Bernina GT 2025 – vier lange Minuten an Bord
Ein sonniger Tag im Spätsommer auf 2300 Metern Höhe, etwa 30 von 50 Motoren um uns herum erwidern unnachgiebige Gasstösse ihrer kurvenhungrigen Fahrer mit kreischenden Aufwärm-Drehzahlen; Roberto und ich hantieren derweil noch ein wenig: Der erste Helm passte kaum auf meinen grossen Schädel, der zweite noch weniger – egal, wer will jetzt schon „quängeln“ wie ein Fünftklässler; Augen zu, Ohren anklappen, Helm auf und fertig.
Nachdem ich beim Einsteigen so ziemlich an jedem Teil des Überrollbügels einmal erfolgreich mit dem Helm anschlug und dann rasch alle fünf Gurte sauber einklickten, erklärte mir Roberto Restelli noch in Seelenruhe sein Auto, während das Feld vor uns bereits losfuhr. Kein Problem, denn vom Bernina Hospiz geht es im Alfa Romeo Giulia GTAm Gruppe-2 Leichtbau-Rennwagen mit Doppelzündung und etwa 185 PS erstmal zum Aufwärmen den Pass hinunter und es wird eher "stop&go" und Slalom gefahren, zum Aufwärmen der Bremsen sowie der Reifen.
Nun hat „Hospiz" in der deutschen Sprache ja zwei Bedeutungen, schiesst mir durch den Kopf; einerseits eine im christlichen Geist geführte Pension, andererseits eine Einrichtung für die letzte Lebensphase. Ich denke in diesen Minuten – wo ich Passagier bin eines mir noch nie zuvor begegneten, wenn auch sehr sympathischen Fahrers – das Bernina Hospiz wurde ausschliesslich wegen seiner Gastfreundschaft und passenden Lage als Zielpunkt ausgewählt? Davon ist sicher auszugehen.
Robertos GTAm fühlt sich dank zahlreicher Elektron-Leichtmetall-Komponenten im Motorenbau leicht und sportlich an, „das perfekte Auto für solche Strecken“, erklärt mit der studierte Hubschrauber-Ingenieur, der seiner Leidenschaft für den Motorsport gefolgt ist und nur noch solche Fahrzeuge aufbaut, Rennteams betreut und auch viel mit dem berühmten Schweizer Ferrari-Händler und früheren Rennfahrer Ronny Kessel zusammenarbeitet. Roberto sagt, niemand aus seiner Familie wollte ihm glauben, dass er in Italien einen gut bezahlten Job aufgeben will für das, was er heute mit ganzer Leidenschaft macht. „Aber ich konnte nicht anders und ich weiss ja, was ich tue und was mir Freude macht“, erklärt er. Ich fühle mich spätestens jetzt gut aufgehoben, denn intelligente Menschen sind wohl meist besser in der Lage, Risiken adäquat einzuschätzen, auch wenn man sich am Limit bewegt.
Der Weg den Pass hinunter ist derweil geprägt vom herzlichen Grüssen jedes einzelnen Streckenpostens durch Roberto, per deutlicher Armbewegung, stets begleitet von einem leise gemurmelten „Ciao" oder „Grazie“; es wirkt dabei so, als wollte man sicher gehen, dass die Helfer auch engagiert zur Stelle sind, sollte etwa „im unwahrscheinlichen Falle eines Druckverlustes“ doch mal etwas passieren.
Unten in La Rösa angekommen, warten wir hinter einem 1990er Lamborghini Diablo gefühlt eine halbe Ewigkeit; ob unsere Reifen nun noch auf Temperatur bleiben? Offenbar überschätzt die Rennleitung den eher schwergängigen Diablo, denn ganz sicher wird dieser auf einer Passtrasse nur mühsam andere, leichtere Wagen einzuholen vermögen.
Roberto ist beliebt bei allen hier unten am Start und für etwas Smalltalk reicht die Zeit noch. Ich frage ihn, ob meine 85 kg spürbar sein werden für ihn als Fahrer? „Si, naturalmente“ und ich muss für einen Augenblick an den bei unserer „Demonstrationsfahrt" wohl kaum relevanten Zeitverlust denken; schließlich fahren wir nicht „competition“. Denken muss ich aber auch an die zahlreichen Amateuer-Rennrad-Fahrer rund um den Zürichsee, die gerne 10.000 Franken in Ihr Carbon-Velo investieren, aber in der Vorwoche bei drei üppigen Geschäftsessen locker die so eingesparten zwei bis drei Kilo leichterer Fahrradtechnik ganz sicher auf der Hüfte mit dabei haben; eben zum wieder abtrainieren. „But the car is very happy anyway“ sagt Roberto und ich nehme an, er ist es auch – so, wie er mit einem kaum vernehmbaren, aber sicher vorhandenem und zufriedenem Lächeln nach vorne schaut und die Strecke fokussiert.
Und schon werden wir zum Start gewunken und nur wenige Sekunden später fällt die Flagge auch für uns und es geht los.
Wie sich das anfühlt, wollen wir Ihnen nicht vorenthalten mit unserem Video über die gesamten gut vier Minuten Fahrzeit. Den Ton einzuschalten wird empfohlen, um ein besseres Gefühl für Geschwindigkeit und Fahrzeug zu bekommen. Dennoch kann ein solches Video kaum das Erlebnis und die G-Kräfte reproduzieren, wenn Roberto gefühlt nur 20 Meter vor Hindernis-Pylonen in die Bremsen steigt oder auch nur mit dem Gaspedal steuert, während er auf eine Felswand oder einen Abhang von hunderten Metern zusteuert. Und ja, ich würde es immer wieder tun – und gerne auch einmal mit eigener Lizenz auf der Fahrerseite. Schließlich ist es viel sicherer und somit auch sinnvoller, auf abgesperrter Strecke die Kurven zu schneiden, als auf meinen vielen übrigen Fahrten über die vielen schönen Alpenpässe. Aber sehen Sie selbst und vor allem, schauen Sie kommendes Jahr einmal beim Bernina GT vorbei. Und übrigens, jeder kann sich für das Mitfahren anmelden ...

































