Nur noch fünf Minuten
Ich bin schlecht erzogen. Nicht von meinen Eltern – Gott, bewahre – sondern von meinem Auto. Egal wie sehr ich mich anstrenge, ich kann einen Zündschlüssel nicht von der Nullstellung direkt bis zum Anlasskontakt drehen. Egal wie eilig ich es habe, zwischen dem Einschalten der Zündung und dem Betätigen des Anlassers muss eine kleine Pause sein. Deshalb ist auch in meinen Augen das Unrealistischste an modernen Action-Filmen, dass der Held für eine Verfolgungsjagd in ein Auto springt und eine Sekunde später schon mit quietschenden Reifen davonbraust.
Schuld daran ist der 1998er Citroën Evasion 2.1 Turbo D, mit dem ich als Siebzehnjähriger meine erste Fahrpraxis sammeln durfte. Das ungehobelte Wirbelkammer-Ungetüm wollte noch vor jedem Kaltstart bedächtig vorgeglüht werden und liess sich dabei auch nicht hetzen. Also steckte man den Zündschlüssel ins Schloss, drehte ihn auf Raste zwei und hatte anschliessend alle Zeit der Welt, die Rückspiegel zu justieren, die Sitzposition anzupassen und sich anzuschnallen, ehe der Vierzylinder mit einem Geräusch zum Leben erwachte, als würde man mit einem Umzugskarton voller Porzellan die Kellertreppe herunterstürzen.
Mein erstes eigenes Auto mit 18 Jahren war nicht viel besser. Der 1987er Mercedes-Benz 300 TE hatte als ehemaliges Berlin-Auto eine nachgerüstete elektronische Wegfahrsperre. Die entschärfte sich allerdings nicht wie üblich über einen Funktransponder im Schlüsselanhänger, sondern nur über einen umständlichen Zusatz-Handgriff. Also wieder Zündschlüssel ins Schloss, auf Raste zwei drehen – und alle Lämpchen blieben dunkel. Denn jetzt musste erst ein fummeliger Plastikstift an einen Kontakt an der Lenksäule gehalten werden. Und das dauert, wenn der Schlüsselring nicht den idealen Durchmesser hat.
Auch heute noch drehe ich deshalb nach dem Einsteigen zu allererst den Zündschlüssel auf Raste zwei, bevor ich irgendetwas anderes tue, und lasse selbst dann eine Gedenksekunde, wenn ich den Motor nach einem Stopp vor einem Bahnübergang wieder starten möchte. Ich empfinde es als Geste der Höflichkeit dem Motor gegenüber, ihn nicht ohne Vorwarnung aufzuwecken. Er muss eine faire Chance bekommen, sich darauf einzustellen. Schliesslich möchte ich morgens, wenn der Wecker klingelt, auch nicht sofort unsanft aus dem Bett gekippt werden – sondern mich lieber noch einmal rumdrehen.


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