Das Rallye International des Alpes von 1950 am Furkapass
Als das Frühstück im Hotel Glacier du Rhône noch 2 Franken 50 Rappen kostete, das Diner zwischen 6- und 7 Franken zu haben war, der Rhônegletscher seine Zunge weit ins Tal hinunter streckte, fiel am 19. Juli 1950 eine wilde Meute von 100 Rallyefahrern über die ruhige, verträumte Gegend am Furkapass herein. Von Andermatt her erklommen sie den schmalen, geschotterten Furkapass.
Das Rallye International des Alpes war im Gange. So weit so gut. Doch bei der zügigen Fahrt stellten sich den Franzosen und Engländern, den Italienern und Deutschen und wenigen Schweizern eine motorisierte Militärkolonne der Schweizer Armee in den Weg. Ein Artillerieschiessen war angesagt. Jetzt kamen die Rallyefahrer mit der grosszügig berechneten Sollzeit in Konflikt und da war es nicht verwunderlich, dass viele Teilnehmer die versäumte Zeit mit waghalsiger Fahrweise kompensieren wollten.
Doch nicht nur die Schweizer Armee machte sich breit, auch die Schweizer Post mit ihren Cars Alpins baute fahrende Sperren auf. Zwei Drittel der Strassenbreite war blockiert, überholen ein beinahe unmögliches Unterfangen.
Doch nicht genug des Unheils! Bei der Talfahrt herrschte leichter Gegenverkehr. Von Gletsch her schlichen die Autotouristen bergaufwärts. Als ob sie mit sich und den kochenden Motoren nicht schon genug beschäftigt waren, sahen sie sich plötzlich „total verrückten Rallyefahrern“ gegenüber. Angst und Schrecken verbreitete sich. Hasstiraden, Drohungen, Steinwürfe! Dazu die Staubplage, die trockenen Kehlen, die am Strassenrand abgestellten Wagen, die wild gestikulierende Ferienreisende aus dem Flachland. Laut zeitgenössischen Berichten herrschte am Furka wahre Katastrophenstimmung. Und als krönender Abschluss noch dies: In Gletsch versperrten PTT-Cars die Zufahrt zur Zeitkontrolle!
Die Rallye International des Alpes von 1950 führte von Marseille in die französischen Alpen, in die Dolomiten, über den Grossglockner und via Schweizer Alpen zurück nach dem Zielort in Cannes. Sechs Tage, 3’056 Kilometer, bergauf, bergab, auf nicht abgesperrten Strassen, über eine Unzahl von Pässen, ohne grosse Pausen, die Blicke auf die nächsten Kurve, auf Uhren, Schnitttabellen und Karten. 94 waren am Start, 36 erreichten das Ziel. Gewonnen wurde das Rallye vom Ehepaar Appleyard auf Jaguar XK 120 vor sage und schreibe vier Dyna-Panhard, alle ohne Strafpunkte.
Und da waren aber auch zwei Schweizerequipen ganz schön rangiert. Der bekannte Rennfahrer und Rennwagen-Schweizermeister Harry Zweifel und sein Beifahrer holten sich auf einem MG TD den Sieg in der Klasse 1100 – 1500 ccm, vor dem MG-Importeur J.H. Keller und Ch. Waefler - natürlich auch auf MG.
Das Chaos am Furkapass begründete das schlechte Image des Rallyesportes in der Schweiz. Die Journalisten tobten sich süffisant in sensationslüsternen Artikeln aus. Der Ruf nach Verbot wurde laut, Behörden legten bei zukünftigen Bewilligungsgesuchen ihr Veto ein und so verschwanden bald einmal die grossen internationalen Rallies von den Schweizer Alpenpässen. Doch diese oft pausenlosen Jagden durch ganz Europa waren Auslaufmodelle des Rallyesportes. Der aufkommende Touristenverkehr auf den Alpenstrasse gab ihnen den Rest. Neue Konzepte mussten diese Langstreckenfahrten in die Schranken weisen. Der moderne Rallyesport kündigte sich an: Kurze, langsame Überführungsetappen und abgesperrte Spezialprüfungen auf Bestzeit gefahren.
Zeitkontrolle Hotel Glacier du Rhône in Gletsch
Der 2-Liter-Sunbeam-Talbot 90 mit der Nr. 85 hatte wahrscheinlich ein ruhiges Zeitfenster erwischt. Jedenfalls war von Hektik nichts zu spüren und auch die Gäste verfolgten das Eintreffen der englischen Equipe gelassen und ohne grosse Emotionen. Doch wie war das wirre Pneulager auf dem Dach des Engländers zu erklären? Hatte beim letzten Reifenwechsel doch Panik geherrscht?
Simca der Holländer De Pester/Gast am Oberalppass
Die Holländer De Pester/Gast jagten den Simca zu Oberalppasshöhe hinauf. Sie erreichten aber das Ziel genauso wenig wie die Rallye-Asse Tom Wisdom auf Hillman oder Maurice Gatsonides auf Sunbeam. Die Schotterstrasse forderten ihren Tribut.

































