a. eine Kleiderkammer untergebracht hatte.
Seit 1996 steht das Gebäude leer; Ostern 2024 gab es dort leider eine Brandstiftung. Es ist schon bedauernswert, dass in fast drei Jahrzehnten keine adäquate Nutzung – insbesondere als Automobilmuseum – gefunden werden konnte. Wer weiß? Vielleicht geht da noch mal was. Auf jeden Fall werde ich mal in alten Familienfotos stöbern, ob es da noch ein Bild vom Hansa des Großvaters gibt.


























