Der Reiz des Unbekannten
Wie? Sie denken, das Feld sei abgegrast, die weissen Flecken auf ihrer persönlichen Wissenslandkarte leider nahezu verschwunden, die Neuentdeckungen im grossen, dichten Dschungel der klassischen Automobile würden immer seltener? Sie sind nicht alleine! Gewiss, es gilt bescheiden zu bleiben und sich bewusst zu sein, dass die Welt, die uns so begeistert, zum Glück noch manche Überraschung zu bieten hat. Da begegnet man immer mal wieder einem Auto, das man vielleicht vom Namen her schon mal wahrgenommen hat, aber noch nie leibhaftig zu Gesicht bekommen. Oder umgekehrt, man entdeckt ein Auto und stösst erst nach entsprechenden Recherchen darauf, dass man schon mal davon gehört hat – etwa so wie es mir mit den Deutsch - Bonnet Le Mans (siehe erstes Bild) in Lapalisse im Herbst 2024 ergangen ist. So oder so, diese Momente bleiben spannend und machen gewiss einen Teil der Faszination an klassischen Automobilen aus. Aber eben, wer sich als Klugscheisser versteht, der mag es gut, womöglich mal wieder eine richtige Überraschung zu erleben, natürlich eine positive!
Davon gibt es auch noch ganz viele in der Welt der – kleinen Autos! Und, ich muss es zugeben, die Nüsse, die es hier zu knacken gilt, sind mitunter noch grösser als in der realen Autowelt. Die Rede ist von Spielzeugautos und Modellen und dies gilt besonders, wenn man den Fokus relativ weit offen hält. In meinem Fall ist dies weder vom Material noch von der Grösse abhängig, Miniaturen faszinieren mich immer. Eigentlich mag ich es aber, wenn ein Vorbild erkennbar ist und eine gewisse Ernsthaftigkeit in der Miniaturisierung zu erkennen ist. Dies habe ich bereits kürzlich in meinem B.V.R.T.-Vita-Min Blog erörtert. Es gibt aber auch Ausnahmen, etwa dann, wenn ein gewisses Alter vermutet werden darf oder die Umsetzung der Verkleinerung schlicht einfach gelungen ist.
Noch nie gesehen, aber ins Auge gesprungen: Kleiner, unbekannter Holz-Phaeton aus industrieller Fertigung, vermutlich aus den 1930er-Jahren
Ein besonderer Fall war vor geraumer Zeit ein etwa in 1/50 gehaltenes Holzauto, das ich als Beifang bei einer Hausräumung ergattern konnte. Es war klar, der kleine Phaeton mit bedruckter Karosserie und Blechkotflügeln stammte aus einer indutriellen Fabrikation. Doch wer hat ihn einst hergestellt? Ich wusste, diese Art der Holzbehandlung – hochglanzpoliert und äusserst abriebfest lackiert – und die tiefen Silberprägungen, die kannte ich von irgendwoher. Nur von wo? Es dauerte eine ganze Weile, bis mir in einer einschlägigen Verkaufsplattform ein Puppenhaus-Möbelset aufgepoppt war. Wir spielten mit demselben damals bei unserer Oma, die uns Kindern für unsere Besuche eine Spieleecke eingerichtet hatte.
Ein Puppenhaus-Fernseher als Schlüssel zur Herkunft
Der Fernseher hatte einen silbernen, prägegedruckten Bildschirm. Der Hersteller, laut Verkäufer, hiess ToFa. Dies war der Name für ein verstaatlichtes, Tschechisches Unternehmen in Albrechtice (Albrechtsdorf). Zuvor hatte die Firma Schowanek geheissen und tatsächlich: Unter diesem Namen fand ich einen Baukasten aus den 1930er-Jahren, mit dem man sich genau solche Automodelle aus hölzernen Einzelteilen, Blechkotflügeln und mit Hilfe von kleinen Nägelchen zusammenbauen konnte. Ein Rätsel mehr war gelöst. Das einzigartige Finish der Schowanek Holzwaren rührte übrigens daher, dass die einzelnen Holzeile zusammen mit kleinen Bimssteinchen in einer achteckigen Holztrommel geschleudert und danach eingefärbt und lackiert wurden. Durch die offenen Holzporen drangen Farbe und Lack tiefer in das Holz ein und sorgten so für eine hochresistente und schlagfeste Farbgebung.
Teil eines Bausatzes von Schowanek aus Albrechtsdorf in der Tschechoslowakei um 1935
Wer also noch nie die grosse Sensation gefunden hat, das fehlende Glied in der Modellgeschichte, einen (DEN) verschollenen Citroën Traction-Avant 22CV V8 oder den fehlenden Bugatti Atlantique «La Voiture Noire» sozusagen, für den gibt es Trost. Man kann auch im Kleinen Dinge entdecken und sich darüber freuen. Wem dies alles jedoch zuwenig direkt mit unseren Lieblingen, den «richtigen» Autos zu tun hat, dem kann ich ein weiteres, schier unendliches Betätigungsfeld mit grossem Potential für Neuentdeckungen, ja ganzen Firmenhistorien, die es zu bergen gilt, empfehlen: Wohnwagen!
Caravane de France der Firma Hénon in Albert (F), Modell Ambiance 1967

































