Nachruf Ratan Tata – Er wollte Land-Rover und verliebte sich in Jaguar
Ratan Tata hatte mehr britische Klasse als mancher englische Manager, entwickelte ein Auto für die Massen und verliebte sich in eine Marke, die er zunächst eigentlich gar nicht haben wollte.
"Als Ford Land-Rover zum Verkauf stellte, waren wir als grösster Lastwagenhersteller Asiens sehr daran interessiert – der 4x4-Bereich passt bestens dazu.", bemerkte Tata einst während eines Autosalons in Genf zu den Gründen der Übernahme. "Jaguar war damals gar nicht auf unserem Radar. Die technische Verflechtung der beiden Marken Jaguar und Land-Rover aber liess es gar nicht mehr zu, sie voneinander zu separieren respektive es wäre viel zu aufwendig gewesen.", so seine Begründung, warum er neben dem Geländewagen- und SUV-Hersteller in Solihull auch noch den Sportlimousinen- und Sportwagenbauer in Coventry übernommen hat.
"Tata war sich über die Geschichte und Bedeutung der Marke Jaguar gar nicht im Klaren, als diese im Paket mit Land-Rover zu ihm gelangt war. Dies hat er mir einst bei einem Dinner bei seinem ersten Auftritt mit Jaguar in Pebble Beach eröffnet.", verriet uns der Jaguar-Sammler Christian Jenny, der mit Tata befreundet war und ihn sogar bei sich zu Hause hat empfangen dürfen. Zu dieser Gelegenheit ist auch unser Foto entstanden.
Von 1991 bis 2012 war Tata Chairman des riesigen Mischkonzerns, dessen Ursprünge als Handelshaus in der Mitte des 19. Jahrhunderts zurückzuführen sind. 2017 nahm er diese Funktion für kurze vier Monate abermals wahr, als es zu einem Disput mit dem damaligen CEO des Konzerns gekommen war. Autos spielten bei Tata stets eine gewisse Rolle. Der Nano – ein Projekt zur vierrädrigen Motorisierung breiter indischer Bevölkerungsschichten – ist in lebhafter Erinnerung geblieben. Auf Kritik meist von westlicher Seite, dass der Wagen kaum die Mindeststandards hiesiger Sicherheitsansprüche erfülle, äusserte sich Tata auf einleuchtende Weise: "Wenn die Menschen sich in mein Auto setzen, statt zu zweit, zu dritt oder mehr auf ein Motorrad, dann ist dies bereits ein wesentlicher Sicherheitsgewinn!" Der Nano zielte mit seinem Preis genau auf das damals meistgefahrene Motorrad Indiens: die Enfield Bullet. Seine Erwartungen konnte der Nano nicht erfüllen. Das indische Publikum erwartete – wie anderswo auf der Welt in Märkten, denen die Massenmotorisierung erst noch bevorsteht – ein "richtiges" Auto – eines, das etwas hermacht.
Mit dem Nano aber hat es Tata verstanden, sich vom nationalen Hersteller zu einer globalen Marke weiterzuentwickeln und sich international im Bewusstsein einzuprägen. Und in Jaguar hat sich Ratan Tata richtiggehend verliebt: "I fell in love with the brand.", gestand der Mann, der in Harvard studiert hatte und als einer der grössten Förderer von Bildungsprojekten in Indien galt. Nach dem Kauf von Jaguar hat sich Tata Bücher besorgt und sich in die Geschichte des Herstellers eingelesen. Er war überzeugt, dass Jaguar mit allen Facetten und vor dem Hintergrund der eindrücklichen Historie erhalten werden müsse. Die heutigen Verantwortlichen sehen das etwas anders: "Die Geschichte des Konzerns ist wesentlich älter als jene von Jaguar, und der Automobilsektor ist nur ein Teil der gesamten Geschäftstätigkeit.", wie Jaguar-PR-Chef Ken MacConomy vergangenes Jahr anlässlich der Abschiedsfahrt des Jaguar F-Type verraten hat.
Ratan Tata – eine der wenigen grossen Persönlichkeiten, die der Automobilindustrie geblieben sind, und einer der letzten Visionäre in diesem Geschäft – ist am 9. Oktober im Alter von 86 Jahren gestorben.


























