Gefährden zukünftige Automobile den Oldtimer?

Bruno von Rotz
01.07.2012

VW 1303 LS Cabriolet von 1975

Über die ersten gut 100 Jahre hat sich das Automobil evolutionär weiterentwickelt. Natürlich wurde viel verbessert und meist waren die Nachfolgemodelle besser als ihre Vorgänge. So reduzierten sich die Bremswege aus Tempo 100 km/h von 100 und mehr Metern auf heute gute 30 Meter. Die Motoren wurden stärker, die aktive und passive Sicherheit stieg an. Nie jedoch wurden frühere Fahrzeuge vom Verkehr ausgeschlossen, wenn auch gewisse Einsatzrestriktionen, z.B. wenn nur Hinterradbremsen montiert waren, in Kauf genommen werden mussten.

Doch was in Zukunft auf uns zukommt, ist durchaus in der Lage, das Aus des Oldtimers im normalen Strassenverkehr auszulösen. Seit Ende der Siebzigerjahre nimmt die Elektronik Einzug im Automobil, seit einigen Jahren sind veritable Computer (einst “Elektronengehirn” genannt!) dazugekommen, die immer mehr Funktionen regeln oder gar ermöglichen. Begonnen hatte es mit dem ABS, dem Anti-Blockier-System, es folgten ESP und immer ausgeklügeltere Systeme, die hauptsächlich die Fahrsicherheit in Grenzsituationen verbesserten und die heute in der Lage sind, Dinge zu tun, denen selbst ein hervorragender Fahrer nur Respekt zollen kann, z.B. ein einzelnes Hinterrad einbremsen, um das Fahrzeug (oder den Anhänger) zu stabilisieren. Diesen Systemen folgten Assistenz-Systeme, die zum Teil warnende Funktion haben, immer mehr aber direkt und aktiv in die Kontrolle des Fahrzeugs eingreifen und z.B. autonom eine Vollbremsung einleiten.

Alle diese Systeme funktionieren jeweils auf ein Auto bezogen. Die Zukunft aber wird mehr und mehr Techniken hervorbringen, bei dem Fahrzeuge untereinander kommunizieren und damit in der Lage sind, Unfälle zu vermeiden, bevor es zum äussersten kommt, oder ganze Kolonnen im engsten Verbund ökonomisch und auf minimalster Strassenfläche lange Strecken zurückkehren zu lassen. “Car-to-Car”-Kommunikation, Sensoren, Kameras und leistungsstarke Computer sind der Schlüssel zu letztendlich selbstfahrenden Autos, in denen der Fahrer die Zeitung liest oder Teil einer Telefonkonferenz ist, statt sich um Richtungsänderungen oder Bremsungen zu kümmern. Schöne neue Welt! Und kein Science-Fiction, denn all die beschriebenen Dinge funktionieren im Labor und teilweise im normalen Strassenverkehr (als Test) bereits.

Doch was bedeutet dies für unsere geliebten Oldtimer, die über keinerlei elektronische Schaltkreise verfügen und nie auf die Idee kämen, sich mit einem anderen Auto zu “unterhalten”? Wie kann sich ein VW Käfer Cabrio in eine mit 100 km/h über die Autobahn gleitende Kolonne mit zwei Metern Abstand von Fahrzeug zu Fahrzeug eingliedern und wie reagiert das Zukunftsmobil des Jahres 2025/2030 (viel weiter weg sind diese Zukunftsboten kaum mehr), wenn unerwartet ein Porsche 356 von rechts bei einer unübersichtlichen Kreuzung ankommt ohne sich vorher car-to-car-mässig kommunikativ anzumelden und aus Sicht des modernen Autos daher gar nicht existiert?

Porsche 356 Speedster von 1957

Im schlimmsten Fall werden die Oldtimer dann von der “normalen” Strasse verbannt und vielleicht auf abgesperrten Posten noch geduldet. Vielleicht aber können ältere Autos einfach mit einer Minimalversion des elektronischen Kommunikationspaketes ausgerüstet werden, um wenigsten am Rande noch am Verkehr der Zukunft teilnehmen zu können, wenn auch mit Einschränkungen.

Nun, in zehn, zwanzig oder dreissig Jahren werden wir es wissen. Bis es soweit ist, können wir ja unsere Oldtimer noch auf den Strassen von heute geniessen.

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